Handlungskompetenz f2 · Fachrichtung Kinder · 2. Lehrjahr

Bei der Planung von bildungs- und entwicklungsunterstützenden Angeboten mitwirken

Entwicklungsbereiche Meilensteine Einflussfaktoren Sprachförderung Lerntheorien Beobachten und verstehen

Inhaltsverzeichnis

Einstieg: Zwei Kinder, gleich alt, und trotzdem ganz verschieden

Praxissituation

Freitagmorgen, Freispiel in der Kita «Sternenland». Yasmin, Lernende im zweiten Lehrjahr, sitzt am Bauteppich. Neben ihr baut Amina, 3 Jahre und 2 Monate alt, einen Turm aus Holzklötzen. «Das ist mein Haus, und jetzt kommt die Katze hinein», erzählt sie und stellt eine Figur auf den obersten Klotz. Der Turm kippt. Amina lacht, sagt «nochmal» und beginnt von vorne.

Ein Raum weiter klettert Enis, 3 Jahre und 4 Monate alt, die Sprossenwand hoch, hängt sich mit einer Hand hinaus und lässt sich auf die Matte fallen. Danach klettert er wieder hoch. Als Yasmin ihn fragt, was er da mache, schaut er sie kurz an, zeigt nach oben und sagt: «Da.»

Am Mittag sagt Yasmin zur Gruppenleiterin: «Enis ist zwei Monate älter als Amina. Aber er redet fast nichts. Ist da etwas nicht in Ordnung?»

Praxissituation: Zwei Kinder im Freispiel in der Kita

Quelle: ChatGPT

Yasmins Frage ist naheliegend. Sie sieht zwei fast gleich alte Kinder und vergleicht sie miteinander. Dabei fällt ihr auf, was das eine Kind noch nicht kann. Was ihr in diesem Moment fehlt, ist ein Massstab: Wissen darüber, was in diesem Alter üblich ist, in welchen Bereichen sich Kinder überhaupt entwickeln und wie unterschiedlich schnell das geschehen darf.

Schaut man genauer hin, zeigen beide Kinder viel. Amina erzählt in ganzen Sätzen, gibt ihrem Bauwerk eine Bedeutung und bleibt nach dem Misserfolg dran. Enis hält sich einhändig an der Sprossenwand, schätzt die Höhe richtig ein und wiederholt die Bewegung so lange, bis sie sitzt. In dieser Szene zeigt Amina viel Sprache, Enis viel Grobmotorik. Ob das ihrem üblichen Muster entspricht, zeigt erst eine Beobachtung über mehrere Situationen hinweg. Beide sind mitten in ihrer Entwicklung, nur eben nicht in allen Bereichen gleich weit.

Genau hier beginnt die Arbeit, um die es in diesem Lerntext geht. Als Fachperson Betreuung beobachten Sie Kinder im Alltag. Aus diesen Beobachtungen leiten Sie mit dem Team ab, was ein Kind als Nächstes braucht, und gestalten einen Rahmen, in dem es diesen nächsten Schritt machen kann. Dafür brauchen Sie Wissen darüber, wie sich Kinder in den einzelnen Bereichen entwickeln und was diese Entwicklung stützt oder erschwert.

Glühbirne Was heisst «bei der Planung von bildungs- und entwicklungsunterstützenden Angeboten mitwirken»?

Ein entwicklungsunterstützendes Angebot ist keine Bastelidee, die für alle Kinder gleich gut passt. Es ist eine Situation, die Sie bewusst so gestalten, dass ein bestimmtes Kind oder eine bestimmte Gruppe den nächsten Schritt üben kann.

Mitwirken heisst hier zunächst: Sie beobachten und verstehen, was ein Beobachtungsmuster entwicklungsbezogen bedeutet, und bringen dieses Verständnis ins Team ein. Ihre Einschätzung stützt sich auf den Entwicklungsstand des Kindes, nicht auf sein Alter und nicht auf den Vergleich mit anderen Kindern. Was das Team daraus für ein Angebot ableitet, entscheidet sich erst im nächsten Schritt.

Was lernen Sie in diesem Lerntext?

Sie lernen,

  • zu beschreiben, wie sich Kinder in den Entwicklungsbereichen Motorik, Denken, Emotionen, Sprache, Sozialverhalten und Moral verändern,
  • zu erklären, warum Entwicklung ein Prozess ist und weshalb Meilensteine nur der Orientierung dienen,
  • zu erläutern, welche Faktoren Entwicklung fördern und welche sie hemmen,
  • zu erkennen, welche Lerntheorien eine Alltagssituation erklären können,
  • zu verstehen, was ein Beobachtungsmuster über den Entwicklungsstand eines Kindes aussagt.

Den roten Faden durch alle Kapitel bildet Beobachten und verstehen. Beobachten kennen Sie aus der Handlungskompetenz f1. Verstehen heisst hier: ein Beobachtungsmuster einem Entwicklungsbereich zuordnen und einschätzen, wo ein Kind darin steht. Jedes Kapitel endet zusätzlich mit der Frage, was das für Ihre Arbeit als FaBe bedeutet und wie sich die Entwicklung im jeweiligen Bereich im Alltag fördern lässt.


Kapitel 1: Entwicklung als Prozess

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

1.1 Was bedeutet Entwicklung?

Wenn Sie ein Kind über ein Jahr hinweg begleiten, sehen Sie Veränderungen. Es läuft sicherer, spricht in längeren Sätzen, hält beim Znacht länger aus, wartet eher, bis es an der Reihe ist. Diese Veränderungen fasst der Begriff Entwicklung zusammen.

Wichtig ist dabei ein Wort aus dem Leistungsziel: Entwicklung ist ein Prozess. Sie ist kein Zustand, den ein Kind erreicht, und kein Zeugnis, das man ausstellt. Ein Kind «hat» keine Entwicklung, es ist immer mitten darin. Für Ihre Arbeit heisst das: Sie beschreiben, wo ein Kind gerade steht und wohin es unterwegs ist, nicht ob es gut oder schlecht dasteht.

Entwicklung hat vier Merkmale, die im Betreuungsalltag immer wieder sichtbar werden.

MerkmalWas Sie im Alltag beobachten
Sie zeigt typische AbfolgenViele Kinder sitzen, bevor sie stehen, und stehen, bevor sie gehen. Tempo, Ausprägung und konkrete Wege unterscheiden sich aber von Kind zu Kind, und manche Fähigkeiten entwickeln sich gleichzeitig.
Sie ist individuellZwei gleich alte Kinder derselben Gruppe sind unterschiedlich weit. Das Tempo ist von Kind zu Kind verschieden.
Sie verläuft ungleichmässigAuf Phasen mit vielen neuen Fähigkeiten folgen ruhige Phasen, in denen sich scheinbar wenig verändert.
Sie ist nicht nur ein VorwärtsUnter Belastung greifen Kinder auf frühere Verhaltensweisen zurück. Ein trockenes Kind macht während der Eingewöhnung wieder in die Hose.

Den letzten Punkt nennt die Fachsprache Regression. Sie ist kein Rückschritt im Sinne eines Verlusts, sondern eine verständliche Reaktion auf eine Belastung: Eingewöhnung, ein Geschwisterchen, ein Umzug, eine Trennung der Eltern. Das Kind holt sich Sicherheit, indem es etwas tut, das schon lange funktioniert. In der Regel verschwindet das Verhalten wieder, sobald die Situation ruhiger wird. Hält ein Rückgang über längere Zeit an, betrifft er mehrere Bereiche oder verliert ein Kind Fähigkeiten, die es sicher beherrschte, gehört die Beobachtung zeitnah ins Team und an die vorgesetzte Fachperson.

Zwei Kräfte treiben Entwicklung an. Die Reifung läuft biologisch gesteuert ab: Das Nervensystem wächst, die Muskeln werden kräftiger, das Gehirn vernetzt sich. Diesen Teil können Sie nicht beschleunigen. Das Lernen dagegen geschieht durch Erfahrung, und hier setzen Sie an. Ein Kind, dessen Beine reif genug zum Klettern sind, klettert nur dann, wenn es etwas zum Klettern findet und jemanden, der es ihm zutraut.

Reifung, Lernen und Selbststeuerung als Faktoren der Entwicklung haben Sie in der Handlungskompetenz f1, Kapitel 6, bereits kennengelernt. Dort finden Sie auch das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt.

1.2 Die Entwicklungsbereiche im Überblick

Damit man über Entwicklung überhaupt sprechen kann, teilt man sie in Bereiche auf. Diese Einteilung ist ein Hilfsmittel für das Hinschauen und für das Gespräch im Team. Das Kind selbst entwickelt sich nicht in Schubladen, sondern als Ganzes.

In diesem Lerntext arbeiten Sie mit den folgenden Bereichen. Sechs davon bilden zugleich die Kapitel 3 bis 8.

BereichWorum es gehtWas Sie im Alltag sehen
MotorikBewegung des ganzen Körpers und der HändeEin Kind balanciert über den Randstein, ein anderes fädelt Perlen auf.
WahrnehmungReize der Sinne aufnehmen, ordnen und deutenEin Kind sucht die Geräuschquelle, ein anderes schaukelt ausdauernd.
DenkenBegreifen, ordnen, Zusammenhänge verstehenEin Kind sortiert die Bauklötze nach Farbe, ein anderes sucht den versteckten Ball.
EmotionenGefühle wahrnehmen, zeigen und regulierenEin Kind weint beim Abschied, ein anderes holt sich das Nuschi und beruhigt sich selbst.
SpracheVerstehen und sich ausdrückenEin Kind zeigt auf den Becher, ein anderes erzählt vom Wochenende.
SozialverhaltenUmgang mit anderen Kindern und ErwachsenenEin Kind spielt neben den anderen, ein anderes verteilt im Rollenspiel die Rollen.
MoralRichtig und falsch unterscheidenEin Kind hält sich an die Regel, solange jemand zuschaut, ein anderes auch dann, wenn niemand hinsieht.

Die Wahrnehmung haben Sie in der Handlungskompetenz f1 ausführlich behandelt. Sie erhält hier deshalb kein eigenes Kapitel, sondern taucht dort auf, wo sie praktisch am wichtigsten ist: bei der Bewegung. Wie Wahrnehmung und Motorik zusammenspielen, sehen Sie im sensomotorischen Kreislauf in Kapitel 3.

Die Bereiche hängen eng zusammen. Ein Kind, das sicher gehen kann, kommt an mehr Material heran und macht dadurch mehr Erfahrungen für sein Denken. Ein Kind mit grossem Wortschatz kann im Streit sagen, was es will, und braucht seltener die Hände. Umgekehrt gilt dasselbe: Wer sich schlecht verständlich machen kann, gerät im Sozialen häufiger in Konflikte. Wenn Sie also in einem Bereich etwas beobachten, lohnt sich der Blick auf die Nachbarbereiche.

Glühbirne Merke

Die Entwicklungsbereiche trennen wir, um genauer hinschauen zu können. Das Kind entwickelt sich immer als Ganzes, und die Bereiche beeinflussen sich gegenseitig.

1.3 Meilensteine: wie Sie die Tabellen in diesem Lerntext lesen

Ein Meilenstein ist ein Entwicklungsschritt, den die meisten Kinder in einer bestimmten Altersspanne machen: das erste Wort, die ersten freien Schritte, der erste Turm aus drei Klötzen. In den Kapiteln 3 bis 8 finden Sie zu jedem Bereich eine Tabelle mit solchen Schritten. Eine besondere Art von Meilenstein ist der Grenzstein: das Alter, in dem rund 90 % der Kinder einen Schritt erreicht haben. Wird ein Grenzstein deutlich überschritten, ist das ein Signal, genauer hinzuschauen, mehr dazu weiter unten.

Vorweg: Alle Altersangaben sind Richtwerte. Je nach Fachbuch, Studie und Beobachtungsinstrument weichen die Angaben in Entwicklungstabellen voneinander ab, teils um mehrere Monate. Das liegt daran, dass Kinder sehr verschieden sind und dass Tabellen auf unterschiedlichen Stichproben und Messweisen beruhen. Einzelne zentrale Angaben in diesem Lerntext, etwa zum Krabbeln, zum freien Gehen und zur Sprache mit zwei Jahren, stützen sich auf eine Schweizer Quelle: die Übersicht von Oskar Jenni (2022) vom Universitäts-Kinderspital Zürich, die auf den Zürcher Longitudinalstudien beruht. Die übrigen Angaben sind allgemeine Orientierungswerte.

Drei Punkte helfen beim Lesen.

Erstens: Spanne statt Datum. Die Tabellen nennen immer eine Altersspanne. Im Durchschnitt gehen Kinder mit etwa 13 Monaten frei. Manche tun es bereits mit 11 Monaten, andere erst mit 18 Monaten (Jenni, 2022). Ein Kind, das mit 15 Monaten die ersten Schritte macht, ist nicht spät dran, es liegt mitten in der Spanne. Diese Spannen sind breit, weil Kinder verschieden sind.

Zweitens: Inhalt, nicht Instrument. Die Tabellen in diesem Lerntext zeigen die Entwicklungsschritte selbst. Die Instrumente, mit denen Sie den Entwicklungsstand erheben und dokumentieren, kennen Sie bereits aus der Handlungskompetenz f1, Kapitel 10: Beller-Entwicklungstabelle, Entwicklungsschnecke und Grenzsteine der Entwicklung.

Drittens: wofür Sie die Schritte brauchen. Sie wissen, worauf Sie im Alltag achten können. Sie können einschätzen, welcher Schritt bei einem Kind als Nächstes anstehen könnte. Und Sie können Ihre Beobachtung im Team mit Worten beschreiben, die alle gleich verstehen. Beschreiben Sie dabei, was ein Kind kann. Wer eine Tabelle als Prüfliste abhakt, sieht am Ende nur, was fehlt, und aus einer Lücke folgt keine sinnvolle Einordnung.

Glühbirne Repetition aus f1

Entwicklungstabellen geben Durchschnittswerte wieder. Vergleichen Sie ein Kind vor allem mit sich selbst von vor drei Monaten und nicht mit anderen Kindern. Die Tabelle dient der Orientierung und kann helfen, Auffälligkeiten früh zu erkennen. Die Grenzsteine sind ein Sicherheitsnetz. Wird eine solche Schwelle nicht erreicht, beschreiben Sie Ihre Beobachtung und geben sie an die vorgesetzte Fachperson weiter.

Die Altersangaben in diesem Lerntext sind Orientierungswerte aus der entwicklungspsychologischen Fachliteratur. Sie ersetzen weder die individuelle Entwicklungsbeobachtung noch eine medizinische oder therapeutische Abklärung.

1.4 Beobachten und verstehen

Gezielt beobachten und die Beobachtung festhalten, das kennen Sie aus der Handlungskompetenz f1. Neu ist in diesem Lerntext der zweite Schritt: eine Beobachtung mit Entwicklungswissen zu verstehen. Erst wenn Sie wissen, wie sich ein Bereich entwickelt, können Sie einschätzen, wo ein Kind darin steht und welcher Schritt als Nächstes anstehen könnte. Was das Team daraus konkret ableitet und wie eine passende Förderung aussieht, zeigen die Kapitel zu den einzelnen Entwicklungsbereichen.

Praktisch stellen Sie sich zwei Fragen in dieser Reihenfolge.

  1. Was habe ich gesehen? Nur die Beobachtung, ohne Deutung.
  2. Was bedeutet das entwicklungsbezogen? In welchem Bereich zeigt sich etwas, und welcher Schritt könnte als Nächstes anstehen?

Die Antwort auf die zweite Frage ist eine begründete Vermutung, keine sichere Ursache. Für eine entwicklungsbezogene Einschätzung braucht es Beobachtungen aus mehreren Situationen und zu verschiedenen Zeitpunkten, dazu den Austausch im Team und wenn nötig Informationen der Eltern.

Angewendet auf die Szene aus dem Einstieg sieht das so aus.

BeobachtungEinordnung
Enis klettert mehrmals hoch, hängt sich einhändig hinaus und springt. Auf eine Frage antwortet er mit einem Wort und einer Geste.In der Grobmotorik ist er sicher unterwegs und sucht selbst Herausforderungen. In der Sprache antwortet er hier mit einem Wort und einer Geste. Ob das sein übliches Muster ist, zeigt sich erst über mehrere Situationen hinweg und in allen Sprachen, die er spricht.
Amina baut einen Turm, erzählt dazu in ganzen Sätzen und beginnt nach dem Einsturz von vorne.In dieser Szene zeigt sie viel Sprache und Ausdauer. Sie hält eine Enttäuschung aus und probiert weiter.

Aus dieser Einordnung liesse sich im Team ein passendes Angebot ableiten, etwa sprachliche Begleitung beim Klettern für Enis oder herausforderndes Baumaterial für Amina. Wie eine solche Förderung konkret aussehen kann, zeigen die folgenden Kapitel zu den einzelnen Entwicklungsbereichen.

1.5 Praxissituation: Der Vergleich im Elterngespräch

Praxissituation

Kita «Sternenland», Dienstagabend. Die Mutter von Enis, 3 Jahre und 4 Monate alt, holt ihn ab. Sie bleibt in der Garderobe stehen und sagt zu Mira, der Bezugsperson: «Meine Schwester hat einen Sohn, der ist gleich alt. Der erzählt ganze Geschichten. Enis sagt zu Hause fast nichts. Machen wir etwas falsch?»

Enis sitzt auf der Bank und zieht seine Schuhe an. Er löst die Klettverschlüsse, schiebt den Fuss hinein und drückt den Verschluss zu. Dann steht er auf, geht zum Haken und holt seine Jacke.

Mira merkt, dass sie gleich sagen möchte: «Das kommt schon noch.» Sie hält kurz inne.

Praxissituation: Abholsituation in der Kita, Elterngespräch

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Die Mutter vergleicht Enis mit einem gleich alten Kind und leitet daraus ab, dass etwas nicht stimmt. Genau das ist der Defizitblick aus Abschnitt 1.3, nur diesmal nicht bei einer Lernenden, sondern bei einer Mutter. Der Vergleich nimmt einen Bereich heraus, die Sprache, und macht ihn zum Massstab für das ganze Kind.

Dabei zeigt Enis in derselben Minute mehreres: Er zieht die Schuhe selbstständig an, schliesst die Klettverschlüsse, weiss, wo seine Jacke hängt, und handelt in der richtigen Reihenfolge. Motorisch und in seiner Selbstständigkeit ist er gut unterwegs. Der Satz «Das kommt schon noch» würde die Sorge der Mutter zwar beruhigen, aber nichts beschreiben. Er sagt weder, was Enis kann, noch was als Nächstes ansteht.

Was hilft?

Mira nimmt die Sorge ernst, ohne den Vergleich zu übernehmen. Sie erzählt, was sie an diesem Tag bei Enis gesehen hat, und bleibt dabei bei konkreten Situationen: wie er die Schuhe angezogen hat, wie er beim Zvieri auf den Becher gezeigt und «no» gesagt hat, als er mehr wollte. Danach beschreibt sie, woran das Team gerade arbeitet: Enis' Wörter im Alltag aufgreifen und erweitern und in den nächsten Wochen genau beobachten, wie er versteht und sich mitteilt.

Dann fragt sie nach, wie es zu Hause aussieht und welche Sprachen dort gesprochen werden. Sie sagt der Mutter zu, das Thema in der nächsten Teamsitzung einzubringen, und vereinbart mit ihr ein Gespräch mit der Gruppenleiterin. Damit bleibt die Einschätzung dort, wo sie hingehört, und die Mutter geht mit einer Beschreibung nach Hause statt mit einer Beruhigungsformel.

Das Wichtigste in Kürze

  • Entwicklung ist ein Prozess: Sie zeigt typische Abfolgen, verläuft bei jedem Kind unterschiedlich schnell, ungleichmässig und unter Belastung auch einmal rückwärts (Regression).
  • Reifung gibt vor, was möglich wird. Ob ein Kind es übt, hängt von seinen Erfahrungen ab, und dort setzt Ihre Arbeit an.
  • Die sechs Entwicklungsbereiche Motorik, Denken, Emotionen, Sprache, Sozialverhalten und Moral sind ein Hilfsmittel zum Hinschauen. Sie beeinflussen sich gegenseitig.
  • Meilensteine sind Altersspannen und gelten für viele Kinder, nie als Messlatte für ein einzelnes Kind.
  • Beschreiben Sie, was ein Kind kann. Aus einer Lücke folgt kein Angebot, aus einer Fähigkeit schon.
  • Aus der Beobachtung wird über die Einordnung ein begründetes Angebot: Was habe ich gesehen, was bedeutet das entwicklungsbezogen, was könnte das Kind als Nächstes brauchen?
Wissenscheck Kapitel 1

1. Zehra, 2 Jahre und 3 Monate, ist seit einem Monat trocken. Seit ihre kleine Schwester auf der Welt ist, macht sie wieder regelmässig in die Hose. Wie ordnen Sie das ein?

  • A: Zehra war offensichtlich noch nicht so weit, sie muss das Trockenwerden von vorne lernen.
  • B: Zehra zeigt eine Regression. Sie greift in einer belastenden Situation auf früheres Verhalten zurück.
  • C: Zehra will die Aufmerksamkeit der Eltern zurück und tut es mit Absicht.
  • D: Zehra liegt ausserhalb der Meilensteinspanne, das Team muss eine Abklärung veranlassen.
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B: Unter Belastung greifen Kinder auf Verhaltensweisen zurück, die ihnen Sicherheit geben. Das Verhalten verschwindet meist wieder, wenn die Situation ruhiger wird, und ist weder Absicht noch ein Zeichen für eine Störung.

2. Sie sollen im Team beschreiben, was Timon, 4 Jahre, beim Anziehen kann. Welche Formulierung ist ressourcenorientiert und für die Planung eines Angebots brauchbar?

  • A: «Timon kann sich noch nicht selbstständig anziehen.»
  • B: «Timon ist beim Anziehen langsamer als die anderen aus der Gruppe.»
  • C: «Timon zieht Hose und Jacke allein an und holt sich für den Reissverschluss Hilfe.»
  • D: «Timon hat beim Anziehen noch Mühe, aber das kommt mit der Zeit.»
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C: Nur diese Aussage beschreibt beobachtbares Verhalten und zeigt, wo Timon steht. Daraus lässt sich ein nächster Schritt ableiten. A und B beschreiben eine Lücke, D beruhigt, ohne etwas zu beschreiben.

3. Dilara, 18 Monate, läuft noch nicht frei, zieht sich aber überall hoch und geht am Möbel entlang. Was folgt daraus für Ihre Planung?

  • A: Dilara liegt am oberen Rand der üblichen Spanne, zeigt aber die Vorläuferschritte. Sie schaffen Gelegenheiten zum Hochziehen und Gehen mit Halt und beobachten weiter.
  • B: Dilara muss täglich üben, frei zu gehen, sonst verpasst sie den Meilenstein.
  • C: Dilaras Reifung ist verzögert, daran lässt sich mit Angeboten nichts ändern.
  • D: Sie warten ab, bis Dilara zwei Jahre alt ist, vorher ist eine Aussage nicht möglich.
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A: Kinder gehen zwischen etwa 11 und 18 Monaten frei. Dilara liegt am oberen Rand dieser Spanne, zeigt aber alle Vorläuferschritte. Mit 18 Monaten gehen rund 90 % der Kinder frei, das Alter ist also ein Grenzstein. Das Angebot knüpft an das an, was sie bereits tut. Ihre Beobachtung bringen Sie zeitnah ins Team ein, damit dort entschieden werden kann, ob weitere Schritte nötig sind.

Kapitel 2: Entwicklungsfördernde und entwicklungshemmende Einflussfaktoren

Leistungsziel f2.3.1: Sie erklären entwicklungsfördernde und entwicklungshemmende Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. (K2)

2.1 Entwicklung geschieht immer in einem Umfeld

In Kapitel 1 haben Sie gesehen, dass Reifung vorgibt, was möglich wird, und dass Erfahrung darüber entscheidet, ob ein Kind es auch übt. Diese Erfahrungen macht ein Kind nicht im luftleeren Raum. Es wächst in einer Familie auf, kommt in eine Gruppe, hat ein Zimmer oder teilt es mit drei Geschwistern, erlebt ruhige oder unruhige Zeiten. All das wirkt darauf, wie sich Entwicklung entfaltet.

Dass Anlage und Umwelt zusammenspielen, kennen Sie aus der Handlungskompetenz f1. In diesem Kapitel geht es einen Schritt weiter: Welche Einflüsse stützen Entwicklung, welche erschweren sie, und was davon können Sie im Betreuungsalltag beeinflussen?

Die Einflüsse wirken auf drei Ebenen.

EbeneWas dazugehörtBeispiel aus dem Alltag
Das Kind selbstGesundheit, Temperament, bisherige Erfahrungen, FähigkeitenEin Kind, das häufig krank ist, fehlt oft und findet schwerer Anschluss an die Gruppe.
Die nahe UmgebungFamilie, Kita oder Tagesbetreuung, Nachbarschaft, FreundschaftenEin Kind, mit dem zu Hause viel gesprochen wird, hört täglich Hunderte von Wörtern mehr.
Das weitere UmfeldWohnsituation, finanzielle Lage der Familie, Migration, gesellschaftliche BedingungenEine enge Wohnung ohne Aussenraum schränkt die Bewegungserfahrungen ein.

Die Ebenen hängen zusammen. Eine finanzielle Notlage bleibt selten beim Geld: Sie erzeugt Stress bei den Eltern, und dieser Stress zeigt sich in der Art, wie die Familie miteinander umgeht. Umgekehrt kann eine gute Nachbarschaft eine belastete Familie so weit entlasten, dass beim Kind wenig ankommt.

Glühbirne Was sind Risiko- und Schutzfaktoren?

Ein Risikofaktor ist ein Merkmal beim Kind oder in seinem Umfeld, das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Entwicklung erschwert verläuft. Ein Schutzfaktor ist ein Merkmal, das die Entwicklung stützt und die Wirkung von Belastungen abschwächt.

Beide sind Wahrscheinlichkeitsaussagen aus der Forschung, keine Prognose für ein einzelnes Kind. Aus «Kinder aus Familien mit finanziellen Sorgen haben häufiger Schwierigkeiten in der Schule» folgt nichts über das Kind, das heute Morgen bei Ihnen in der Garderobe steht.

2.2 Was Entwicklung erschwert

Risikofaktoren lassen sich nach denselben Ebenen ordnen. Die folgende Übersicht nennt die Faktoren, die Ihnen im Betreuungsalltag am häufigsten begegnen.

EbeneRisikofaktoren
Beim KindFrühgeburt, chronische Krankheit, Beeinträchtigung, anhaltende Schmerzen, ein Temperament, das schwer zu beruhigen ist
In der Familieanhaltende Konflikte, Trennung mit Streit, psychische Erkrankung oder Suchterkrankung eines Elternteils, Gewalt, Vernachlässigung, häufig wechselnde Bezugspersonen
Im weiteren UmfeldArmut, beengte Wohnverhältnisse, häufige Umzüge, soziale Isolation der Familie, fehlende Anschlussmöglichkeiten nach einer Migration

Drei Dinge sind beim Lesen dieser Liste wichtig.

Erstens: Die Menge macht einen Unterschied. Viele Kinder bewältigen einen einzelnen Risikofaktor gut, besonders wenn sie dabei unterstützt werden. Je nach Art kann aber auch ein einzelner Faktor schwer wiegen. Besonders kritisch wird es, wenn mehrere gleichzeitig auftreten und lange andauern. Eine Trennung der Eltern allein ist etwas anderes als eine Trennung, bei der zusätzlich die Wohnung gewechselt wird, das Geld knapp ist und ein Elternteil erkrankt.

Zweitens: Auch die Dauer zählt. Ein einmaliges belastendes Ereignis verarbeiten viele Kinder gut, wenn danach wieder Ruhe einkehrt und sie dabei begleitet werden. Eine Belastung, die über Monate anhält, wirkt oft tiefer, weil das Kind kaum in einen Zustand von Sicherheit zurückfindet. Ein einzelnes, sehr schweres Ereignis kann aber ebenfalls lange nachwirken. Wie stark etwas wirkt, hängt auch vom Alter des Kindes und von der Unterstützung ab, die es erhält.

Drittens: Sie sehen nicht die Faktoren, Sie sehen Verhalten. Niemand sagt Ihnen morgens in der Garderobe, dass zu Hause seit Wochen gestritten wird. Sie sehen ein Kind, das unruhig ist, schlecht einschlafen kann, im Freispiel die Nähe sucht oder plötzlich bei jeder Kleinigkeit weint. Diese Verhaltensänderung ist Ihre Beobachtung, und sie gehört ins Team, auch wenn Sie den Grund dafür nicht kennen.

Glühbirne Merke

Risikofaktoren erhöhen eine Wahrscheinlichkeit, sie bestimmen keinen Verlauf. Wichtig sind Anzahl, Dauer und Schwere der Belastungen und die Unterstützung, die ein Kind erhält.

2.3 Was Entwicklung stützt

Schutzfaktoren sind nicht einfach das Gegenteil der Risikofaktoren. Sie wirken wie ein Puffer: Sie mildern ab, was an Belastung auf ein Kind trifft. Man unterscheidet Faktoren, die im Kind selbst liegen, und solche, die aus seinem Umfeld kommen.

Beim KindIm Umfeld
die Erfahrung, dass eigenes Handeln etwas bewirktmindestens eine verlässliche Bezugsperson, die das Kind mag
sich beruhigen können, allein oder mit Hilfeein Alltag mit klarer Struktur und wiederkehrenden Ritualen
sich sprachlich ausdrücken könnenRegeln, die verständlich sind und für alle gelten
auf andere zugehen und Kontakt haltenFreundschaften in der Gruppe
Interessen und Dinge, die Freude machenein Ort, an dem das Kind etwas gut kann und dafür gesehen wird

Ein besonders bedeutsamer Schutzfaktor steht in der ersten Zeile rechts. Eine Bezugsperson, die verlässlich da ist, das Kind mag und feinfühlig auf es eingeht, kann Belastungen abfedern. Bei schweren oder anhaltenden Belastungen ersetzt sie jedoch keine weitergehende Unterstützung. Diese Person muss nicht die Mutter oder der Vater sein. Es kann die Grossmutter sein, eine Nachbarin, eine Lehrperson oder eben die Bezugsperson in der Kita.

Eine bekannte Langzeitstudie dazu stammt von Emmy Werner und Ruth Smith (2001). Sie begleiteten auf der Hawaii-Insel Kauai rund 700 Kinder eines Jahrgangs von der Geburt bis ins Alter von 40 Jahren. Ein Teil davon wuchs unter mehreren Belastungen gleichzeitig auf. Etwa ein Drittel dieser Kinder entwickelte sich trotzdem gut. In dieser Studie hatten diese Kinder besonders häufig eine stabile, zugewandte Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Person innerhalb oder ausserhalb der Familie. Das ist ein Befund aus einer Studie, keine Garantie für das einzelne Kind.

Abbildung 1: Risiko- und Schutzfaktoren als Waage
Eine Waage, auf deren einer Seite Belastungen liegen und auf deren anderer Seite Schutzfaktoren wie eine verlässliche Bezugsperson, Struktur und Freundschaften liegen

Quelle: ChatGPT

2.4 Resilienz

Wenn ein Kind trotz erheblicher Belastungen eine gute Entwicklung nimmt, spricht die Fachsprache von Resilienz. Der Begriff wird im Alltag oft falsch gebraucht, deshalb lohnen sich drei Klarstellungen.

Resilienz ist keine Eigenschaft, die ein Kind hat oder nicht hat. Sie entsteht im Zusammenspiel von Kind und Umfeld. Ein Kind, das in der Kita eine feste Bezugsperson hat, ist in dieser Zeit widerstandsfähiger als dasselbe Kind nach einem Wechsel in eine Gruppe, in der es niemanden kennt.

Resilienz ist nicht dauerhaft. Ein Kind, das mit der Trennung der Eltern gut zurechtkommt, kann ein Jahr später an einem Umzug fast zerbrechen. Umgekehrt bleibt ein Kind, das eine schwierige Phase hatte, nicht für immer «das belastete Kind».

Resilienz heisst nicht, dass es dem Kind gut geht. Ein Kind kann funktionieren, mitmachen und niemandem auffallen und trotzdem grosse Anstrengung leisten. Gerade ruhige, angepasste Kinder werden deshalb leicht übersehen.

Den Gegenpol bildet die Vulnerabilität, also eine erhöhte Verletzlichkeit gegenüber Belastungen. Ein frühgeborenes Kind, ein Kind mit chronischer Krankheit oder ein Kind, das schon mehrere Beziehungsabbrüche erlebt hat, kann auf dieselbe Belastung stärker reagieren als ein Kind ohne diese Vorgeschichte.

Glühbirne Merke

Resilienz ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Ergebnis. Der Satz «Die ist halt robust» ist keine Einschätzung, sondern ein Grund, genauer hinzuschauen.

2.5 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Die meisten Risikofaktoren können Sie nicht verändern. Sie beeinflussen weder die Wohnsituation einer Familie noch eine Trennung noch eine Erkrankung. Die Schutzfaktoren dagegen liegen zu einem erheblichen Teil in Ihrem Arbeitsbereich. Kita, Tagesbetreuung oder Kinderwohnen können für Kinder ein verlässlicher und stabilisierender Ort sein. Für Kinder, die vorübergehend oder dauerhaft nicht bei ihrer Familie leben können, sind FaBe im Kinderwohnen oft über lange Zeit die konstantesten Bezugspersonen.

SchutzfaktorWie Sie ihn im Alltag stärken
Verlässliche BeziehungSie begrüssen das Kind persönlich, kennen seine Themen und sind berechenbar in Ihren Reaktionen, auch an einem anstrengenden Tag.
Struktur und RitualeDer Tagesablauf bleibt gleich, Übergänge werden angekündigt, das Znüni läuft immer ähnlich ab. Wo zu Hause vieles unklar ist, gibt das Halt.
Erfahrung von WirksamkeitDas Kind darf Dinge selbst tun und selbst fertig machen, auch wenn es länger dauert. Es hilft beim Tischdecken, trägt Verantwortung für eine kleine Aufgabe.
Etwas gut könnenSie geben dem Kind Gelegenheiten in dem Bereich, in dem es stark ist, und machen das in der Gruppe sichtbar.
Anschluss in der GruppeSie begleiten Spielkontakte, statt sie dem Zufall zu überlassen, besonders bei Kindern, die von sich aus nicht auf andere zugehen.

Dazu kommt Ihre Rolle im Blick auf die ganze Situation. Sie beobachten Veränderungen im Verhalten und beschreiben sie, ohne sie zu deuten. Sie bringen diese Beschreibung ins Team und an die vorgesetzte Fachperson. Ob eine Familie zusätzliche Unterstützung braucht und welche, entscheiden nicht Sie. Eine Einschätzung der familiären Situation oder gar eine Diagnose gehört nicht zu Ihrem Auftrag, Ihre Beobachtung dagegen ist oft der erste Hinweis, der überhaupt vorliegt.

Und ein Punkt, der schnell untergeht: Auch Kinder ohne erkennbare Belastung profitieren von denselben Schutzfaktoren. Struktur, verlässliche Beziehungen und Erfahrungen von Wirksamkeit sind keine Sondermassnahme für schwierige Fälle, sondern die Grundlage guter Betreuung.

2.6 Praxissituation: Milena wird zur Mitarbeiterin

Praxissituation · Tagesbetreuung

Tagesbetreuung «Moosried», Mittwochnachmittag. Milena, 8 Jahre und 6 Monate alt, kommt seit drei Wochen anders herein als vorher. Sie zieht die Schuhe aus, geht direkt in die Küche und fragt Remo, den FaBe, ob sie beim Zvieri helfen dürfe. Das tut sie jetzt jeden Tag. Sie schneidet Äpfel, danach räumt sie ab und wischt den Tisch. Zu den anderen Kindern geht sie kaum noch.

Remo weiss aus dem Team, dass Milenas Eltern sich getrennt haben und Milena neu unter der Woche bei der Mutter wohnt. Beim Abholen wirkt die Mutter erschöpft und hat es eilig.

Eine Kollegin sagt in der Pause: «Milena ist so eine Liebe. Sie macht das super, die kommt gut zurecht damit.»

Praxissituation: Milena in der Tagesbetreuung

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Bei Milena kommen mehrere Veränderungen zusammen: Die Eltern haben sich getrennt, und sie wohnt unter der Woche neu bei der Mutter. Dazu wirkt die Mutter beim Abholen erschöpft. Ob und wie sehr das alles Milena belastet, weiss Remo nicht. Klar ist nur: Mehrere Veränderungen fallen zeitlich zusammen, und Milenas Verhalten hat sich verändert. Das verdient Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig zeigt Milena Verhalten, das auf den ersten Blick unauffällig oder sogar erfreulich wirkt. Sie ist hilfsbereit, zuverlässig und macht keine Umstände. Genau das macht die Situation heikel. Der Satz der Kollegin ist der Satz aus Abschnitt 2.4: Aus «sie funktioniert» wird «es geht ihr gut». Die Veränderung im Verhalten fällt dabei unter den Tisch, obwohl sie deutlich ist. Milena hat sich innerhalb von drei Wochen aus der Kindergruppe zurückgezogen und die Nähe zu einer erwachsenen Person gesucht.

BeobachtungEinordnung
Milena hilft seit drei Wochen täglich in der Küche und spielt kaum mehr mit anderen Kindern.Verhaltensänderung, die zeitlich mit der Trennung zusammenfällt. Möglicherweise sucht sie Nähe zu einer verlässlichen erwachsenen Person, was nachvollziehbar wäre. Gleichzeitig hat sie weniger Kontakt zu den Kindern, also zu einem zweiten Schutzfaktor.
Milena übernimmt Aufgaben, schneidet, räumt ab, wischt.Sie erlebt sich als wirksam und gebraucht. Das ist eine Ressource, auf die sich aufbauen lässt.

Was hilft?

Remo nimmt Milenas Wunsch nach Nähe ernst und stellt ihn nicht ab. Er hält an der Zvieri-Aufgabe fest, weil sie Milena sichtbar guttut, und gibt ihr dabei verlässlich seine Aufmerksamkeit. Er beginnt aber, die Aufgabe zu zweit zu vergeben: Milena und ein anderes Kind schneiden gemeinsam. So bleibt der Schutzfaktor Beziehung bestehen, und der Anschluss an die Gruppe kommt zurück.

Im Team beschreibt er, was er beobachtet hat, mit Datum und in konkreten Situationen, ohne die Trennung als Erklärung dazuzustellen. Er weist darauf hin, dass Milena gerade besonders angepasst wirkt und dass ihn genau das aufmerksam macht. Die Gruppenleitung nimmt den Kontakt zur Mutter auf.

Was Remo nicht tut: Milena ausfragen, wie es zu Hause sei, die Situation der Familie einschätzen oder der Mutter Ratschläge geben. Er sorgt für die Schutzfaktoren, die in seinem Bereich liegen, und gibt seine Beobachtung dorthin weiter, wo über weitere Schritte entschieden wird.

Das Wichtigste in Kürze

  • Einflüsse auf die Entwicklung wirken auf drei Ebenen: beim Kind selbst, in seiner nahen Umgebung und im weiteren Umfeld.
  • Risikofaktoren erhöhen eine Wahrscheinlichkeit, sie sagen nichts über den Verlauf bei einem bestimmten Kind. Wichtig sind Anzahl, Dauer und Schwere.
  • Schutzfaktoren puffern Belastungen ab. Besonders bedeutsam ist mindestens eine verlässliche Bezugsperson, die das Kind mag.
  • Resilienz ist keine Eigenschaft, sondern ein Ergebnis aus Kind und Umfeld. Sie kann sich verändern, und sie bedeutet nicht, dass es dem Kind gut geht.
  • Ein Kind mit erhöhter Vulnerabilität kann auf dieselbe Belastung stärker reagieren.
  • Risikofaktoren können Sie meist nicht verändern, Schutzfaktoren dagegen schon: Beziehung, Struktur, Wirksamkeit, Anschluss in der Gruppe.
Wissenscheck Kapitel 2

1. Linus, 5 Jahre, kommt seit dem Umzug der Familie schwerer in der Gruppe an. Sonst ist die Situation zu Hause ruhig und stabil. Wie schätzen Sie das ein?

  • A: Ein Umzug ist ein Risikofaktor, deshalb ist bei Linus mit einer Entwicklungsverzögerung zu rechnen.
  • B: Einen einzelnen Risikofaktor in einem sonst stabilen Umfeld bewältigen viele Kinder gut. Sie begleiten Linus beim Anschluss und beobachten weiter.
  • C: Umzüge zählen nicht zu den Risikofaktoren, das Verhalten muss einen anderen Grund haben.
  • D: Sie sprechen Linus direkt darauf an, dass der Umzug schuld an seinem Verhalten sei.
Musterlösung anzeigen
B: Besonders kritisch wird es bei mehreren Risikofaktoren gleichzeitig und über längere Zeit. Ein einzelner Faktor in einem stabilen Umfeld ist etwas anderes. Ihre Aufgabe ist es, den Anschluss zu stützen und die Beobachtung weiterzuverfolgen.

2. Im Team sagt eine Kollegin über Sanduni, 7 Jahre, deren Vater seit Monaten krank ist: «Die steckt das locker weg, die ist einfach resilient.» Was entgegnen Sie fachlich?

  • A: «Stimmt, Resilienz ist angeboren. Bei Sanduni müssen wir nichts weiter tun.»
  • B: «Resilienz zeigt sich erst im Erwachsenenalter, bei Kindern kann man das nicht sagen.»
  • C: «Resilienz ist kein Merkmal, das sie hat, sondern entsteht mit dem Umfeld. Dass sie mitmacht, heisst nicht, dass es ihr leicht fällt.»
  • D: «Resilient sind nur Kinder ohne Belastungen, das trifft auf Sanduni nicht zu.»
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C: Resilienz entsteht im Zusammenspiel von Kind und Umfeld, verändert sich über die Zeit und sagt nichts darüber aus, wie anstrengend eine Situation für das Kind ist. Angepasste Kinder werden deshalb leicht übersehen.

3. Carla, 4 Jahre, lebt in einer Familie mit mehreren Belastungen, an denen Sie nichts ändern können. Wo setzen Sie als FaBe sinnvoll an?

  • A: Sie sprechen die Mutter beim Abholen auf die familiäre Situation an und geben ihr Tipps.
  • B: Sie warten ab, bis sich die Lage zu Hause klärt, vorher ist eine Wirkung ohnehin nicht möglich.
  • C: Sie stärken die Schutzfaktoren in Ihrem Bereich: verlässliche Beziehung, klare Tagesstruktur, Aufgaben, die Carla selbst bewältigt, und Anschluss in der Gruppe.
  • D: Sie dokumentieren die Belastungen der Familie möglichst genau, damit eine Einschätzung der Situation vorliegt.
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C: Die Risikofaktoren liegen ausserhalb Ihres Einflusses, die Schutzfaktoren nicht. Beobachtungen beschreiben Sie und geben sie ins Team weiter, die Einschätzung der familiären Situation ist nicht Ihr Auftrag.

Kapitel 3: Motorische Entwicklung

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

3.1 Was zur Motorik gehört

Motorik ist alles, was mit Bewegung zu tun hat. Im Betreuungsalltag ist sie der Bereich, den Sie am leichtesten sehen: Ein Kind rennt oder geht noch unsicher, es fädelt Perlen auf oder schafft den Reissverschluss nicht. Üblich ist die Unterscheidung in zwei Teilbereiche.

TeilbereichWorum es gehtBeispiele
GrobmotorikBewegungen des ganzen Körpers, grosse Muskelgruppensitzen, gehen, rennen, klettern, hüpfen, werfen, balancieren
Feinmotorikfein abgestimmte Bewegungen der Hände und Finger, dazu Gesicht, Mund und Zungegreifen, blättern, malen, schneiden, Knöpfe schliessen, kauen, pusten

Die Trennung ist praktisch, aber nicht sauber. Ein Kind, das am Tisch malt, braucht zuerst einen stabilen Rumpf, damit die Hand überhaupt ruhig geführt werden kann. Wer feinmotorische Schwierigkeiten beobachtet, schaut deshalb zuerst auf die Körperhaltung und nicht auf die Finger.

Zur Motorik gehört auch, wie ein Kind seine Bewegungen steuert: wie viel Kraft es einsetzt, wie es das Gleichgewicht hält, wie es beide Körperhälften zusammen gebraucht und wie es eine Bewegungsfolge plant. Ein Kind, das beim Znüni das Glas umstösst, hat selten «keine Lust aufzupassen». Möglich ist, dass die Kraftdosierung noch nicht sicher ist. Ebenso möglich sind andere Gründe: die Sitzposition, ein Moment der Ablenkung oder Müdigkeit. Aufschlussreich ist erst das Muster über mehrere Situationen.

3.2 Wie motorische Entwicklung verläuft

In der motorischen Entwicklung zeigen sich drei typische Richtungen. Sie beschreiben grobe Tendenzen, keine Regel, die für jedes Kind und jede Bewegung gilt.

RichtungWas das heisstWoran Sie es sehen
Von oben nach untenDer Körper wird von Kopf zu Fuss beherrschbar.Ein Säugling hält zuerst den Kopf, dann den Rumpf, erst danach trägt ihn die Beinmuskulatur.
Von innen nach aussenZuerst gelingen Bewegungen nahe am Rumpf, dann jene an Armen, Händen und Fingern.Ein Kind greift zuerst mit dem ganzen Arm nach dem Becher, später mit zwei Fingern nach der Beere.
Von grob zu feinGrosse, ungenaue Bewegungen werden mit der Zeit kleiner und genauer.Aus dem Kritzeln über das ganze Blatt wird ein Strich, der in der Linie bleibt.

Am Anfang steht keine willkürliche Bewegung, sondern der Reflex. Ein Neugeborenes schliesst die Hand, sobald etwas die Handfläche berührt, und dreht den Kopf zur Seite, wenn man seine Wange streicht. Diese angeborenen Muster sichern das Überleben und verschwinden in den ersten Lebensmonaten wieder. An ihre Stelle tritt die Bewegung, die das Kind selbst steuert.

Zwei Dinge sind dabei wichtig für Ihre Beobachtung. Erstens bauen viele Fähigkeiten aufeinander auf, Kinder nehmen aber unterschiedliche Wege: Manche Kinder krabbeln nie, sondern rutschen auf dem Po und gehen dann frei. Das ist keine Auffälligkeit. Zweitens braucht jede neue Bewegung Wiederholung. Ein Kind, das eine Treppe zwanzig Mal hintereinander hochsteigt, ist nicht stur, es übt.

Glühbirne Merke

Eigene Bewegung ist besonders wichtig, damit ein Kind lernt, seine Bewegungen zu steuern und zu planen. Auch beim Getragen- und Gehaltenwerden macht es wertvolle Erfahrungen mit Körper, Gleichgewicht und Beziehung.

3.3 Meilensteine der Motorik

Die folgenden Tabellen zeigen, in welchen Altersspannen die meisten Kinder einen Schritt machen. Lesen Sie sie so, wie in Abschnitt 1.3 beschrieben: als Orientierung, nicht als Prüfliste.

AlterGrobmotorik
2 bis 4 Monatehält den Kopf in Bauchlage und stützt sich auf die Unterarme
4 bis 7 Monatedreht sich vom Rücken auf den Bauch und zurück
6 bis 9 Monatesitzt frei, ohne sich abzustützen
7 bis 11 Monaterobbt oder krabbelt, bewegt sich selbstständig fort
8 bis 12 Monatezieht sich hoch, geht am Möbel entlang
11 bis 18 Monategeht frei
18 bis 24 Monatesteigt Treppen Stufe für Stufe mit Halt, zieht und schiebt Gegenstände
2 bis 3 Jahrerennt sicher, springt beidbeinig, tritt einen Ball
3 bis 4 Jahresteht kurz auf einem Bein, fährt Dreirad oder Laufrad
4 bis 6 Jahrehüpft auf einem Bein, balanciert, fängt einen Ball, lernt Velo fahren (je nach Erfahrung mit oder ohne Stützräder)
AlterFeinmotorik
3 bis 5 Monategreift gezielt nach einem Gegenstand und führt ihn zum Mund
6 bis 9 Monategibt einen Gegenstand von einer Hand in die andere
9 bis 13 Monatenimmt kleine Dinge mit Daumen und Zeigefinger auf (Pinzettengriff)
12 bis 18 Monatekritzelt mit der ganzen Faust, baut einen Turm aus zwei bis drei Klötzen
2 bis 3 Jahreblättert einzelne Buchseiten, fädelt grosse Perlen auf, schraubt einen Deckel auf
3 bis 4 Jahremalt einen geschlossenen Kreis, schneidet mit der Schere dem Strich entlang
4 bis 6 Jahrehält den Stift mit drei Fingern, malt Formen aus, schliesst Knöpfe

Die Angaben zum Fortbewegen und zum freien Gehen entsprechen den Werten der Zürcher Longitudinalstudien: Kinder beginnen im Durchschnitt mit etwa 7 Monaten zu robben und mit etwa 9 Monaten zu krabbeln, und fast 15 % der Kinder krabbeln nie (Jenni, 2022). Zwei Hinweise zum Gebrauch dieser Tabellen im Team. Die Spannen sind breit, weil das Tempo stark variiert, und sie gelten für Kinder ohne Beeinträchtigung. Bei einem Kind mit einer körperlichen Beeinträchtigung beschreiben Sie den Verlauf so, wie er bei diesem Kind ist, und nicht als Abstand zur Tabelle.

3.4 Der sensomotorische Kreislauf

Bewegung und Wahrnehmung lassen sich beim Kleinkind nicht trennen. Ein Kind bewegt sich, nimmt dabei etwas wahr, und aus dem Wahrgenommenen entsteht die nächste Bewegung. Diesen Zusammenhang beschreibt der sensomotorische Kreislauf.

Abbildung 2: Der sensomotorische Kreislauf
Kreislaufdarstellung: Wahrnehmen führt zu Bewegen, Bewegen führt zu neuer Wahrnehmung, daraus folgt eine angepasste Bewegung

Quelle: ChatGPT

Ein Beispiel: Ein Kind stellt den Fuss auf eine Treppenstufe. Über die Fusssohle und die Gelenke spürt es, wie hoch die Stufe ist und wie fest es sich abstossen muss. Es verlagert das Gewicht, spürt, dass es zu weit vorne ist, und korrigiert. Beim nächsten Schritt stimmt die Kraft besser. Nach dreissig Treppen steigt es ohne Nachdenken hoch.

Die sieben Sinnessysteme und den Wahrnehmungsprozess haben Sie in der Handlungskompetenz f1 behandelt. Für die Motorik sind vor allem die drei körpernahen Systeme wichtig: der Tastsinn, der Gleichgewichtssinn und die Tiefenwahrnehmung, also die Rückmeldung aus Muskeln und Gelenken darüber, wo sich der Körper gerade befindet.

Für Ihre Beobachtung folgt daraus zweierlei. Ein Kind, das ausdauernd schaukelt, sich dreht, auf Mauern balanciert oder sich in Kissen fallen lässt, hat vielleicht Freude an der Bewegung, übt etwas oder sucht Erfahrungen mit Körper und Gleichgewicht. Und ein Kind, das eine Bewegung immer wieder gleich ausführt, wiederholt nicht aus Langeweile, sondern weil jede Wiederholung die Steuerung genauer macht.

Glühbirne Merke

Wahrnehmung und Bewegung bedingen einander. Ein Kind lernt seinen Körper vor allem über eigene Bewegung kennen, und es bewegt sich nur so genau, wie es sich selbst wahrnimmt.

3.5 Praxissituation: Dilara und die Rutschbahn

Praxissituation

Kita «Sternenland», Vormittag im Bewegungsraum. Dilara, 18 Monate alt, steht vor der kleinen Rutschbahn. Sie hält sich am Geländer fest, setzt einen Fuss auf die erste Stufe, zieht ihn wieder zurück, greift höher und probiert es erneut. Das macht sie nun seit mehreren Minuten.

Elena, Lernende im zweiten Lehrjahr, sieht das und findet, Dilara habe sich das jetzt verdient. Sie nimmt Dilara hoch, setzt sie oben auf die Rutschbahn und lässt sie hinunterrutschen. Dilara landet unten, bleibt sitzen und beginnt zu weinen.

Elena ist irritiert: «Jetzt habe ich ihr geholfen, und sie weint trotzdem.»

Praxissituation: Dilara an der Rutschbahn im Bewegungsraum

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Dilara war mitten im sensomotorischen Kreislauf: Fuss auf die Stufe setzen, zurückziehen, höher greifen, neu probieren. Genau diese Schleife ist die Arbeit, um die es beim Treppensteigen geht. Sie wurde unterbrochen, bevor Dilara zu einem Ergebnis kam.

Dazu kommt der Sprung an einen Ort, den Dilara selbst nicht erreicht hat. Die Rückmeldungen, die sie auf dem eigenen Weg nach oben gesammelt hätte, fehlten ihr. Das Weinen ist keine Undankbarkeit. Es zeigt, dass die Situation für Dilara in diesem Moment nicht passte. Mögliche Gründe sind Erschrecken, das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, Unsicherheit wegen der Höhe oder dass sie gar nicht rutschen wollte. Die genaue Ursache bleibt offen.

BeobachtungEinordnung
Dilara hält sich am Geländer, setzt den Fuss auf die Stufe, zieht zurück, greift höher, wiederholt das mehrere Minuten.Sie steht beim Treppensteigen mit Halt, dem Schritt, der zwischen 18 und 24 Monaten ansteht. Sie bleibt ausdauernd dran und korrigiert sich selbst.
Dilara weint, nachdem sie hochgehoben und hinuntergerutscht ist.Die Bewegung fand ohne ihre eigene Steuerung statt. Die Situation passte für Dilara in diesem Moment nicht. Warum genau, bleibt offen.

Was hilft?

Elena tröstet Dilara und bleibt bei ihr, bis sie sich beruhigt hat. Danach geht sie mit ihr zurück zur ersten Stufe und lässt sie dort weitermachen, wo sie aufgehört hat. Sie bleibt daneben, in Reichweite, greift aber nur ein, wenn Dilara wirklich zu fallen droht.

In der Besprechung mit der Gruppenleiterin geht es um die Frage, die dahintersteht: Wann ist Helfen Unterstützung und wann nimmt es dem Kind die Erfahrung weg? Die Faustregel, die sich Elena notiert, lautet: so wenig eingreifen, dass das Kind die Bewegung selbst zu Ende führen kann, und so viel begleiten, dass es sich dabei sicher fühlt. Ihre Beobachtung zu Dilaras Treppenschritten hält sie fest, damit im Team sichtbar wird, wo Dilara gerade steht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Grobmotorik umfasst Bewegungen des ganzen Körpers, die Feinmotorik die fein abgestimmten Bewegungen von Händen, Fingern, Gesicht und Mund.
  • Motorische Entwicklung zeigt drei typische Richtungen: von oben nach unten, von innen nach aussen und von grob zu fein. Am Anfang stehen Reflexe, die der selbst gesteuerten Bewegung weichen.
  • Viele Fähigkeiten bauen aufeinander auf, die Wege sind aber verschieden: Nicht jedes Kind krabbelt, bevor es frei geht.
  • Meilensteine der Motorik sind Altersspannen. Bei Kindern mit einer Beeinträchtigung beschreiben Sie den eigenen Verlauf statt den Abstand zur Tabelle.
  • Im sensomotorischen Kreislauf führt Wahrnehmung zu Bewegung und Bewegung zu neuer Wahrnehmung. Wiederholung macht die Steuerung genauer.
  • Die eigene Bewegungssteuerung baut ein Kind vor allem über selbst ausgeführte Bewegungen auf. Auch beim Getragen- und Gehaltenwerden macht es wertvolle Erfahrungen.
Wissenscheck Kapitel 3

1. Selam, 2 Jahre und 11 Monate, sitzt am Maltisch, rutscht auf dem Stuhl hin und her, stützt den Kopf auf und führt den Stift in grossen, schwankenden Linien über das Blatt. Womit beginnen Sie bei Ihrer Einordnung?

  • A: Mit der Stifthaltung, denn die Schwierigkeit liegt eindeutig in den Fingern.
  • B: Mit der Körperhaltung und der Sitzposition, weil ein stabiler Rumpf die Voraussetzung für geführte Handbewegungen ist.
  • C: Mit der Frage, ob Selam überhaupt Lust zum Malen hat, alles andere ist Spekulation.
  • D: Mit einem Vergleich ihrer Bilder mit denen der anderen Kinder der Gruppe.
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B: Motorische Entwicklung verläuft typischerweise von innen nach aussen. Wer feinmotorische Schwierigkeiten beobachtet, schaut zuerst auf Rumpf und Sitzposition und erst danach auf die Hand.

2. Zehra, 2 Jahre und 3 Monate, springt seit Tagen immer wieder von derselben untersten Treppenstufe. Wie ordnen Sie das ein?

  • A: Zehra langweilt sich, sie braucht eine neue Beschäftigung.
  • B: Zehra sucht Aufmerksamkeit, das Springen soll die Erwachsenen zum Zuschauen bringen.
  • C: Zehra wiederholt die Bewegung, weil jede Wiederholung ihre Steuerung genauer macht. Das beidbeinige Springen steht in ihrem Alter an.
  • D: Zehra ist in ihrer Entwicklung stehengeblieben, sonst würde sie sich neuen Bewegungen zuwenden.
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C: Wiederholung ist der Kern des sensomotorischen Kreislaufs. Beidbeiniges Springen gelingt den meisten Kindern zwischen zwei und drei Jahren, Zehra übt genau diesen Schritt.

3. Kaan, 10 Monate, hat nie gekrabbelt. Er rutscht auf dem Po vorwärts, zieht sich an Möbeln hoch und geht daran entlang. Was sagen Sie den Eltern, die sich Sorgen machen, weil das Krabbeln fehlt?

  • A: Krabbeln ist ein Pflichtschritt. Ohne Krabbeln fehlt Kaan eine Stufe, die nachgeholt werden muss.
  • B: Manche Kinder lassen das Krabbeln aus. Entscheidend ist, dass Kaan sich selbstständig fortbewegt und sich hochzieht, beides passt zu seinem Alter.
  • C: Das Po-Rutschen ist ein Zeichen für zu wenig Bewegungsangebot in der Gruppe.
  • D: Solange Kaan nicht frei geht, lässt sich zu seiner motorischen Entwicklung nichts sagen.
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B: Viele motorische Fähigkeiten bauen aufeinander auf, aber nicht jedes Kind nimmt denselben Weg. Kaan zeigt selbstständige Fortbewegung und Hochziehen, beides liegt in der üblichen Spanne.

Kapitel 4: Denkentwicklung

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

4.1 Wie Kinder sich die Welt erklären

Kinder denken nicht wie Erwachsene mit weniger Wissen. Sie denken anders. Ein vierjähriges Kind, das behauptet, der Mond folge ihm auf dem Heimweg, hat keine Wissenslücke, sondern eine eigene Logik, die in seinem Alter stimmig ist.

Jean Piaget (1896–1980), ein Schweizer Entwicklungspsychologe, hat als Erster systematisch beschrieben, wie diese Logik aufgebaut ist und wie sie sich verändert. Sein Grundgedanke: Kinder legen sich innere Vorstellungen davon an, wie etwas funktioniert. Eine solche Vorstellung heisst Schema. Ein Kind hat zum Beispiel ein Schema für «Hund»: vier Beine, Fell, bellt.

Mit jeder neuen Erfahrung passiert eines von zwei Dingen.

VorgangWas geschiehtBeispiel
AssimilationDas Neue passt in ein bestehendes Schema und wird dort eingeordnet.Das Kind sieht einen Dackel und sagt «Hund». Das Schema stimmt weiterhin.
AkkommodationDas Neue passt nicht. Das Schema muss verändert oder ein neues gebildet werden.Das Kind sieht eine Katze, sagt «Hund» und hört, dass das ein anderes Tier ist. Es bildet ein neues Schema.

Zwischen beiden strebt das Kind ein Gleichgewicht an. Solange die Schemata passen, ist die Welt geordnet. Stösst ein Kind auf etwas, das nicht hineinpasst, entsteht ein Ungleichgewicht, und genau dieser Zustand treibt die Veränderung an. Das Kind ist so lange beschäftigt, bis seine Vorstellung wieder mit seinen Erfahrungen zusammenpasst. Danach ist das Schema differenzierter als vorher.

Für Ihre Arbeit heisst das: Ein Kind, das etwas ausprobiert und dabei überrascht wird, ist mitten im Lernen. Der Moment, in dem etwas anders herauskommt als erwartet, ist der Moment, in dem sich ein Schema verändert.

Glühbirne Merke

Denken wächst an Erfahrungen, die nicht ins bisherige Bild passen. Das Kind braucht Gelegenheiten, selbst zu entdecken, dass etwas anders herauskommt als erwartet.

4.2 Die vier Phasen im Überblick

Piaget beschreibt vier aufeinander aufbauende Phasen. Sein Modell ist eine hilfreiche Orientierung. Heute versteht man es aber nicht mehr als starren Plan, der bei allen Kindern gleich abläuft. Die Altersangaben sind Spannen, kein Fahrplan. Das Modell stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist bis heute die verbreitetste Beschreibung der Denkentwicklung. Was die Forschung seither ergänzt und in Frage gestellt hat, lesen Sie in Abschnitt 4.7. Die folgenden Abschnitte gehen auf jede Phase im Einzelnen ein.

PhaseSchlüsselmerkmalWie das Kind denkt
Sensomotorisch
0 bis 18 Monate
ObjektpermanenzDas Kind begreift die Welt über Bewegung und Sinne. Denken heisst hier Handeln.
Präoperational
18 Monate bis 7 Jahre
Egozentrismus und ZentrierungDas Kind kann sich Dinge vorstellen und in Bildern und Sprache denken. Es urteilt aber noch nach dem, was es sieht, nicht nach logischem Schliessen.
Konkret-operational
7 bis 12 Jahre
Reversibilität und KlassifikationDas Kind denkt logisch, solange es um Konkretes geht, das es sich vorstellen kann.
Formal-operational
ab etwa 12 Jahren
abstraktes DenkenDas Denken löst sich vom Konkreten. Möglichkeiten, Annahmen und Abstraktes werden denkbar.

4.3 Sensomotorische Phase (0 bis 18 Monate)

In den ersten anderthalb Jahren entsteht Denken aus Wahrnehmung und Bewegung. Ein Säugling erschliesst sich seine Umwelt, indem er handelt: greifen, saugen, tasten, schütteln, wiederholen. Über diese Handlungen sammelt er Erfahrungen mit dem eigenen Körper und mit Gegenständen und baut daraus seine ersten Schemata auf.

Das Denken ist dabei eng an die Handlung gebunden. Eigenes Tun ist in dieser Zeit besonders wichtig. Kinder lernen aber auch, indem sie andere beobachten, zusammen mit einer vertrauten Person auf etwas schauen und angesprochen werden. Typisch sind Tätigkeiten, die Erwachsene leicht für sinnlos halten: einen Gegenstand immer wieder vom Hochstuhl fallen lassen, alles in den Mund nehmen, eine Dose aus- und wieder einräumen. Über die Wiederholung erkennt das Kind, dass eine bestimmte Handlung eine bestimmte Wirkung hat.

Von Reflexen zu gezielten Handlungen. Am Anfang stehen angeborene Reflexe wie Saugen und Greifen. Daraus entstehen Kreisreaktionen: Das Kind wiederholt eine Handlung, die zufällig zu einem interessanten Ergebnis geführt hat. Ein Säugling bewegt beispielsweise die Hand, trifft dabei das Mobile über dem Wickeltisch, hört das Geräusch und versucht danach, die Bewegung erneut zustande zu bringen. Gegen Ende der Phase kombiniert das Kind Handlungen bewusst, um ein Ziel zu erreichen: Es schiebt ein Kissen weg, um an den Ball dahinter zu kommen.

Objektpermanenz. Nach Piaget gilt für das Kind anfänglich: Was nicht sichtbar ist, ist nicht vorhanden. Im Lauf des ersten Lebensjahres, meist ab etwa acht Monaten, entsteht die Objektpermanenz, also das Wissen, dass ein Gegenstand weiterbesteht, auch wenn man ihn nicht sieht. Verstecken Sie ein Spielzeug unter einem Tuch, sucht ein jüngeres Kind nicht danach, ein älteres hebt das Tuch an. Deshalb wird «Gugus dada» über Wochen nicht langweilig. Auch beim Abschied spielt dieses Wissen eine Rolle: Zusammen mit der wachsenden Bindung und einem besseren Gedächtnis kann es dazu beitragen, dass Trennungen für ein Kind in dieser Zeit schwerer werden.

Übergang zur nächsten Phase. Gegen Ende der Phase kann das Kind sich Dinge im Kopf vorstellen und einfache Handlungen gedanklich durchspielen, bevor es sie ausführt. Dieses Probehandeln im Kopf ist die Grundlage für alles, was danach kommt: für Sprache, für das Symbolspiel und später für Rechnen und Lesen.

Bedeutung für die Praxis. Kinder dieser Phase lernen über eigenes Erkunden. Wichtig sind Material zum Greifen, Stapeln, Ein- und Ausräumen, unterschiedliche Oberflächen und Geräusche, viel Bewegungsfreiheit und Spiele mit Verstecken und Wiederfinden. Ebenso wichtig ist Zeit: Eine Handlung, die zwanzig Mal wiederholt wird, ist kein Stillstand, sondern die Arbeit an einem Schema.

Glühbirne Merke

In den ersten anderthalb Jahren denkt ein Kind mit den Händen. Was es selbst ausprobieren, anfassen oder fallen lassen darf, kann es besonders gut durchdenken.

4.4 Präoperationale Phase (18 Monate bis 7 Jahre)

Mit dem Vorstellungsvermögen beginnt eine neue Art zu denken. Das Kind kann nun Symbole verwenden: Ein Gegenstand, ein Wort oder ein Bild steht für etwas anderes. Damit ist das Denken nicht mehr an das gebunden, was gerade vor ihm liegt. Sprache, Fantasie und Rollenspiel gewinnen stark an Bedeutung. Ein Kind stellt mit einem Stock ein Schwert dar, spielt mit der Puppe das Zubettgehen nach und erzählt von etwas, das gestern passiert ist.

Logisch geordnet ist dieses Denken aber noch nicht. Das Kind stützt sich auf seine unmittelbare Wahrnehmung und kann mehrere Aspekte einer Situation noch nicht gleichzeitig berücksichtigen. In Kita und Tagesbetreuung arbeiten Sie überwiegend mit Kindern in dieser Phase. Vier Eigenheiten ihres Denkens erklären viele Situationen, die sonst wie Trotz oder Unvernunft aussehen.

Zentrierung: Es zählt, was man sieht. Das Kind richtet seine Aufmerksamkeit auf ein einzelnes, auffälliges Merkmal und blendet die anderen aus. Diese Einengung heisst Zentrierung. Das klassische Beispiel ist der Umschüttversuch: Zwei gleiche Gläser enthalten gleich viel Wasser. Gibt man den Inhalt des einen in ein hohes schmales Gefäss, sagen die meisten Kinder, dort sei jetzt mehr drin. Sie achten allein auf die Höhe und lassen die Breite weg. Die Einsicht, dass die Menge gleich bleibt, wenn sich nur die Form ändert, ist die Mengenerhaltung. Sie entwickelt sich meist gegen Ende des Vorschulalters oder im frühen Schulalter.

Egozentrismus: Andere sehen die Welt gleich wie ich. Ein Kind versteckt sich, indem es die Augen zuhält: Es sieht ja niemanden mehr, also kann es auch niemand sehen. Ein anderes Kind erzählt von Personen, die es aus seinem Zuhause kennt, als wüssten Sie genau, von wem die Rede ist. Piaget nennt das Egozentrismus. Gemeint ist eine Denkweise und nicht Egoismus: Das Kind nimmt die eigene Sicht als selbstverständlich und erkennt noch nicht, dass jemand anders etwas anderes sieht oder weiss. Solche Beispiele weisen auf eine noch begrenzte Perspektivenübernahme hin. Einfache Sichtweisen und Gefühle anderer erkennen viele Kinder in diesem Alter aber bereits, mehr dazu in Kapitel 7.

Animismus: Alles ist belebt. Der Tisch ist schuld, wenn man sich stösst. Das kaputte Auto hat aua. Die Sonne geht schlafen. Diese Vorstellung, dass auch leblose Dinge fühlen und wollen, nennt man Animismus. Sie ist im Vorschulalter häufig und nimmt mit wachsender Erfahrung und genauerem Wissen meist ab.

Magisches Denken: Wünschen wirkt. Gedanken und Wirklichkeit sind noch nicht klar getrennt, man spricht von magischem Denken. Manche Kinder verbinden Ereignisse mit eigenen Wünschen. Ein Kind, das sich gewünscht hat, die kleine Schwester wäre weg, und das am nächsten Tag ins Spital muss, kann sich dann für den Grund halten und Schuldgefühle entwickeln. Weil Kinder das selten aussprechen, fragen Erwachsene behutsam nach und entlasten das Kind.

Abbildung 3: Gleich viel Saft, zwei Gläser
Zwei Gläser mit gleich viel Saft, eines breit und niedrig, eines hoch und schmal, daneben ein Kind, das auf das hohe Glas zeigt

Quelle: ChatGPT

Bedeutung für die Praxis. Kinder dieser Phase profitieren von Rollenspiel, Verkleidungsmaterial, Geschichten und Gesprächen über Erlebtes. Auch die Wahl des Spielmaterials spielt eine Rolle: Ein Kochlöffel lässt sich auch als Mikrofon oder Zauberstab einsetzen, ein fertiges Spielzeugtelefon dagegen nur als Telefon. Je weniger ein Gegenstand vorgibt, wofür er steht, desto mehr muss das Kind sich selbst etwas dazu vorstellen, und desto mehr übt es genau das. Für Konflikte in der Gruppe folgt daraus: Von einem vierjährigen Kind können Sie noch keine verlässliche Perspektivenübernahme erwarten. Mit Ihrer Hilfe kann es aber beginnen, Gefühle anderer wahrzunehmen. Beschreiben Sie deshalb, was das andere Kind fühlt. Und Sie schaffen Gelegenheiten, bei denen ein Kind selbst auf einen Widerspruch stösst, statt es zu korrigieren.

Glühbirne Merke

Ein Kind, das nach mehrfacher Erklärung bei seiner Sicht bleibt, wirkt schnell stur oder bockig. Meist steckt aber keine Widerspenstigkeit dahinter, sondern seine Art zu denken in diesem Alter, wie bei der Zentrierung, beim Animismus oder beim magischen Denken. Erklären allein hilft dann oft wenig, eigenes Ausprobieren mehr.

4.5 Konkret-operationale Phase (7 bis 12 Jahre)

Mit dem Schuleintritt wird das Denken deutlich logischer und geordneter. Das Kind kann mehrere Merkmale gleichzeitig berücksichtigen und beginnt, Zusammenhänge systematisch zu verstehen. Gebunden bleibt dieses Denken allerdings an Konkretes: an Dinge, die das Kind sehen, anfassen oder sich zumindest bildlich vorstellen kann. Für den Tagesbetreuung und die schulergänzende Betreuung ist das die zentrale Phase.

Reversibilität. Das Kind erkennt, dass sich eine Handlung gedanklich rückgängig machen lässt. Diese Fähigkeit heisst Reversibilität. Wasser, das in ein anderes Glas gegossen wurde, lässt sich zurückgiessen, und dann ist es wieder wie vorher. Wer das denken kann, kommt auch zur Mengenerhaltung, die sich deshalb typischerweise im Übergang zum Schulalter festigt.

Klassifikation. Das Kind ordnet Dinge systematisch und bildet Kategorien. Es versteht, dass Hunde und Katzen beide zu den Tieren gehören, und dass es gleichzeitig mehr Tiere als Hunde gibt. Mit der Klassifikation werden auch Sortierungen nach mehreren Merkmalen möglich, etwa nach Farbe und Form gleichzeitig. Dazu kommt das Ordnen nach Grösse oder Menge in eine Reihe.

Zahlen und Regeln. Mengenverhältnisse, Reihenfolgen und einfache Rechenwege werden verständlich. Parallel dazu interessieren sich Kinder stark für Regeln: Sie erfinden eigene Spielregeln, bestehen auf deren Einhaltung und diskutieren über Ausnahmen. Das ist dieselbe Fähigkeit in sozialer Form.

Bedeutung für die Praxis. Denkspiele, Karten- und Regelspiele, Bau- und Konstruktionsmaterial, Experimente, Sammeln und Sortieren fördern dieses Denken. Kinder dieser Phase wollen wissen, wie etwas funktioniert und warum eine Regel gilt. Eine Begründung, die sie nachvollziehen können, wirkt jetzt deutlich besser als eine Anweisung.

4.6 Formal-operationale Phase (ab etwa 12 Jahren)

Im Jugendalter löst sich das Denken vom Konkreten. Jugendliche können über Möglichkeiten nachdenken, die sie nie beobachtet haben, und mit Begriffen umgehen, die keinen Gegenstand haben, etwa Gerechtigkeit oder Freiheit.

Denken in Annahmen. Jugendliche überlegen sich zuerst mögliche Erklärungen für ein Problem und prüfen sie danach der Reihe nach. Wer herausfinden will, warum das Velolicht nicht brennt, probiert nicht wahllos herum, sondern geht die möglichen Ursachen durch.

Logische Verknüpfungen. Beziehungen lassen sich jetzt rein gedanklich verbinden: Wenn A grösser ist als B und B grösser als C, dann ist A grösser als C, auch ohne dass man A, B und C vor sich hat.

Interesse an grossen Fragen. Jugendliche beschäftigen sich mit moralischen, gesellschaftlichen und politischen Themen, vergleichen die Welt mit dem, wie sie sein könnte, und denken über die eigene Zukunft nach. Der Widerspruch gegen Erwachsene hat hier oft eine gedankliche Seite: Wer sich Alternativen vorstellen kann, findet das Bestehende erklärungsbedürftig.

Bedeutung für die Praxis. Diskussionen, Projekte, Aufgaben mit offenem Ausgang und echte Mitbestimmung unterstützen diese Entwicklung. Jugendliche merken sofort, ob eine Mitsprache ernst gemeint ist. Eine Regel, die sich begründen lässt, hat Bestand, eine, die nur gesetzt wird, wird geprüft.

4.7 Was Piagets Modell nicht erklärt

Piagets Phasen sind bis heute die verbreitetste Beschreibung der Denkentwicklung. Die Forschung nach ihm hat aber gezeigt, dass Kinder in vertrauten Situationen oft mehr können, als die Phase erwarten lässt. Ein Kind, das im Versuch scheitert, löst dieselbe Aufgabe beim Znüni mit den eigenen Guetzli mitunter problemlos. Ausserdem verlaufen die Phasen nicht in allen Bereichen gleichzeitig: Dasselbe Kind kann beim Bauen weiter sein als beim Sortieren.

Wenig Gewicht hat bei Piaget zudem das Umfeld. Spätere Ansätze betonen, wie stark Kinder ihr Denken im Austausch mit anderen entwickeln, also über Sprache, gemeinsames Tun und die Unterstützung durch erfahrenere Personen. Für Ihre Arbeit heisst das: Die Phasen geben Ihnen eine Orientierung, das einzelne Kind beobachten Sie trotzdem in seinen eigenen Situationen.

4.8 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Denken entsteht vor allem durch eigenes Handeln. Eine Erklärung allein führt bei jüngeren Kindern oft nicht zu Verständnis. Hilfreicher sind anschauliches Material, eigenes Tun und Sprache, die das Tun begleitet. Ein Kind, das oft selbst umschüttet, kommt mit der Zeit eher von allein darauf. Über alle Phasen hinweg ergibt sich daraus, worauf es in der Begleitung ankommt.

Was das Denken stütztWie es im Alltag aussieht
Material, das etwas zurückgibtWasser, Sand, Bauklötze, Behälter in verschiedenen Grössen, Dinge zum Umfüllen, Sortieren und Stapeln. Das Kind sieht sofort, was seine Handlung bewirkt.
Zeit zum WiederholenSie lassen ein Kind dieselbe Sache zwanzig Mal machen, ohne es zu etwas Neuem zu drängen.
Fragen statt Antworten«Was meinst du, was passiert, wenn…», «Wie hast du das gemacht?» Das Kind formuliert seine eigene Erklärung, auch wenn sie noch nicht stimmt.
Sprache zur HandlungSie benennen, was das Kind gerade tut. So bekommt es Wörter für Reihenfolge, Menge und Vergleich: zuerst, danach, mehr, gleich viel, schwerer.
Anforderung, die zum Stand passtSie wählen Aufgaben und Spiele so, dass sie das Kind fordern, ohne es zu überfordern. Zu leicht langweilt, zu schwer entmutigt.

Ebenso wichtig ist, was Sie lassen. Sie korrigieren eine kindliche Erklärung nicht sofort, sondern schaffen Gelegenheiten, bei denen das Kind selbst auf den Widerspruch stösst. Und Sie werten eine Erklärung nicht ab, die aus Erwachsenensicht falsch ist. Sie ist das Ergebnis eigenen Nachdenkens, und darauf lässt sich aufbauen.

4.9 Praxissituation: Der Saft im hohen Glas

Praxissituation

Kita «Sternenland», Zvieri. Yasmin, Lernende im zweiten Lehrjahr, verteilt Saft. Weil zu wenig gleiche Gläser da sind, bekommt Enis, 3 Jahre und 4 Monate alt, ein hohes schmales Glas und Amina, 3 Jahre und 2 Monate alt, ein breites niedriges. Yasmin füllt beide gleich hoch bis zum Rand ein.

Amina schaut auf Enis' Glas und ruft: «Der hat mehr!» Sie schiebt ihr Glas weg und will nicht mehr trinken.

Yasmin erklärt ihr, dass in beiden Gläsern gleich viel Saft sei, das sehe nur so aus, weil Enis' Glas schmaler ist. Amina bleibt dabei: «Nein, der hat mehr.» Yasmin wiederholt die Erklärung ein zweites Mal, langsamer.

Praxissituation: Saft im hohen und im breiten Glas beim Zvieri

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Aminas Reaktion passt zu einer Orientierung an der sichtbaren Füllhöhe. Dass Enis' Glas schmaler ist, scheint für sie nicht zur Rechnung zu gehören. Das entspricht der Zentrierung auf ein einzelnes Merkmal, wie Piaget sie für die präoperationale Phase beschreibt. Die Mengenerhaltung entwickelt sich meist erst gegen das Schulalter hin, und sie setzt voraus, dass Amina sich das Umschütten gedanklich rückgängig machen kann.

Yasmins Erklärung wird Amina deshalb kaum überzeugen. Sie setzt genau das Denken voraus, das Amina noch nicht sicher zur Verfügung hat. Die Wiederholung macht es nicht besser, sie verlängert nur die Situation. Für Amina bleibt die Wahrnehmung, dass sie weniger bekommen hat, und dazu das Gefühl, dass ihr niemand glaubt.

BeobachtungEinordnung
Amina vergleicht die Füllhöhe und schliesst daraus auf die Menge.Passt zur Zentrierung in der präoperationalen Phase: Ein Merkmal entscheidet, die anderen bleiben aussen vor.
Amina lässt sich durch die Erklärung nicht umstimmen.Wahrscheinlich kein Trotz. Eine eigene Handlung, etwa Umschütten, hilft hier eher als wiederholtes Erklären.

Was hilft?

Yasmin hört mit dem Erklären auf. Sie nimmt ein zweites breites Glas, stellt es neben Aminas Glas und lässt Amina Enis' Saft selbst umschütten. Amina sieht, dass die beiden breiten Gläser nun gleich hoch stehen. Ob sie daraus die allgemeine Regel ableitet, ist offen, für diesen Moment ist die Sache erledigt.

Für den Alltag zieht Yasmin zwei Schlüsse. Sie stellt beim Zvieri gleiche Gläser bereit, weil sich der Streit so gar nicht erst ergibt. Und sie legt ins Freispiel Gefässe in verschiedenen Formen zum Umschütten bereit, damit die Kinder diese Erfahrung dort machen können, wo sie Zeit dafür haben. In der Auswertung mit der Gruppenleiterin hält sie fest: Aminas Reaktion war kein Verhalten, das sie korrigieren muss, sondern eine Beobachtung zum Stand ihres Denkens.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kinder bauen Schemata auf. Passt eine Erfahrung hinein, ordnen sie sie ein (Assimilation), passt sie nicht, verändern sie das Schema (Akkommodation).
  • In der sensomotorischen Phase (0 bis 18 Monate) denkt das Kind über Handeln. Aus Reflexen werden Kreisreaktionen und daraus gezielte Handlungen. Schlüsselmerkmal ist die Objektpermanenz.
  • In der präoperationalen Phase (18 Monate bis 7 Jahre) kann das Kind sich Dinge vorstellen und symbolisch spielen. Typisch sind Zentrierung, Egozentrismus, Animismus und magisches Denken.
  • In der konkret-operationalen Phase (7 bis 12 Jahre) kommen Reversibilität, Mengenerhaltung und Klassifikation dazu. Das Denken bleibt an Konkretes gebunden.
  • In der formal-operationalen Phase (ab etwa 12 Jahren) wird abstraktes Denken möglich: Jugendliche denken in Möglichkeiten und prüfen Annahmen planvoll.
  • Piagets Phasen sind eine Orientierung, kein starrer Plan. Die Altersangaben sind Spannen, und in vertrauten Situationen können Kinder oft mehr, als die Phase erwarten lässt.
  • Das Denken wächst an Material, das reagiert, an Wiederholung, an Fragen statt Antworten und an Sprache, die das Handeln begleitet.
Wissenscheck Kapitel 4

1. Selam, 2 Jahre und 11 Monate, spielt mit einem Holzklotz und hält ihn sich ans Ohr: «Hallo Mami, ich komme dann.» Was zeigt sich hier?

  • A: Selam verwechselt den Klotz mit einem Handy, ihre Wahrnehmung ist noch unsicher.
  • B: Selam zeigt Symbolspiel. Ein Gegenstand steht für etwas anderes, sie kann sich Abwesendes vorstellen.
  • C: Selam ahmt nur nach, gedanklich steckt nichts dahinter.
  • D: Selam ist bereits in der konkret-operationalen Phase, weil sie ein Ding durch ein anderes ersetzt.
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B: Im Symbolspiel steht ein Gegenstand für einen anderen. Das Kind zeigt damit, dass es sich etwas vorstellen kann, das nicht anwesend ist. Diese Fähigkeit ist die Grundlage für Sprache und Rollenspiel.

2. Linus, 5 Jahre, erzählt beim Telefonieren mit dem Grossvater von seinem Bild und sagt: «Da, das hier ist der Bagger.» Wie ordnen Sie das ein?

  • A: Linus hat noch nicht verstanden, wie ein Telefon funktioniert. Sie erklären ihm die Technik.
  • B: Linus möchte den Grossvater ärgern.
  • C: Typischer Egozentrismus: Linus geht davon aus, dass der Grossvater sieht, was er selbst sieht. Das gehört zu seinem Alter.
  • D: Linus ist sprachlich verzögert, weil er das Bild nicht beschreiben kann.
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C: Jüngere Kinder können sich schwer vorstellen, dass eine andere Person etwas anderes sieht oder weiss. Gemeint ist eine Denkweise, nicht Egoismus.

3. Inaya, 9 Monate, spielt mit einem Ball. Sie decken ihn vor ihren Augen mit einem Tuch zu. Inaya zieht das Tuch weg und nimmt den Ball. Was können Sie daraus ableiten?

  • A: Inaya zeigt Objektpermanenz. Sie weiss, dass der Ball weiterhin da ist, obwohl sie ihn nicht sieht.
  • B: Inaya hat das Tuch zufällig weggezogen, in diesem Alter ist das nicht deutbar.
  • C: Inaya denkt bereits präoperational, weil sie planvoll handelt.
  • D: Inaya hat das Tuch als störend empfunden, mit dem Ball hat das nichts zu tun.
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A: Objektpermanenz entwickelt sich im Lauf des ersten Lebensjahres, meist ab etwa acht Monaten. Zusammen mit der wachsenden Bindung kann sie dazu beitragen, dass Kinder in dieser Zeit beim Abschied stärker reagieren.

4. In der Tagesbetreuung sortiert Milena, 8 Jahre und 6 Monate, ihre Sammelkarten zuerst nach Farbe, dann noch einmal nach Tierart, und erklärt dabei, dass Katzen und Löwen beide Katzentiere seien. Welche Fähigkeit zeigt sie?

  • A: Symbolspiel, weil die Karten für echte Tiere stehen.
  • B: Klassifikation: Sie ordnet nach mehreren Merkmalen und bildet Ober- und Unterkategorien. Das gehört zur konkret-operationalen Phase.
  • C: Abstraktes Denken, sie ist der formal-operationalen Phase weit voraus.
  • D: Zentrierung, weil sie sich auf ein Merkmal festlegt.
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B: In der konkret-operationalen Phase können Kinder mehrere Merkmale gleichzeitig berücksichtigen und Kategorien bilden. Das Denken bleibt dabei an konkrete, vorstellbare Dinge gebunden.

Kapitel 5: Emotionale Entwicklung

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

5.1 Wozu Gefühle da sind

Gefühle sind keine Störung des Alltags, sondern eine Information. Sie melden einem Menschen, was gerade mit ihm passiert, und sie zeigen den anderen, wie es ihm geht. Ein Kind, das weint, teilt mit, dass es Hilfe braucht. Ein Kind, das wütend wird, meldet, dass etwas gegen seinen Willen läuft. Angst warnt vor Gefahr, Freude verbindet.

Ein kleines Kind hat für all das noch keine Worte. Sein Gefühl zeigt sich deshalb im ganzen Körper: im Gesicht, in der Stimme, in der Anspannung, in der Bewegung. Genau darin liegt für Sie der Zugang. Sie sehen ein Gefühl, bevor ein Kind es benennen kann.

Man unterscheidet zwei Gruppen von Gefühlen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten.

GruppeWelche GefühleWann sie auftreten
BasisemotionenFreude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Überraschungim ersten Lebensjahr; Ausdruck und Deutung sind auch kulturell und von der Situation geprägt
Selbstbezogene EmotionenStolz, Scham, Schuld, Verlegenheit, Neiderste Formen wie Stolz und Verlegenheit ab etwa 18 bis 24 Monaten, sobald sich ein Kind als eigene Person erlebt; Scham und Schuld werden in den folgenden Jahren differenzierter

Beide Gruppen sind eine vereinfachte Einteilung. Welche Grundgefühle es gibt und wie einheitlich sie weltweit ausgedrückt werden, ist in der Forschung umstritten. Der Unterschied zeigt aber etwas Wichtiges: Selbstbezogene Emotionen setzen voraus, dass ein Kind sich selbst wahrnimmt und sein Verhalten an einem Massstab misst. Stolz ist erst möglich, wenn ein Kind weiss, dass es etwas selbst geschafft hat. Scham erst, wenn es ahnt, wie andere sein Verhalten beurteilen könnten.

5.2 Wie sich Gefühle entwickeln

Die folgende Übersicht zeigt mögliche Entwicklungstendenzen. Wie überall sind die Altersangaben Spannen, und viele Fähigkeiten entwickeln sich schrittweise und überlappend.

AlterWas dazukommt
0 bis 6 MonateDie Basisemotionen werden erkennbar. Das Kind reagiert auf Gesichter und auf den Tonfall der Stimme.
6 bis 12 MonateFremdeln: Das Kind unterscheidet vertraute und fremde Personen deutlich. Es holt sich bei Unsicherheit Orientierung im Gesicht der Bezugsperson (soziale Rückversicherung).
18 bis 24 MonateErste selbstbezogene Emotionen können sichtbar werden: Stolz nach einem gelungenen Turm, Verlegenheit, wenn alle hinschauen.
2 bis 3 JahreDas Kind beginnt, Gefühle zu benennen, zuerst die eigenen. Gleichzeitig sind die Ausbrüche heftig, weil der Wille da ist und die Steuerung fehlt.
3 bis 5 JahreDas Kind erkennt Gefühle bei anderen und beginnt zu verstehen, dass jemand anders empfinden kann als es selbst. Erste eigene Strategien tauchen auf.
5 bis 7 JahreDas Kind kann Gefühle zunehmend zurückhalten und die Gründe dafür benennen. Es merkt, dass gezeigtes und empfundenes Gefühl auseinanderfallen können.
ab 7 JahrenDas Kind versteht zunehmend, dass man zwei Dinge gleichzeitig fühlen kann, etwa Vorfreude und Angst vor dem Lager.

Zwei Punkte sind für Ihre Beobachtung wichtig. Erstens: Ein Gefühl zu haben und es steuern zu können, sind zwei verschiedene Dinge, die zeitlich weit auseinanderliegen. Der Wutanfall einer Zweijährigen ist deshalb meist kein Erziehungsproblem, sondern Ausdruck der Lücke zwischen beidem. Zweitens: Das Benennen kommt meist vor dem Steuern. Ein Kind, das sagen kann «Ich bin wütend», ist schon ein gutes Stück weiter, auch wenn es die Wut noch nicht im Griff hat.

5.3 Emotionsregulation

Unter Emotionsregulation versteht man die Fähigkeit, die Stärke und die Dauer eines Gefühls so zu beeinflussen, dass man handlungsfähig bleibt. Gemeint ist nicht, Gefühle zu unterdrücken oder ruhig zu wirken. Gemeint ist, sich nach einem Ärger wieder zu fangen und weitermachen zu können.

Diese Fähigkeit entwickelt sich langsam, meist in folgender Richtung.

StufeWer reguliertBeispiel
Säuglingsalterfast ausschliesslich die BezugspersonDas Kind schreit, wird hochgenommen, getragen und beruhigt sich über Körperkontakt und Stimme.
KleinkindalterKind und Bezugsperson gemeinsamDas Kind holt sich Trost, sucht den Nuggi, schaut zur Bezugsperson und beruhigt sich mit ihrer Hilfe.
Kindergarten- und Schulalterzunehmend das Kind selbstDas Kind geht in die Leseecke, holt tief Luft, sagt sich etwas vor oder erzählt später davon.

Selbstregulation entwickelt sich über Jahre. Dazu trägt die Reifung des Gehirns bei: Der Teil, der Impulse bremst und Handlungen steuert, entwickelt sich bis weit ins Jugendalter hinein. Ebenso wichtig sind Beziehungserfahrungen, Sprache, Übung und Unterstützung. Ein dreijähriges Kind, das beim Warten nicht ruhig bleiben kann, verfügt oft noch nicht über die nötige Selbstregulation dafür. Gleichzeitig kann sein Verhalten ein echtes Bedürfnis, Überforderung oder Widerstand ausdrücken.

Kinder regulieren zudem unterschiedlich. Manche werden laut, andere ziehen sich zurück, wieder andere erstarren. Wer laut wird, bekommt Reaktion. Wer sich zurückzieht, geht leicht vergessen. Rückzug kann ebenso wie lautes Verhalten auf starke Gefühle hinweisen. Wie stark ein Gefühl ist, lässt sich am sichtbaren Verhalten aber nicht direkt ablesen.

Glühbirne Merke

Emotionsregulation heisst nicht, keine starken Gefühle zu haben, sondern nach ihnen wieder handlungsfähig zu werden. Kinder lernen das über Jahre und zuerst mit Hilfe einer erwachsenen Person.

5.4 Ko-Regulation

Weil ein kleines Kind sich noch nicht allein beruhigen kann, übernimmt die erwachsene Person diesen Teil mit. Dieses gemeinsame Beruhigen heisst Ko-Regulation. Sie ist der Weg, auf dem ein Kind mit der Zeit die Selbstregulation aufbaut: Was es hundertmal mit einer anderen Person erlebt hat, kann es später allein.

Abbildung 4: Von der Ko-Regulation zur Selbstregulation
Darstellung in drei Schritten: Die Bezugsperson beruhigt das Kind, danach beruhigen sich Kind und Bezugsperson gemeinsam, schliesslich beruhigt sich das Kind selbst

Quelle: Erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Für Ko-Regulation haben sich vier Schritte bewährt. Sie sind eine Orientierung, keine feste Abfolge. Je nach Kind und Situation braucht es auch Schutz, etwas Abstand, Begleitung ohne Worte oder ein späteres Gespräch.

SchrittWas Sie tun
Selbst ruhig bleibenIhr eigener Zustand überträgt sich. Neben einer angespannten Person fällt es einem Kind schwer, sich zu beruhigen. Sie gehen auf Augenhöhe, sprechen leiser und langsamer.
Das Gefühl annehmenSie widersprechen dem Gefühl nicht und reden es nicht klein. Kein «Das ist doch nicht so schlimm» und kein «Hör auf zu weinen».
BenennenSie sagen, was Sie sehen: «Du bist wütend, weil der Turm umgefallen ist.» Das Kind bekommt ein Wort für seinen Zustand und merkt, dass jemand versteht.
DabeibleibenSie halten die Situation aus, ohne abzulenken oder sofort zu lösen. Erst wenn sich das Kind beruhigt hat, geht es um das Wie weiter.

Bei starker Erregung erreichen längere Erklärungen ein Kind meist nicht. Zuerst stehen Sicherheit, Beruhigung und Beziehung im Vordergrund, danach kann gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden. Regeln, Konsequenzen und Absprachen gehören deshalb ans Ende und nicht in die Mitte.

5.5 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Emotionale Entwicklung lässt sich nicht in einer Aktivität fördern. Sie entsteht in den vielen kleinen Momenten des Alltags, in denen ein Kind erlebt, wie mit Gefühlen umgegangen wird.

Was hilftWie es im Alltag aussieht
Gefühle benennenSie sprechen aus, was Sie beobachten, bei einem Kind und auch bei sich selbst: «Ich habe mich erschreckt.» So bekommen Kinder Wörter für ihre Zustände.
Verlässliche ReaktionDasselbe Verhalten bekommt bei Ihnen dieselbe Antwort, auch an einem anstrengenden Tag. Das Kind kann sich darauf einstellen.
Ein Ort zum RunterkommenEine ruhige Ecke, ein Kissen, ein Platz mit wenig Reizen, den ein Kind von sich aus aufsuchen darf, ohne dass es eine Strafe ist.
Bilderbücher und RollenspielIn Geschichten begegnen Kinder Gefühlen mit Abstand. Sie können darüber sprechen, ohne selbst mitten drin zu sein.
Übergänge ankündigenViele Ausbrüche entstehen beim abrupten Wechsel. Eine Vorwarnung kann viele davon verhindern.
Die stillen Kinder mitdenkenSie gehen aktiv zu den Kindern, die sich zurückziehen, statt nur dort zu reagieren, wo es laut ist.

Dazu kommt Ihre eigene Rolle als Vorbild. Kinder beobachten sehr genau, was eine erwachsene Person tut, wenn etwas schiefläuft. Ob Sie in einer hektischen Situation lauter werden oder kurz durchatmen, ist für die emotionale Entwicklung der Gruppe bedeutsamer als jede geplante Sequenz zum Thema Gefühle.

5.6 Praxissituation: Die Banane bricht

Praxissituation

Kita «Sternenland», Znüni. Emir, 3 Jahre und 1 Monat alt, will seine Banane selbst schälen. Er zieht kräftig, die Banane bricht in der Mitte durch. Emir schreit, wirft die Banane auf den Boden und wirft sich hinterher.

Janine, Lernende im ersten Lehrjahr, hebt die Banane auf und sagt: «Ist doch nicht so schlimm, die kann man trotzdem essen. Schau, ich mach dir eine neue.» Emir schreit lauter.

Janine versucht es mit Ablenkung und zeigt auf das Fenster: «Schau mal, ein Vogel!» Emir dreht sich weg und tritt nach ihr.

Praxissituation: Eine Banane bricht beim Zvieri

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Emir ist gut drei Jahre alt. Der Wille, es selbst zu schaffen, ist vollständig da, die Fähigkeit, die Enttäuschung darüber zu steuern, noch nicht. Das passt zur typischen Lücke dieses Alters und ist kein Erziehungsproblem. Ein einzelner Wutanfall ist in diesem Alter häufig. Wären solche Ausbrüche sehr häufig, sehr lang oder für Emir stark belastend, würde das Team beobachten, ob sich ein Muster zeigt, und Unterstützung besprechen.

Janines Reaktionen sind freundlich gemeint, greifen aber in der falschen Reihenfolge. Sie widerspricht dem Gefühl («ist doch nicht so schlimm»), löst das Problem sachlich und lenkt danach ab. Alle drei setzen voraus, dass Emir zuhören kann, und das gelingt ihm im Ausbruch kaum. Für ihn kommt an: Was ich fühle, zählt hier nicht.

BeobachtungEinordnung
Emir will selbst schälen und reagiert heftig, als es misslingt.Das Autonomiebestreben ist altersgemäss, ebenso die Heftigkeit. Die Steuerung des Gefühls gelingt noch nicht.
Emir schreit lauter, als das Problem gelöst wird.Vermutlich geht es weniger um die Banane als darum, dass er es selbst machen wollte. Die sachliche Lösung trifft den Kern nicht.
Emir dreht sich weg und tritt.Er ist so aufgewühlt, dass er kaum zuhören oder sich umorientieren kann. Er braucht zuerst Ko-Regulation.

Was hilft?

Janine geht in die Hocke, bleibt in Emirs Nähe und wird selbst ruhiger. Sie sagt: «Du wolltest das ganz allein machen. Jetzt ist sie kaputt und du bist wütend.» Dann wartet sie, ohne weiter zu reden. Emir weint noch eine Weile, lehnt sich dann an sie und lässt sich halten.

Erst danach kommt der praktische Teil. Janine fragt, ob er die zwei Hälften essen oder eine neue Banane probieren will. Emir entscheidet sich für eine neue und schält sie mit einem eingeschnittenen Ende selbst.

Für den Alltag hält Janine im Team fest, dass sie das Schälen künftig vorbereitet, indem sie die Schale oben einritzt. Der Wunsch nach Selbstmachen bleibt erfüllt, die Misserfolge werden seltener. In der Auswertung notiert sie ausserdem, was ihr aufgefallen ist: Ihr eigener Impuls war, das Problem schnell wegzuräumen, und genau das hat die Situation verlängert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gefühle sind Information: für das Kind selbst und für sein Umfeld. Kleine Kinder zeigen sie über den ganzen Körper, bevor sie Worte dafür haben.
  • Basisemotionen wie Freude, Trauer, Wut und Angst treten im ersten Lebensjahr auf. Erste selbstbezogene Emotionen wie Stolz können ab etwa 18 bis 24 Monaten sichtbar werden, Scham und Schuld entwickeln sich über die folgenden Jahre.
  • Ein Gefühl zu haben und es steuern zu können, sind zwei verschiedene Dinge. Zwischen beidem liegen Jahre.
  • Emotionsregulation heisst, nach einem starken Gefühl wieder handlungsfähig zu werden, nicht, Gefühle zu unterdrücken.
  • Die Entwicklung führt von der Regulation durch die Bezugsperson über die gemeinsame Regulation zur Selbstregulation.
  • Ko-Regulation heisst: selbst ruhig bleiben, das Gefühl annehmen, es benennen, dabeibleiben. Erklärungen und Regeln kommen erst danach.
  • Auch Kinder, die sich zurückziehen, können starke Gefühle haben. Die Stärke eines Gefühls lässt sich nicht an der Lautstärke ablesen, und ruhige Kinder werden leichter übersehen.
Wissenscheck Kapitel 5

1. Hana, 20 Monate, baut einen Turm aus vier Klötzen, schaut auf und strahlt in die Runde, bis jemand hinschaut. Was zeigt sich hier?

  • A: Eine Basisemotion, Freude gehört zu den ersten Gefühlen überhaupt.
  • B: Stolz, eine selbstbezogene Emotion. Hana nimmt sich als Person wahr, die etwas geschafft hat.
  • C: Soziale Rückversicherung, sie holt sich Orientierung für eine unsichere Situation.
  • D: Emotionsregulation, sie steuert ihr Gefühl bewusst.
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B: Stolz setzt voraus, dass ein Kind sich selbst als Verursacherin des Erfolgs erlebt. Erste selbstbezogene Emotionen wie Stolz können ab etwa 18 bis 24 Monaten sichtbar werden.

2. Selam, 2 Jahre und 11 Monate, liegt schreiend am Boden, weil sie die roten Finken nicht findet. Was ist der richtige erste Schritt?

  • A: Ihr ruhig erklären, dass die roten Finken in der Wäsche sind und die blauen genauso gut passen.
  • B: Sie darauf hinweisen, dass sie schon ein grosses Mädchen ist und sich beruhigen soll.
  • C: In die Hocke gehen, selbst ruhig bleiben und benennen, was sie fühlt. Die Erklärung kommt, wenn sie wieder aufnahmefähig ist.
  • D: Den Raum verlassen, damit sie merkt, dass sich Schreien nicht lohnt.
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C: Im Ausbruch kann ein Kind meist kaum zuhören. Ko-Regulation beginnt mit der eigenen Ruhe, dem Annehmen und Benennen des Gefühls und dem Dabeibleiben. Erklärungen und Lösungen gehören ans Ende.

3. Zwei Kinder derselben Gruppe reagieren auf Streit sehr unterschiedlich: Das eine schreit, das andere zieht sich wortlos in die Bauecke zurück. Wie gehen Sie damit um?

  • A: Das zurückgezogene Kind kommt besser zurecht, dort ist keine Begleitung nötig.
  • B: Beide Kinder haben ein starkes Gefühl. Sie gehen auch zu dem Kind, das sich zurückzieht, weil es sonst leicht übersehen wird.
  • C: Sie kümmern sich zuerst um das laute Kind und danach nur, falls das stille Kind von sich aus kommt.
  • D: Sie fordern beide auf, den Streit sofort selbst zu klären.
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B: Kinder regulieren unterschiedlich. Rückzug bedeutet nicht, dass das Gefühl schwächer ist. Wer leise reagiert, bekommt im Alltag weniger Aufmerksamkeit und braucht deshalb eine bewusste Zuwendung.

Kapitel 6: Sprachentwicklung

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

6.1 Die ersten Laute und Wörter

Sprache beginnt lange vor dem ersten Wort. Ein Säugling schreit, gurrt, schaut und wartet auf eine Antwort. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Das Kind macht ein Geräusch, die erwachsene Person antwortet, das Kind macht wieder eines. Dieses Abwechseln ist der Aufbau eines Gesprächs, nur noch ohne Wörter.

Ab etwa einem halben Jahr kommt das Lallen dazu: Silbenketten wie «ba-ba-ba» oder «da-da-da», die ein Kind immer wieder wiederholt. Es hört sich dabei selbst zu und übt die Bewegungen von Lippen, Zunge und Stimme. Mit der Zeit klingen die Silben nach der Sprache, die das Kind täglich hört.

Ein entscheidender Schritt folgt gegen Ende des ersten Lebensjahres. Das Kind schaut nicht mehr nur die Person oder nur den Gegenstand an, sondern beides abwechselnd: Es zeigt auf den Hund, schaut zu Ihnen, schaut zurück zum Hund. Diese gemeinsame Aufmerksamkeit ist die Grundlage des Wortlernens. Erst wenn beide dasselbe meinen, kann ein Kind das gehörte Wort mit der richtigen Sache verbinden.

Das Sprachverstehen entwickelt sich meist früher und breiter als das Sprechen. Der passive Wortschatz ist in der Regel deutlich grösser als der aktive Wortschatz. Ein Kind, das noch wenig sagt, kann trotzdem viel verstehen. Für Ihre Beobachtung heisst das: Beobachten Sie Verstehen und Sprechen getrennt. Schauen Sie nicht nur, was ein Kind sagt, sondern auch, was es begreift und wie es sich ohne Wörter verständigt.

Ein verbreitetes Bild fasst zusammen, worauf Sprache aufbaut: der Sprachbaum von Wolfgang Wendlandt. Er stellt die Sprache als Baum dar, der nur wächst, wenn Boden und Wurzeln stimmen.

Abbildung 5: Der Sprachbaum nach Wolfgang Wendlandt
Ein Baum als Modell der Sprachentwicklung: Erdreich, Wurzeln, Stamm und Krone stehen für Beziehung, Voraussetzungen, Sprechfreude und die sichtbaren Sprachleistungen

Quelle: ChatGPT

Teil des BaumsWofür er steht
ErdreichBeziehung und Zuwendung: vertraute Personen, die dem Kind zugewandt sind und mit ihm sprechen.
WurzelnVoraussetzungen: Hören, Sehen, Wahrnehmung, Bewegung, geistige Entwicklung.
StammSprechfreude und Sprachverständnis: die Lust, sich mitzuteilen, und das Verstehen dessen, was gesagt wird.
KroneDas sichtbare Ergebnis: Aussprache, Wortschatz, Grammatik, Erzählen.
Sonne und RegenDie Art, wie Erwachsene sprechen: zuhören, antworten, Zeit lassen, Sprachvorbild sein.

Das Bild hat zwei praktische Folgen. Erstens fallen Schwierigkeiten meist in der Krone auf, weil man dort hört, was ein Kind sagt. Die Ursache liegt oft weiter unten, etwa beim Hören oder bei der Beziehung. Zweitens setzt Förderung unten an: Sie pflegen den Boden und die Wurzeln, statt an einzelnen Blättern zu arbeiten.

Glühbirne Merke

Sprache beginnt nicht mit dem ersten Wort, sondern mit dem Dialog: Blickkontakt, Abwechseln, gemeinsame Aufmerksamkeit. Wer nichts sagt, kommuniziert trotzdem.

6.2 Vom Wort zum Satz

Die ersten Wörter stehen für ganze Sätze. Sagt ein Kind «Milch», kann das heissen: «Ich will Milch», «Die Milch ist leer» oder «Schau, Milch». Solche Einwortsätze verstehen Sie nur aus der Situation heraus. Genau deshalb sind Alltagssituationen für die Sprache so wichtig: Sie liefern die Bedeutung mit.

PhaseAlterWas dazukommt
Vorstufe0 bis 6 MonateSchreien mit unterschiedlichem Klang, erste Gurrlaute. Das Kind schaut Gesichter an, reagiert auf vertraute Stimmen und wechselt sich mit Lauten ab, fast wie in einem Gespräch.
Lallmonologe6 bis 12 MonateLallen mit Silbenketten wie «ba-ba-ba», das Kind hört sich dabei selbst zu. Gegen Ende des ersten Jahres kommt die gemeinsame Aufmerksamkeit dazu: Das Kind zeigt auf etwas und schaut dabei abwechselnd zur Bezugsperson und zum Gegenstand.
Einwortsätze12 bis 18 MonateEinwortsätze, begleitet von Gesten. Der Wortschatz wächst langsam, etwa auf 20 bis 50 Wörter.
Zweiwortsätze18 bis 24 MonateBei vielen Kindern wächst der Wortschatz jetzt deutlich schneller, man spricht auch von Wortschatzexplosion. Tempo und Verlauf unterscheiden sich stark. Es entstehen Zweiwortsätze wie «Mami komm» oder «Auto weg».
Mehrwortsätze2 bis 3 JahreMehrwortsätze, erste Beugungen und Zeitformen. Das Kind fragt unermüdlich «Was ist das?» und benennt, was es tut.
Nebensätze3 bis 4 JahreSätze mit «weil» und «wenn», Warum-Fragen, kleine Erzählungen. Übergeneralisierungen wie «gegeht» häufen sich.
Ausbauphase4 bis 6 JahreDer Satzbau ist weitgehend korrekt. Das Kind erzählt Erlebtes der Reihe nach, hält sich an Gesprächsregeln und spielt mit Sprache.
Schriftspracheab 6 JahrenDie Schriftsprache kommt dazu, der Wortschatz wird genauer, Witze und doppelte Bedeutungen werden verstanden.

Ein Phänomen verunsichert Lernende regelmässig: Ein Kind sagt «gegeht» statt «gegangen», manchmal sogar, nachdem es die richtige Form schon verwendet hat. Das sieht nach einem Fehler aus, zeigt aber etwas anderes. Solche Übergeneralisierungen können zeigen, dass ein Kind eine sprachliche Regel bildet, hier die Endung «t» für die Vergangenheit, und noch nicht alle Ausnahmen kennt. Das Kind plappert Sprache nicht nur nach, sondern beginnt, sie zu durchschauen.

Glühbirne Merke

«Gegeht» ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt: Das Kind hat eine Regel erkannt und wendet sie noch überall an. Solche Formen verschwinden meist, wenn das Kind die richtige Form oft genug hört.

6.3 Mehrsprachig aufwachsen

In vielen Kitas und Tagesbetreuungen wächst ein grosser Teil der Kinder mit mehr als einer Sprache auf. Mehrsprachigkeit gibt es in zwei Varianten. Bei der simultanen Form hört ein Kind von Geburt an zwei Sprachen, etwa weil die Eltern verschiedene Sprachen sprechen. Bei der sukzessiven Form spricht die Familie zu Hause nur eine Sprache, und das Kind lernt die zweite Sprache erst später dazu, meist beim Eintritt in die Kita.

Beim sukzessiven Erwerb sprechen manche Kinder in der neuen Sprache zunächst wenig. Sie hören zu, beobachten und verständigen sich über Gesten, Blickkontakt und Handlungen. Diese Phase kann mehrere Wochen bis Monate dauern und ist oft eine Zeit des Sammelns. Eine automatische Entwarnung ist sie aber nicht: Beobachtet werden Sprachverstehen, Kontaktaufnahme, Wohlbefinden und Fortschritte im Verlauf. Zeigt sich hier wenig oder dauert die Phase auffallend lange, gehört die Beobachtung ins Team.

Häufige AnnahmeWas fachlich gilt
Zwei Sprachen überfordern ein Kind.Mehrsprachiges Aufwachsen ist kein Risikofaktor für eine Sprachentwicklungsstörung. Wie der Erwerb verläuft, hängt aber davon ab, wie viel und wie gut ein Kind jede Sprache hört und braucht.
Wenn ein Kind Sprachen mischt, ist es verwirrt.Sprachmischung ist bei mehrsprachigen Kindern häufig und kann sinnvoll sein: Das Kind nimmt das Wort, das ihm gerade zur Verfügung steht. Mit der Zeit richtet es seine Sprachwahl zunehmend nach dem Gegenüber.
Die Eltern sollten zu Hause Deutsch sprechen, damit es schneller geht.Eltern sprechen am besten die Sprache oder die Sprachen, in denen sie sich sicher, reich und zugewandt ausdrücken können. Das kann auch Deutsch sein. Eine reiche Erstsprache stützt den Aufbau der Zweitsprache.
Wer in Deutsch wenig sagt, hat eine Sprachstörung.Beurteilt wird die Sprache eines Kindes über alle seine Sprachen zusammen. Was ein Kind in der Erstsprache kann, hilft ihm beim Lernen der Zweitsprache.

Für Ihre Arbeit heisst das zweierlei. Erstens gehört die Erstsprache in den Alltag der Gruppe: eine Begrüssung, ein Lied, ein Bilderbuch, ein Wort für Wasser oder Schuhe. Kinder erleben so, dass ihre Sprache zählt, und das erleichtert ihnen den Zugang zur zweiten. Zweitens brauchen Sie für eine Einschätzung die Eltern. Nur sie können sagen, wie das Kind zu Hause spricht.

6.4 Alltagsintegrierte Sprachförderung

Sprache lernt ein Kind dort, wo gesprochen wird, weil es etwas zu sagen gibt. Genau das meint alltagsintegrierte Sprachförderung: Nicht eine Übungssequenz am Dienstagvormittag, sondern das Wickeln, das Anziehen, der Zvieri, der Weg zum Spielplatz und das Aufräumen. Diese Situationen haben drei Vorteile. Sie wiederholen sich täglich, sie sind für das Kind bedeutsam, und die Handlung liefert die Bedeutung der Wörter gleich mit.

AlltagssituationWas sprachlich darin steckt
Wickeln und PflegeKörperteile, Nähe, Abwechseln im Dialog. Sie sprechen zu zweit und ohne Zeitdruck, das Kind hat Ihre volle Aufmerksamkeit.
Anziehen und GarderobeReihenfolgen, Präpositionen wie in, unter, über, Kleidungswörter, Aufforderungen verstehen.
Zvieri und MittagessenWünsche äussern, fragen, warten, einander zuhören, erzählen, was am Morgen war.
AufräumenOrdnen und Benennen, Mengen, Orte, gemeinsame Aufträge.
Spaziergang und GartenBeobachtetes benennen, Vermutungen anstellen, Fragen der Kinder aufnehmen.

Damit eine solche Situation sprachlich wirksam wird, braucht es vor allem Zeit und Ihre Aufmerksamkeit. Ein Zvieri, bei dem alles bereits eingeschenkt auf dem Tisch steht und in zehn Minuten vorbei ist, bietet wenig Anlass zu sprechen. Steht die Kanne in der Mitte und schöpfen die Kinder selbst, entstehen Wünsche, Fragen und Absprachen von allein.

Glühbirne Merke

Sprachförderung ist kein zusätzliches Programm, sondern eine Art, den Alltag zu gestalten: genug Zeit, echte Anlässe zum Sprechen und eine erwachsene Person, die zuhört und antwortet.

6.5 Sprachförderstrategien für den Alltag

Die folgenden Strategien lassen sich in vielen Alltagssituationen einsetzen. Sie brauchen keine eigene Übungszeit, wohl aber bewusste Aufmerksamkeit, Geduld beim Warten und möglichst kleine Gruppen.

StrategieWas Sie tunBeispiel
Handlungsbegleitendes SprechenSie sagen, was Sie oder das Kind gerade tun, in einfachen Sätzen und im Tempo der Handlung.«Ich schneide die Birne in vier Stücke. Jetzt lege ich dir ein Stück auf den Teller.»
Aufgreifen und erweiternSie nehmen die Äusserung des Kindes auf und fügen ein Stück hinzu.Kind: «Ball weg.» Sie: «Ja, der Ball ist unter den Schrank gerollt.»
Korrektives FeedbackSie wiederholen eine fehlerhafte Äusserung richtig, ohne den Fehler zu benennen und ohne Nachsprechen zu verlangen.Kind: «Ich hab den Ball gewerft.» Sie: «Du hast den Ball geworfen, ganz weit.»
Echte Fragen stellenSie fragen nach etwas, das Sie nicht schon wissen, und lassen mehrere Antworten zu.«Was machen wir mit den Kernen?» statt «Was ist das? Wie heisst das?»
AbwartenSie machen eine Pause und halten sie aus, auch wenn es still wird. Kinder brauchen oft mehrere Sekunden, bis eine Antwort kommt.Sie fragen, schauen das Kind an und warten, statt die Antwort selbst zu liefern.

Zwei verbreitete Gewohnheiten können die Sprechfreude hemmen, wenn sie häufig vorkommen. Die erste ist das dauernde Abfragen: «Was ist das? Welche Farbe? Wie heisst das nochmals?» Solche Fragen machen aus einem Gespräch eine Prüfung, in der das Kind gewinnen oder verlieren kann. Die zweite ist das offene, beschämende Verbessern: «Nicht gegeht, es heisst gegangen.» Das Kind erfährt dabei, dass seine Aussage falsch war, und sagt im Zweifel lieber weniger. Eine einzelne Benennungsfrage schadet nicht. Echte Fragen, Erweitern und korrektives Feedback sind im Alltag aber meist förderlicher.

6.6 Wenn die Sprache stockt

Kinder erwerben Sprache unterschiedlich schnell, und eine späte Entwicklung ist nicht automatisch eine Störung. Schauen Sie deshalb zuerst auf das, was vorhanden ist: Versteht das Kind Aufträge im Alltag? Nimmt es Kontakt auf? Zeigt, gestikuliert und mimt es? Wer viel versteht und sich rege verständigt, hat eine gute Ausgangslage, auch wenn erst wenige Wörter kommen.

Einige Beobachtungen sprechen dafür, genauer hinzuschauen und das Thema im Team anzusprechen.

BeobachtungWarum sie Beachtung verdient
Mit 24 Monaten weniger als etwa 50 Wörter und keine Zweiwortsätze (Grenzstein nach Jenni, 2022)Ein Teil dieser Kinder holt von selbst auf, ein Teil nicht. Die Fachwelt spricht von Late Talkers. Beobachten und dokumentieren statt abwarten.
Das Kind reagiert wenig auf Ansprache oder GeräuscheHinter sprachlichen Auffälligkeiten kann das Hören stehen, besonders nach häufigen Mittelohrentzündungen. Eine Hörabklärung gehört deshalb zu den wichtigen frühen Schritten.
Das Kind versteht Alltagsaufträge nichtEingeschränktes Verständnis wiegt schwerer als wenig Sprechen, weil es das Kind im ganzen Alltag betrifft.
Das Kind verliert Wörter, die es schon konnteEin deutlicher Rückgang ist anders zu bewerten als eine langsame Entwicklung und gehört zeitnah abgeklärt.
Stottern hält über Monate an, mit Anstrengung oder VermeidungKurze Phasen von Stocken sind im Vorschulalter häufig. Anhaltendes Stottern mit sichtbarer Anstrengung braucht fachliche Unterstützung.
Das Kind spricht deutlich undeutlich für sein AlterWenn Fremde ein vierjähriges Kind kaum verstehen, ist das ein Hinweis auf die Aussprache und nicht nur auf Schüchternheit.

Bei mehrsprachigen Kindern gilt zusätzlich: Ausschlaggebend ist das Bild über alle Sprachen zusammen. Ein Kind, das in der Erstsprache altersgemäss erzählt und in Deutsch erst wenig sagt, erwirbt gerade eine zweite Sprache. Zeigen sich die Schwierigkeiten in beiden Sprachen, bespricht das Team mit den Eltern eine Abklärung.

Ihre Rolle ist dabei klar umrissen. Sie beobachten über eine gewisse Zeit, halten konkrete Beispiele schriftlich fest und bringen Ihre Beobachtung ins Team ein. Das Gespräch mit den Eltern führt die Gruppenleitung, die Abklärung machen Logopädie, Kinderärztin oder Kinderarzt. Eine Diagnose stellen Sie nicht, und beide gängigen Kurzschlüsse helfen dem Kind nicht: weder «das kommt schon noch» noch «da stimmt sicher etwas nicht».

6.7 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

In keinem anderen Entwicklungsbereich wirkt Ihr eigenes Verhalten so unmittelbar wie in der Sprache. Kinder lernen Sprache von den Menschen, die mit ihnen sprechen. Sie sind damit in jedem Satz Sprachvorbild, unabhängig davon, ob gerade eine geplante Sequenz läuft.

Den grössten Unterschied macht der Rahmen, den Sie gestalten. Ein Tagesablauf mit genügend Zeit in kleinen Gruppen bringt mehr Sprache hervor als jede Übung. Wiederkehrende Rituale wie ein tägliches Bilderbuch, ein Lied oder eine Erzählrunde geben Kindern denselben Wortschatz immer wieder. Und Kinder, die wenig sagen, brauchen Situationen mit wenigen Gegenübern, weil sie in der grossen Gruppe kaum zum Zug kommen.

Was Sie gestalten könnenWas nicht Ihre Aufgabe ist
Zeit und Ruhe in Alltagssituationen, kleine Gruppen, wiederkehrende SprachritualeEin Sprachtraining durchführen oder Übungsprogramme anleiten
Ihr eigenes Sprechen: Blickhöhe, Tempo, Pausen, aufgreifen statt abfragenAussprache oder Grammatik gezielt behandeln
Erstsprachen sichtbar machen und die Eltern nach der Sprache zu Hause fragenDen Eltern vorschreiben, welche Sprache sie zu Hause sprechen
Beobachten, konkrete Beispiele festhalten und ins Team einbringenEine Diagnose stellen oder Eltern eine Störung mitteilen

Der rote Faden dieses Lerntexts gilt auch hier. Sie halten fest, was ein Kind sprachlich tut, und zwar über mehrere Wochen und in allen seinen Sprachen: wie es Kontakt aufnimmt, was es versteht, welche Wörter und Satzformen es verwendet. Aus diesem Muster wird ersichtlich, wo das Kind steht. Was daraus folgt, entscheidet das Team.

6.8 Praxissituation: Zvieri als Sprachanlass

Praxissituation

Kita «Sternenland», Zvieri. Am Tisch sitzen fünf Kinder mit Elena, Lernende im zweiten Lehrjahr. Enis, 3 Jahre und 4 Monate alt, spricht zu Hause Albanisch und ist seit einem Jahr in der Kita. Er zeigt auf die Wasserkanne und sagt: «Da.»

Elena fragt: «Was ist das? Wie heisst das? Sag einmal: Wasser.» Enis schaut sie an und wiederholt: «Da.» Elena giesst ein und sagt: «Nächstes Mal sagst du es aber richtig, sonst gibt es nichts.»

Kurz darauf erzählt Carla, 4 Jahre alt, von ihrem Wochenende: «Wir sind zum Grossvater gegeht.» Elena antwortet: «Es heisst gegangen. Sag es nochmals richtig.» Carla sagt es nach und erzählt nicht weiter.

Praxissituation: Zvieri als Sprachanlass am Tisch

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Elena meint es gut. Sie will die Sprache fördern und tut das auf die Art, die sie aus ihrer eigenen Schulzeit kennt: abfragen und verbessern. Beides erzeugt am Tisch eine Prüfsituation. Enis und Carla erleben nicht, dass ihr Beitrag ankommt, sondern dass er bewertet wird.

Dabei hätte Elena in beiden Fällen einen guten Anfang vor sich. Enis meldet ein Bedürfnis, eindeutig und mit Blickkontakt. Carla erzählt ein Erlebnis in einem Satz mit Vergangenheitsform. Beides ist sprachlich mehr wert als das Wort, das Elena hören möchte.

BeobachtungEinordnung
Enis zeigt auf die Kanne und sagt «Da».Er verständigt sich erfolgreich mit Geste und Wort. Als Kind, das Deutsch als zweite Sprache erwirbt, nutzt er, was ihm zur Verfügung steht.
Elena fragt ab und knüpft das Wasser an das richtige Wort.Aus dem Zvieri wird eine Prüfung mit Bedingung. Das erhöht den Druck und senkt die Bereitschaft, überhaupt etwas zu sagen.
Carla sagt «gegeht».Eine Übergeneralisierung und damit ein Entwicklungsschritt: Carla hat die Regel für die Vergangenheit gebildet und wendet sie noch überall an.
Carla erzählt nach der Verbesserung nicht weiter.Die Korrektur unterbricht den Inhalt. Wer vor allem auf die Form achtet, verliert die Geschichte und mit ihr den Sprechanlass.

Was hilft?

Bei Enis nimmt Elena die Zeigegeste als vollwertigen Beitrag und begleitet ihr Tun sprachlich: «Du möchtest Wasser. Ich giesse dir Wasser ein, das Glas ist jetzt voll.» Dann wartet sie. Enis sagt «Wassa». Elena greift auf, ohne zu verbessern: «Ja, Wasser. Ist es kalt?»

Bei Carla wiederholt sie die Aussage in der richtigen Form und bleibt beim Inhalt: «Ihr seid zum Grossvater gegangen. Und was habt ihr dort gemacht?» Carla erzählt weiter und hört die korrekte Form ganz nebenbei.

Im Team hält Elena zwei Punkte fest. Erstens stellen sie die Kanne künftig in die Mitte, damit die Kinder selbst schöpfen und dabei Wünsche äussern. Zweitens nimmt sie sich vor, an jedem Tisch einmal bewusst abzuwarten, statt die Antwort vorwegzunehmen. In der Auswertung notiert sie ausserdem, dass Enis Aufträge im Alltag zuverlässig versteht und in der Gruppe Kontakt sucht. Für ihre Einschätzung ist das wichtiger als die Anzahl deutscher Wörter.

Das Wichtigste in Kürze

  • Sprache beginnt vor dem ersten Wort: Blickkontakt, Abwechseln im Dialog und gemeinsame Aufmerksamkeit sind die Grundlage des Wortlernens.
  • Das Verstehen entwickelt sich meist früher als das Sprechen. Der passive Wortschatz ist in der Regel grösser als der aktive.
  • Vom Einwortsatz über Zweiwortsätze zu Nebensätzen: Mit etwa fünf bis sechs Jahren ist der Satzbau weitgehend korrekt.
  • Übergeneralisierungen wie «gegeht» sind ein Fortschritt und kein Fehler, den man ausmerzen muss.
  • Mehrsprachiges Aufwachsen ist kein Risikofaktor für eine Sprachstörung. Sprachmischung ist häufig und sinnvoll, eine starke Erstsprache stützt die Zweitsprache, und beurteilt wird immer das Bild über alle Sprachen.
  • Alltagsintegrierte Sprachförderung nutzt wiederkehrende Situationen statt zusätzlicher Übungssequenzen.
  • Wirksam sind handlungsbegleitendes Sprechen, Aufgreifen und Erweitern, korrektives Feedback, echte Fragen und Abwarten. Dauerndes Abfragen und beschämendes Verbessern können bremsen.
  • Bei Auffälligkeiten beobachten und dokumentieren Sie und bringen es ins Team ein. Abgeklärt wird durch Fachpersonen wie Logopädie, Kinderärztin oder Kinderarzt. Eine Hörabklärung gehört zu den frühen Schritten.
Wissenscheck Kapitel 6

1. Amina, 3 Jahre und 2 Monate alt, erzählt beim Anziehen: «Ich habe den Schuh gefindet.» Wie reagieren Sie?

  • A: «Nicht gefindet, es heisst gefunden. Sag es nochmals richtig.»
  • B: «Du hast den Schuh gefunden. Wo war er denn versteckt?»
  • C: Sie lassen es unkommentiert, damit Amina sich nicht beobachtet fühlt.
  • D: Sie loben Amina für den ganzen Satz und üben die Form später in einer ruhigen Minute.
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B: Korrektives Feedback. Sie wiederholen die Äusserung in der richtigen Form und bleiben beim Inhalt. «Gefindet» zeigt, dass Amina die Regel für die Vergangenheit gebildet hat. Verbessern und Nachsprechen lassen unterbrechen das Gespräch, ganz ignorieren bringt ihr kein Sprachvorbild.

2. Ein Kind ist seit sieben Wochen in der Gruppe und spricht zu Hause Tamil. In der Kita sagt es kein deutsches Wort, holt aber auf Aufforderung die Jacke und spielt mit anderen Kindern. Die Eltern sind beunruhigt. Was ist fachlich richtig?

  • A: Die Eltern sollen zu Hause auf Deutsch wechseln, damit das Kind schneller vorwärtskommt.
  • B: Sieben Wochen ohne Sprechen deuten auf eine Sprachstörung hin, eine Abklärung ist sofort nötig.
  • C: Eine Phase mit wenig Sprechen kommt beim Erwerb einer zweiten Sprache häufig vor. Das Kind versteht und nimmt Kontakt auf, das sind gute Zeichen. Wohlbefinden und Fortschritte werden weiter beobachtet.
  • D: Das Kind sollte in kleinen Einzelsequenzen täglich deutsche Wörter nachsprechen.
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C: Beim sukzessiven Spracherwerb gibt es oft eine Phase des Zuhörens. Verständnis und Kontaktaufnahme sind vorhanden, Wohlbefinden und Fortschritte beobachten Sie weiter. Die Erstsprache zu Hause bleibt wichtig, weil sie die Zweitsprache stützt.

3. Zehra ist 27 Monate alt. Sie spricht rund 20 Wörter, bildet keine Zweiwortsätze und reagiert oft nicht, wenn man sie beim Namen ruft. Sie hatte im letzten Winter mehrere Mittelohrentzündungen. Was tun Sie?

  • A: Abwarten, viele Kinder sprechen erst mit drei Jahren richtig los.
  • B: Konkrete Beobachtungen über einige Wochen schriftlich festhalten und im Team einbringen, damit eine Abklärung, auch des Hörens, angeregt werden kann.
  • C: Den Eltern mitteilen, dass Zehra vermutlich eine Sprachentwicklungsstörung hat.
  • D: Mit Zehra täglich Wörter üben und sie zum Nachsprechen auffordern.
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B: Mehrere Hinweise treffen zusammen: wenig Wörter, keine Zweiwortsätze, unsichere Reaktion auf Ansprache nach Mittelohrentzündungen. Ihre Aufgabe ist beobachten, dokumentieren und weitergeben. Eine Hörabklärung gehört zu den ersten Schritten, die Diagnose stellen Fachpersonen.

Kapitel 7: Sozialentwicklung

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

7.1 Sich in andere hineinversetzen

Soziale Entwicklung heisst: Ein Kind lernt, mit anderen Menschen zurechtzukommen. Es lernt, Kontakt aufzunehmen, sich abzuwechseln, sich zu behaupten und nachzugeben. Das geschieht nicht in einem Sprung, sondern über Jahre.

Dieses Kapitel geht diesen Weg der Reihe nach durch: von der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, über Freundschaften und Konflikte bis zur Gruppe. Am Schluss fassen wir zusammen, was all das zusammen ergibt und was Sie im Alltag dazu beitragen.

Damit aus Nebeneinander ein Miteinander wird, braucht ein Kind eine Einsicht: Andere denken, wollen und fühlen etwas anderes als es selbst. Diese Perspektivenübernahme entwickelt sich schrittweise und hängt eng mit der Denkentwicklung zusammen. Schon jüngere Kinder reagieren auf Gefühle anderer. Komplexe Sichtweisen, Absichten und widersprüchliche Perspektiven verstehen sie erst allmählich. Der Egozentrismus aus Kapitel 4 beschreibt, was dabei noch schwerfällt: die Sicht eines anderen mitzudenken, wenn sie sich von der eigenen unterscheidet.

AlterWas dazukommt
1 bis 2 JahreDas Kind reagiert auf die Gefühle anderer, steckt sich an und tröstet auf seine Weise, etwa indem es den eigenen Nuggi bringt.
2 bis 3 JahreEs erkennt, dass andere etwas anderes wollen als es selbst, kann das aber im Konflikt noch nicht berücksichtigen.
3 bis 5 JahreEs versteht zunehmend, dass jemand anders empfinden kann, und tröstet passender. Im Rollenspiel übt es fremde Perspektiven ein.
5 bis 7 JahreEs kann eine Situation aus der Sicht eines anderen Kindes schildern und Absichten von Zufällen unterscheiden.
ab 7 JahrenEs denkt mit, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt, und beginnt, die Sicht einer ganzen Gruppe einzubeziehen.

Auf dieser Grundlage entsteht prosoziales Verhalten: helfen, trösten, teilen, jemanden mitspielen lassen. Kleine Kinder zeigen das bereits, allerdings unregelmässig und meist bei Kindern, die ihnen nahestehen. Ob ein Kind teilt, hängt stark von der Situation ab, etwa davon, wie sehr es den Gegenstand gerade selbst braucht. Aus einem einzelnen «Nein» lässt sich deshalb nichts über seine Sozialkompetenz ableiten.

Gefördert wird diese Entwicklung weniger durch Ermahnungen als durch Erleben. Ein Kind, dessen eigene Gefühle regelmässig benannt werden, erkennt Gefühle auch bei anderen leichter wieder. Die Ko-Regulation aus Kapitel 5 ist damit auch eine Grundlage der sozialen Entwicklung.

7.2 Erste Freundschaften

Was Kinder unter Freundschaft verstehen, verändert sich mit dem Alter. Im Kindergartenalter ist Freundschaft an die Situation gebunden: Freund ist, wer gerade mitspielt und dasselbe will. Solche Freundschaften wechseln schnell, und das ist normal. Erst im Schulalter kommen Treue, gemeinsame Interessen und Vertrauen dazu.

AlterWas Freundschaft für das Kind heisst
3 bis 5 Jahre«Wir spielen jetzt zusammen.» Freundschaft entsteht und endet mit der Spielsituation.
5 bis 8 Jahre«Sie macht, was ich will, und ich mache, was sie will.» Geben und Nehmen wird wichtig, Streit beendet die Freundschaft kurzzeitig.
ab 8 Jahren«Ich kann ihr etwas erzählen.» Vertrauen, gemeinsame Interessen und Verlässlichkeit treten in den Vordergrund, Freundschaften halten länger.

Für Ihre Beobachtung ist weniger wichtig, ob ein Kind viele Freundschaften hat, als ob es überhaupt Anschluss findet. Ein Kind, das dauerhaft niemanden findet, mit dem es spielt, verdient Aufmerksamkeit, ebenso eines, das nie allein sein kann. Umgekehrt braucht nicht jedes Kind eine grosse Gruppe. Manche Kinder spielen am liebsten mit einem einzigen Gegenüber, und das ist kein Mangel.

7.3 Konflikte unter Kindern

Konflikte gehören zum sozialen Lernen, sie sind kein Zeichen einer schlecht geführten Gruppe. Im Streit erfahren Kinder, dass andere einen eigenen Willen haben, sie üben, ihn auszuhalten, und sie probieren Lösungen aus. Kinder profitieren von begleiteten Konflikten, die sie bewältigen können. Wer jeden Konflikt sofort beendet, nimmt ihnen diese Übung. Früh eingreifen müssen Sie aber, wenn Sicherheit, Freiwilligkeit, Machtbalance oder Würde eines Kindes gefährdet sind, etwa bei Überforderung, Ausgrenzung oder wiederholter Aggression.

Kleine Kinder streiten fast immer um Gegenstände und um Raum, ältere zunehmend um Regeln, Rollen und Zugehörigkeit. Ihre Aufgabe ist es, den Rahmen sicher zu halten und die Kinder so weit wie möglich selbst arbeiten zu lassen.

SchrittWas Sie tun
Sicherheit herstellenSie greifen sofort ein, wenn ein Kind verletzt wird, Angst hat oder dem anderen deutlich unterlegen ist.
Beide Seiten hörbar machenSie lassen jedes Kind sagen, was es wollte, und wiederholen es für das andere: «Du wolltest das Velo. Und du wolltest weiterfahren.»
Gefühle benennenSie sprechen aus, was Sie sehen. Erst wenn die Erregung sinkt, sind Kinder überhaupt aufnahmefähig.
Lösung bei den Kindern lassenSie fragen: «Was machen wir jetzt?» Kommt nichts, machen Sie zwei Vorschläge und lassen die Kinder wählen.
Abmachung festhaltenSie wiederholen, was gilt, und bleiben in der Nähe, bis es läuft.

Zwei verbreitete Reaktionen bringen wenig. Die erste ist das Wegnehmen als einzige Lösung: Der Streitgegenstand verschwindet, der Konflikt ist beendet, geklärt ist nichts. Bei Gefahr oder Eskalation sichern Sie einen Gegenstand zwar. Danach braucht es aber wenn möglich eine Klärung, damit nicht nur der Gegenstand verschwindet, sondern auch der Konflikt bearbeitet wird. Die zweite ist die Schuldfrage: Wer hat angefangen? Sie führt dazu, dass Kinder einander beschuldigen, statt eine Lösung zu suchen.

Glühbirne Merke

Konflikte werden begleitet, nicht abgeschafft. Ihre Aufgabe ist es, Sicherheit zu geben und beide Sichtweisen hörbar zu machen. Die Lösung gehört so weit wie möglich den Kindern.

7.4 Die Gruppe als Lernfeld

Mit dem Schuleintritt gewinnen die Peers stark an Bedeutung. In der Tagesbetreuung und in der Tagesbetreuung erleben Kinder eine Gruppe, in der sie ihren Platz selbst aushandeln müssen. Das ist anspruchsvoller als der Kontakt zu Erwachsenen: Unter Gleichaltrigen gibt es keine Person, die von vornherein nachgibt.

In jeder Gruppe bilden sich Rollen heraus, etwa wer Ideen einbringt, wer vermittelt, wer sich anschliesst. Rollen sind nützlich, solange sie wechseln können. Heikel wird es, wenn ein Kind dauerhaft auf einer Rolle festsitzt, besonders auf der des Aussenseiters.

Beobachtung in der GruppeWas sie bedeuten kann
Ein Kind wird wiederholt nicht mitspielen gelassen.Kann ein Hinweis auf Ausschluss sein, ebenso darauf, dass das Kind noch keinen passenden Zugang zum Spiel gefunden hat. Ausschluss wird oft übersehen, weil er leise abläuft.
Ein Kind sucht durchgehend die Nähe der erwachsenen Person statt der Kinder.Kann ein Hinweis auf fehlenden Anschluss sein, wie bei Milena in Kapitel 2. Möglich sind auch Unsicherheit in einer neuen Gruppe oder ein Thema, das das Kind gerade stark beschäftigt.
Ein Kind bestimmt dauerhaft, wer mitspielen darf.Kann ein Hinweis auf ein Machtgefälle in der Gruppe sein, manchmal auch auf Unsicherheit des Kindes selbst. Hier braucht es Regeln, die von den Erwachsenen gesetzt und gehalten werden.
Ein Kind wechselt Rollen und Spielgruppen häufig.Meist unauffällig: Das Kind probiert vermutlich aus, wo es dazugehört.

Vieles davon hängt nicht am einzelnen Kind, sondern am Rahmen: Wie viele Kinder sich ein Velo teilen müssen, ob es Rückzugsorte gibt, ob Spiele einen klaren Anfang und ein Ende haben. Was Sie als Team daran gestalten können, folgt in Abschnitt 7.6.

7.5 Was Sozialkompetenz umfasst

Die vorangehenden Abschnitte haben gezeigt, wie sich Perspektivenübernahme, Freundschaft und Konfliktfähigkeit entwickeln. All das lässt sich unter einem Sammelbegriff fassen: Sozialkompetenz. Als Ganzes taugt der Begriff für die Beobachtung allerdings wenig: «Er ist sozial» oder «sie ist noch nicht sozial» sagt nichts darüber aus, was ein Kind tatsächlich kann. Zudem ist «sozial» streng genommen wertneutral: Auch Schlagen ist ein soziales Verhalten, es findet im Kontakt mit anderen statt. Gemeint ist meist prosoziales Verhalten, also Verhalten, das anderen nützt. Brauchbar wird der Begriff Sozialkompetenz erst zerlegt, in die Teilfähigkeiten, die Sie in diesem Kapitel bereits gesehen haben.

Dahinter stecken sieben Teilfähigkeiten, die Sie in diesem Kapitel alle bereits gesehen haben: Kontakt aufnehmen, zusammenarbeiten und sich hineinversetzen (7.1), Beziehungen halten (7.2), Konflikte austragen und sich behaupten (7.3) sowie in der Gruppe zurechtkommen (7.4). Erst diese Aufteilung macht den Begriff für die Beobachtung brauchbar, denn beobachten lässt sich immer nur eine einzelne dieser Fähigkeiten.

Zwei Dinge sind dabei wichtig. Erstens entwickeln sich diese Fähigkeiten unterschiedlich schnell. Ein Kind kann sich gut behaupten und sich gleichzeitig schwer hineinversetzen. Zweitens hängt jede von ihnen stark von der Situation ab. Dasselbe Kind kann in einer vertrauten Zweiergruppe alles zustandebringen, was ihm in einer lauten Zwölfergruppe nicht gelingt. Wer ein Kind einschätzen will, braucht deshalb Beobachtungen aus mehreren Situationen.

Glühbirne Merke

Sozialkompetenz ist kein Gesamturteil über ein Kind, sondern ein Bündel einzelner Fähigkeiten, die sich unterschiedlich schnell entwickeln und je nach Situation unterschiedlich gelingen.

7.6 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Soziale Entwicklung lässt sich nicht allein durch Belehrung vermitteln. Kinder lernen sie vor allem, indem sie täglich mit anderen Kindern zu tun haben und dabei begleitet werden. Fördern heisst hier deshalb vor allem, den Alltag so zu gestalten, dass die sieben Teilfähigkeiten geübt werden können. Gezielte Angebote, Ihr Vorbild und das gemeinsame Nachdenken mit den Kindern ergänzen das. Die folgende Übersicht nimmt sie noch einmal auf, diesmal aus Ihrer Perspektive.

TeilfähigkeitWomit Sie sie im Alltag stützen
Kontakt aufnehmenKleine Gruppen und wiederkehrende Spielorte. Sie begleiten den Einstieg mit Worten: «Frag ihn, ob du den blauen Klotz haben darfst.» Ein neues Kind bringen Sie gezielt mit einem Kind zusammen, das leicht Anschluss gibt.
Sich hineinversetzenRollenspielmaterial und Bilderbücher, in denen Gefühle vorkommen. Sie sagen, was das andere Kind wollte oder fühlte, ohne zu bewerten: «Er war erschrocken, als du gerufen hast.»
ZusammenarbeitenAufgaben, die zu zweit besser gehen als allein: ein grosses Brett tragen, den Tisch decken, gemeinsam eine Höhle bauen. In der Tagesbetreuung zusätzlich Spiele mit Regeln und Projekte über mehrere Tage.
Beziehungen haltenZeit für Spiele, die am nächsten Tag weitergehen dürfen. Nach einem Streit begleiten Sie den Wiederanschluss, statt eine Entschuldigung zu verlangen.
Konflikte austragenSie halten Streit aus, bleiben in der Nähe und gehen nach den Schritten aus Abschnitt 7.3 vor. Ältere Kinder formulieren ihre Gruppenregeln mit.
Sich behauptenSie lassen das Nein eines Kindes gelten, auch Ihnen gegenüber, und geben Kindern Worte dafür: «Sag ihm, dass du noch nicht fertig bist.»
In der Gruppe zurechtkommenWenige, überschaubare Regeln, verlässliche Rituale und Aufgaben, die reihum gehen. Sie achten darauf, dass Rollen wechseln können und Ausschluss nicht zur Gewohnheit wird.

Zwei Dinge wirken über alle sieben hinweg. Das eine ist der Rahmen. Ob genügend Material für die Gruppengrösse da ist, ob es Rückzugsorte gibt und ob ein Spiel ungestört zu Ende gehen kann, entscheidet mit, wie viele Konflikte überhaupt entstehen. Ein Velo für acht Kinder erhöht den Konfliktdruck stark. Für faire Regeln, genügend Alternativen und Unterstützung beim Aushandeln sind Sie verantwortlich, nicht die Kinder.

Das andere sind Sie selbst. Kinder beobachten, wie Erwachsene miteinander umgehen: wie Sie im Team widersprechen, wie Sie reagieren, wenn etwas schiefläuft, ob Sie sich entschuldigen. Das wirkt stärker als alles, was Sie den Kindern über Fairness sagen.

Für den roten Faden dieses Lerntexts heisst das: Notieren Sie nicht, ob ein Kind «sozial» ist, sondern was es tut. Mit wem spielt es, wie nimmt es Kontakt auf, wie reagiert es auf ein Nein, wie kommt es aus einem Streit wieder heraus. Aus diesen Beobachtungen wird ersichtlich, wo es steht, und nicht aus einem Gesamteindruck.

7.7 Praxissituation: Zwei Kinder, ein Velo

Praxissituation

Kita «Sternenland», Garten. Im Aussenbereich gibt es ein Velo für acht Kinder. Carla, 4 Jahre alt, fährt seit einer Weile ihre Runden. Timon, 4 Jahre alt, stellt sich in den Weg und greift an den Lenker. «Jetzt bin ich dran, du fährst schon immer!»

Carla hält fest und schreit. Timon zieht stärker, das Velo kippt, beide gehen zu Boden. Niemand ist verletzt, beide weinen.

Yasmin, Lernende im zweiten Lehrjahr, ist sofort da, stellt das Velo auf und bringt es in den Schuppen. «Wenn ihr nicht teilen könnt, fährt eben niemand. Und jetzt vertragt euch wieder.» Timon ruft, Carla sei schuld. Carla dreht sich weg und setzt sich allein auf die Treppe.

Praxissituation: Zwei Kinder streiten um ein Velo im Garten

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Der Streit selbst ist altersgemäss. Zwei Vierjährige wollen dasselbe Objekt, beide haben einen nachvollziehbaren Anspruch, und beiden fällt es in diesem Moment schwer, die Sicht des anderen mitzudenken. Genau daran würden sie etwas lernen.

Yasmins Reaktion stellt die Sicherheit her, das ist richtig. Danach beendet sie aber den Konflikt, statt ihn zu begleiten. Das Velo verschwindet, die Frage bleibt offen, und zurück bleibt bei beiden Kindern das Gefühl, bestraft worden zu sein. Die Aufforderung, sich wieder zu vertragen, verlangt zudem etwas, das erst am Ende eines Klärungsprozesses möglich ist.

BeobachtungEinordnung
Timon stellt sich in den Weg und greift an den Lenker.Er verschafft sich Zugang mit den Mitteln, die er hat. Sein Anliegen ist verständlich, die Form noch nicht ausgehandelt.
Carla hält fest und schreit.Sie verteidigt, was sie gerade nutzt. Beide Kinder handeln aus ihrer eigenen Perspektive heraus, und beiden fällt es im Moment schwer, anders zu handeln.
Das Velo wird weggeräumt.Der Konflikt ist beendet, der Lernanlass ebenfalls. Keines der Kinder hat erfahren, wie sich ein solcher Streit lösen lässt.
Timon sucht die Schuldfrage, Carla zieht sich zurück.Ohne Klärung bleibt jedem nur die eigene Sicht. Der Rückzug wirkt ruhig und wird deshalb leicht übersehen.
Ein Velo für acht Kinder.Ein struktureller Konflikttreiber. Diesen Teil kann das Team verändern.

Was hilft?

Yasmin geht dazwischen und bleibt in der Hocke bei beiden. Sie sagt: «Ihr wolltet beide fahren. Du bist schon lange dran, und du wartest schon lange.» Sie wartet, bis das Weinen nachlässt, und fragt dann: «Was machen wir jetzt?»

Timon schlägt vor, dass Carla noch einmal um den Baum fährt und dann er. Carla will drei Runden. Sie einigen sich auf zwei. Yasmin wiederholt die Abmachung laut, zählt die Runden mit und bleibt in der Nähe, bis der Wechsel geklappt hat.

Im Team bringt sie zwei Punkte ein. Erstens brauchen acht Kinder mehr als ein Velo, oder es braucht eine sichtbare Regelung, etwa eine Sanduhr am Gartentisch. Zweitens notiert sie zu Carla, dass diese sich nach Konflikten regelmässig allein zurückzieht und danach längere Zeit nicht ins Spiel zurückfindet. Das ist eine Beobachtung, die sie über mehrere Wochen weiterverfolgen will.

Das Wichtigste in Kürze

  • Perspektivenübernahme ist eine wichtige Grundlage für echtes Miteinander. Sie entwickelt sich über Jahre und hängt eng mit der Denkentwicklung zusammen.
  • Prosoziales Verhalten zeigen schon kleine Kinder, aber situationsabhängig. Aus einem einzelnen «Nein» lässt sich nichts ableiten.
  • Freundschaft heisst im Kindergartenalter «wir spielen jetzt zusammen» und erst im Schulalter Vertrauen und Verlässlichkeit. Wichtiger als die Anzahl ist, ob ein Kind überhaupt Anschluss findet.
  • Konflikte sind ein Lernfeld. Sie sorgen für Sicherheit, machen beide Sichtweisen hörbar und lassen die Lösung so weit wie möglich bei den Kindern. Wegnehmen und die Schuldfrage beenden den Streit, nicht das Problem.
  • Sozialkompetenz ist kein Gesamturteil, sondern ein Bündel von sieben Teilfähigkeiten, die sich unterschiedlich schnell entwickeln und je nach Situation unterschiedlich gelingen.
  • Gefördert wird sie vor allem im Alltag: Gelegenheiten zum Zusammenspiel, begleitete Konflikte, gesicherte Zugehörigkeit, ein passender Rahmen und Ihr eigenes Vorbild.
Wissenscheck Kapitel 7

1. Timon, 4 Jahre, streitet sich mit einem anderen Kind. Sie fordern ihn auf, sich vorzustellen, wie sich das andere Kind jetzt fühlt. Timon schaut Sie ratlos an. Wie ordnen Sie das ein?

  • A: Timon ist wenig einfühlsam, das sollte gezielt trainiert werden.
  • B: Eine verlässliche Perspektivenübernahme können Sie von einem vierjährigen Kind noch nicht erwarten. Hilfreicher ist, wenn Sie das Gefühl des anderen Kindes selbst benennen.
  • C: Timon versteht die Frage nicht, weil er sprachlich noch nicht so weit ist.
  • D: Timon verweigert sich absichtlich, um nicht nachgeben zu müssen.
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B: Perspektivenübernahme entwickelt sich schrittweise und hängt mit der Denkentwicklung zusammen. Von einem vierjährigen Kind können Sie noch keine verlässliche Perspektivenübernahme erwarten. Beschreiben Sie stattdessen, was das andere Kind fühlt.

2. Zwei vierjährige Kinder streiten lautstark um eine Schaufel. Niemand ist gefährdet. Was ist fachlich richtig?

  • A: Die Schaufel einziehen, bis sich die beiden beruhigt haben.
  • B: Zuerst klären, wer die Schaufel zuerst hatte, und sie diesem Kind geben.
  • C: In der Nähe bleiben, beide Anliegen hörbar machen und fragen, was die Kinder jetzt tun wollen.
  • D: Beide Kinder auffordern, sich zu vertragen und zu teilen.
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C: Solange niemand gefährdet ist, ist der Streit ein Lernfeld. Sie sichern den Rahmen und machen beide Sichtweisen hörbar, die Lösung suchen die Kinder. Wegnehmen und die Schuldfrage beenden den Konflikt, ohne dass jemand etwas lernt.

3. In der Tagesbetreuung fällt Ihnen auf, dass dasselbe Kind seit drei Wochen nie mitspielen darf. Die anderen sagen jedes Mal, die Gruppe sei schon voll. Das Kind beschwert sich nicht und setzt sich mit einem Buch an den Rand. Wie gehen Sie vor?

  • A: Sie lassen es laufen, das Kind wirkt zufrieden und liest gern.
  • B: Sie sprechen das Kind darauf an, dass es sich mehr anstrengen müsse, um dazuzugehören.
  • C: Sie halten die Beobachtungen konkret fest, bringen sie ins Team und sorgen im Alltag dafür, dass das Kind einen Platz im Spiel findet.
  • D: Sie verbieten der Gruppe, weiter zusammen zu spielen, bis alle einverstanden sind.
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C: Wiederholter Ausschluss läuft leise ab und wird oft übersehen. Zugehörigkeit ist nichts, was ein Kind allein herstellen kann. Sie beobachten konkret, bringen es ins Team ein und gestalten Situationen, in denen das Kind Anschluss findet.

4. Eine Lernende schreibt in die Beobachtung: «Mia ist sozial noch nicht so weit.» Tatsächlich hat sie gesehen, dass Mia in der Zwölfergruppe kaum Kontakt aufnimmt, mit ihrer Freundin am Maltisch aber Material teilt und Rollen abspricht. Was sagen Sie ihr?

  • A: Die Einschätzung stimmt, weil Mia in der grossen Gruppe nicht zurechtkommt.
  • B: «Sozial noch nicht so weit» ist ein Gesamturteil. Die Teilfähigkeiten entwickeln sich unterschiedlich schnell und gelingen je nach Situation anders, hier also getrennt festhalten, was Mia wo tut.
  • C: Die Beobachtung am Maltisch zählt nicht, weil es nur ein Kind war.
  • D: Mia sollte gezielt in grössere Gruppen gebracht werden, damit sie aufholt.
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B: Mia kann zusammenarbeiten und Beziehungen halten, die Kontaktaufnahme in der grossen Gruppe gelingt ihr nicht. Beides gehört in die Beobachtung, und beides beschreibt eine Situation, keine Eigenschaft.

Kapitel 8: Moralentwicklung

Leistungsziel f2.1.1: Sie erklären die wichtigsten Schritte der menschlichen Entwicklung in Bezug auf Sozialverhalten, Moral, Emotionen, Wahrnehmung, Motorik und Denken als Prozess. (K2)

8.1 Was moralische Entwicklung heisst

Moralische Entwicklung heisst: Ein Kind lernt zu unterscheiden, was richtig und was falsch ist, und richtet sein Handeln daran aus. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen zwei Fragen. Die erste lautet: Was tut ein Kind? Die zweite: Warum tut es das?

Zwei Kinder geben ein Spielzeug zurück. Das eine, weil es sonst Ärger bekommt. Das andere, weil es gemerkt hat, dass das andere Kind traurig ist. Das Verhalten ist dasselbe, die Begründung nicht. Moralisches Urteilen zeigt sich besonders in der Begründung. Moralisches Handeln hängt zusätzlich von Mitgefühl, Selbststeuerung, Beziehungen, Gruppendruck und der Situation ab. Deshalb lohnt es sich im Alltag zu fragen: «Warum meinst du, dass das nicht geht?»

Zu dieser Entwicklung tragen Fähigkeiten aus den vorherigen Kapiteln bei: sich in andere hineinversetzen (Kapitel 7), Gefühle bei sich und anderen wahrnehmen (Kapitel 5) und Ursache und Wirkung gedanklich verbinden (Kapitel 4). Moral wächst auf dem, was vorher da ist.

8.2 Von der Regel zum Gewissen

Kleine Kinder übernehmen Regeln zunächst stark über die Beziehung, über Rückmeldungen und über Folgen. Sie richten sich danach, was die erwachsene Person sagt und was passiert, wenn sie es nicht tun. Mit der Zeit können sie Regeln zunehmend verstehen, begründen und mitgestalten, und sie halten sich auch dann an eine Regel, wenn niemand zuschaut. Diese innere Instanz nennt man Gewissen. Auch später bleibt moralisches Handeln von anderen Menschen und von der Situation beeinflusst. Die folgende Übersicht zeigt typische Tendenzen.

AlterWoran sich das Kind orientiert
1 bis 2 JahreAn der Reaktion der Bezugsperson. Das Kind schaut beim Griff zur Steckdose zur erwachsenen Person, bevor es zufasst.
2 bis 4 JahreAn Anweisungen und an den Folgen. Regeln sind gültig, weil eine erwachsene Person sie gesagt hat.
4 bis 7 JahreAn der Regel selbst. Regeln können als unveränderlich erlebt werden, Absicht und Zufall werden zunehmend unterschieden.
ab 7 JahrenAn Abmachungen und Fairness. Das Kind merkt, dass Regeln gemacht und geändert werden können, und diskutiert sie.

Zwei Dinge treiben diesen Prozess an. Das eine sind Erfahrungen mit anderen Kindern: Wer im Streit erlebt, wie es sich anfühlt, übergangen zu werden, versteht eine Regel anders als jemand, dem sie nur erklärt wurde. Das andere sind Vorbilder. Kinder übernehmen, was sie an Erwachsenen sehen, weit stärker als das, was diese ihnen sagen. Wie dieses Lernen am Modell genau abläuft, sehen Sie in Kapitel 9.

Glühbirne Merke

Kinder übernehmen Regeln zuerst über Beziehung und Folgen, mit der Zeit bilden sie einen eigenen Massstab. Aufschlussreich ist deshalb nicht nur, ob ein Kind gehorcht, sondern auch, womit es sein Verhalten begründet.

8.3 Die Stufen nach Kohlberg im Überblick

Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat Menschen aller Altersstufen moralische Dilemmas vorgelegt: kurze Geschichten, in denen zwei Werte in Konflikt stehen und jede Entscheidung einen Preis hat. Kohlberg interessierte nicht, ob jemand eine Handlung gutheisst, sondern wie er seine Antwort begründet.

Glühbirne Beispiel: das Dilemma von Heinz

Die Frau von Heinz ist schwer krank. Es gibt ein Medikament, das sie retten könnte, ein Apotheker in derselben Stadt hat es entwickelt. Die Herstellung kostet ihn wenig, er verlangt dafür aber ein Vielfaches. Heinz leiht sich bei allen, die er kennt, Geld zusammen, kommt aber nur auf die Hälfte der Summe. Er bittet den Apotheker, ihm das Medikament günstiger zu verkaufen oder später zu bezahlen. Der Apotheker lehnt ab: «Ich habe das Medikament entdeckt, und ich will daran verdienen.» In der Nacht bricht Heinz in die Apotheke ein und stiehlt das Medikament.

Darf Heinz das tun? Kohlberg fragte nicht nach Ja oder Nein, sondern nach der Begründung. «Er darf nicht stehlen, sonst kommt er ins Gefängnis» begründet anders als «Das Leben seiner Frau wiegt schwerer als das Eigentum des Apothekers». Genau an solchen Begründungen liest Kohlberg die Stufe ab.

Aus den Begründungen leitete er sechs Stufen in drei Ebenen ab. Das Modell ist bis heute einflussreich, wird aber auch stark kritisiert (Abschnitt 8.7).

EbeneStufeWomit begründet wird
Präkonventionell
etwa bis 9 Jahre
1 Strafe vermeiden«Das darf man nicht, sonst gibt es Ärger.»
2 Eigener Vorteil«Ich mache es, wenn ich auch etwas davon habe.»
Konventionell
etwa ab 9 Jahren, bei vielen Menschen dauerhaft
3 Erwartungen erfüllen«Eine gute Freundin macht das nicht.»
4 Regeln und Ordnung«Es ist die Regel, und Regeln gelten für alle.»
Postkonventionell
frühestens im Jugendalter, nicht bei allen Menschen
5 Abmachung und Gemeinwohl«Regeln sind vereinbart, sie lassen sich ändern, wenn sie ungerecht sind.»
6 Eigene Grundsätze«Das Leben eines Menschen wiegt schwerer als ein Gesetz.»
Abbildung 6: Die drei Ebenen der Moralentwicklung nach Kohlberg
Treppe mit drei Ebenen und sechs Stufen: Strafe vermeiden, eigener Vorteil, Erwartungen erfüllen, Regeln und Ordnung, Abmachung und Gemeinwohl, eigene Grundsätze

Quelle: Eigene Darstellung nach Kohlberg, erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Die Altersangaben sind Spannen, kein fixer Zeitpunkt für jedes Kind. Kohlberg zeigt mit den Stufen eine typische Entwicklungsrichtung, nicht ein starres Schema. Dieselbe Person begründet zudem je nach Situation unterschiedlich, und unter Stress fällt sie oft auf eine einfachere Begründung zurück als sonst. Ordnen Sie deshalb nie eine ganze Person fest einer Stufe zu, sondern höchstens eine einzelne Begründung in einer konkreten Situation. Für Ihre Arbeit sind vor allem die ersten vier Stufen von Bedeutung. Stabile Begründungen auf den beiden letzten Stufen werden im Kita- und Schulalter nicht erwartet.

8.4 Präkonventionelle Ebene: Strafe und eigener Vorteil

Auf dieser Ebene bemisst ein Kind richtig und falsch an den Folgen für sich selbst. Auf Stufe 1 zählt, ob etwas Ärger gibt. Auf Stufe 2 kommt der Tausch dazu: «Wenn du mir dein Velo gibst, darfst du meine Karten haben.» Das klingt hart, ist aber ein Fortschritt, denn das Kind erkennt erstmals, dass andere ebenfalls eigene Interessen haben.

Was Sie hörenWas dahintersteckt
«Ich war das nicht.»Passt zu Stufe 1. Im Vordergrund steht vermutlich, die Folge zu vermeiden, nicht, die Wahrheit zu verbergen.
«Sie hat angefangen, darum darf ich auch.»Passt zu Stufe 2. Ausgleich nach dem Prinzip: Gleiches mit Gleichem.
«Ich helfe dir, wenn du mir nachher hilfst.»Passt zu Stufe 2. Der Tausch als Grundlage von Zusammenarbeit.
«Das ist nicht schlimm, sie hat ja noch viele.»Passt zu Stufe 1 oder 2. Der Schaden wird an der eigenen Sicht gemessen, nicht am Erleben der anderen.

Zwei Punkte sind hier für die Praxis wichtig. Erstens: Ein Umgang, der vor allem auf Strafe setzt, kann den Blick eines Kindes stark auf das Vermeiden unangenehmer Folgen lenken. Über die Wirkung seines Handelns auf andere erfährt es dabei wenig. Gespräche, Perspektivenwechsel, klare Grenzen und angemessene Wiedergutmachung helfen hier weiter. Zweitens: Wenn ein Kind auf dieser Ebene lügt, versucht es oft vor allem, eine unangenehme Folge abzuwenden. Das ist altersgemäss.

Glühbirne Merke

Strafe allein lenkt den Blick auf die Folgen für das Kind selbst. Wer sichtbar macht, was das Verhalten bei einem anderen Kind auslöst, öffnet den Blick für dessen Sicht.

8.5 Konventionelle Ebene: dazugehören und Regeln einhalten

Im Schulalter verschiebt sich der Massstab nach aussen, aber nicht mehr auf die Folgen, sondern auf die Menschen und die Ordnung. Auf Stufe 3 will ein Kind ein gutes Kind sein: Es handelt so, wie es glaubt, dass eine Freundin, die Gruppe oder die Betreuungsperson es erwartet. Auf Stufe 4 zählt die Regel selbst, unabhängig von Personen.

In der Tagesbetreuung erkennen Sie diese Ebene gut an zwei Dingen. Erstens wird intensiv über Fairness diskutiert: Wer darf zuerst, wer hat wie lange, gilt die Regel auch für die Grossen. Zweitens wird Petzen zum Thema. Ein Kind, das Regelverletzungen meldet, kann dafür unterschiedliche Gründe haben: Es sucht Schutz oder Hilfe, empfindet etwas als ungerecht, steckt in einem Loyalitätskonflikt oder orientiert sich stark an der Regel, was zu Stufe 4 passt. Die Gruppe bewertet dasselbe Verhalten oft anders, weil Loyalität zu den anderen Kindern wichtiger wird.

Genau daran lässt sich mit älteren Kindern gut arbeiten. Regeln, die sie mitformuliert haben, werden anders getragen als Regeln, die nur gelten. Und die Frage «Wofür ist diese Regel eigentlich da?» führt Kinder zum ersten Mal an den Gedanken heran, dass Regeln gemacht und auch geändert werden können.

8.6 Postkonventionelle Ebene: eigene Grundsätze

Auf dieser Ebene begründet ein Mensch sein Handeln mit Grundsätzen, die über die geltende Regel hinausgehen: Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit, Würde. Wer hier denkt, kann eine Regel bewusst brechen, weil er sie für ungerecht hält, und dafür einstehen.

Stabile Begründungen auf dieser Ebene werden frühestens im Jugendalter erwartet und längst nicht von allen Menschen erreicht. Einzelne Äusserungen von Kindern können trotzdem an Ideen wie Fairness oder Gleichwertigkeit anknüpfen. Sie gehört trotzdem zum Bild, weil sie zeigt, wohin die Entwicklung führen kann, und weil Sie im dritten Lehrjahr in Ihrer eigenen beruflichen Haltung genau an diesen Fragen arbeiten.

8.7 Was Kohlbergs Modell nicht erklärt

Das Modell ordnet Begründungen und ist dafür bis heute brauchbar. Drei Einschränkungen sollten Sie trotzdem kennen.

EinschränkungWas das für die Praxis heisst
Urteilen ist nicht HandelnEin Kind kann sauber begründen, warum man niemanden ausschliesst, und es trotzdem tun. Zwischen Einsicht und Verhalten liegt ein grosser Abstand, besonders unter Druck.
Der Massstab ist GerechtigkeitKohlberg fragt vor allem: Was ist gerecht, was sagt die Regel? Eine Entscheidung aus Fürsorge, zum Beispiel Rücksicht auf ein jüngeres Kind, zählt in seinem Modell weniger. Dazu kommt: Kohlberg hat seine Dilemmas vor allem Jungen und jungen Männern aus westlichen Ländern vorgelegt. Ob die Stufen für alle Menschen gleich gelten, ist deshalb bis heute umstritten.
Situation und Erfahrung wirken mitDasselbe Kind begründet zu Hause, in der Gruppe und gegenüber einer erwachsenen Person unterschiedlich. Eine Stufe ist keine Eigenschaft, die ein Kind besitzt.

Für Ihre Arbeit heisst das: Verwenden Sie die Stufen zum Verstehen, nicht zum Einordnen von Kindern. Die Frage lautet nicht «Auf welcher Stufe ist Hamza?», sondern «Womit begründet Hamza sein Verhalten, und was wäre der nächste Schritt?».

8.8 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Moralische Entwicklung fördern Sie weniger mit Ermahnungen als damit, wie Sie mit Regelverletzungen umgehen. Jede solche Situation ist eine Gelegenheit, an der ein Kind etwas über Wirkung und Verantwortung lernen kann.

Was hilftWie es im Alltag aussieht
Nach der Begründung fragen«Warum meinst du, geht das nicht?» So erfahren Sie, auf welcher Grundlage ein Kind denkt, statt es nur zu korrigieren.
Wirkung sichtbar machenSie zeigen, was das Verhalten beim anderen Kind ausgelöst hat: «Schau, sie sucht ihre Karten schon die ganze Pause.»
Wiedergutmachung statt StrafeDas Kind hilft, den Schaden zu beheben: zurückgeben, mitaufräumen, etwas zusammen richten. Das richtet den Blick auf die betroffene Person. Die Wiedergutmachung wird gemeinsam gesucht, ist altersgerecht und für die betroffene Person tatsächlich hilfreich. Sie wird nicht erzwungen oder beschämend eingesetzt, Schutz und Sicherheit gehen vor.
Unter vier Augen klärenVor der Gruppe geht es um Gesicht und Schuld. Allein kann ein Kind zugeben, was es getan hat.
Wenige Regeln, konsequentRegeln, die verlässlich gelten, können Kinder leichter verinnerlichen. Regeln, die je nach Tagesform gelten, bleiben eher eine Frage der Aufsicht.
Regeln mitgestalten lassenÄltere Kinder formulieren Gruppenregeln mit und begründen sie. Damit üben sie den Schritt von «man darf nicht» zu «wir haben abgemacht».
Vorbild seinWie Sie mit einem eigenen Fehler umgehen, ob Sie sich entschuldigen und ob für alle dieselben Regeln gelten, wirkt stärker als jede Erklärung.

Für den roten Faden gilt auch hier: Notieren Sie nicht, ob ein Kind «ehrlich» oder «unfair» ist, sondern was es tut und wie es das begründet. Aus mehreren solchen Beobachtungen ergibt sich ein Bild, aus einem Vorfall nicht.

8.9 Praxissituation: Die verschwundenen Sammelkarten

Praxissituation

Tagesbetreuung «Moosried», nach dem Mittagessen. Nora, 9 Jahre alt, sucht drei Sammelkarten, die sie in ihrem Etui hatte. Sie ist den Tränen nahe, es sind ihre seltensten.

Remo, FaBe in der Tagesbetreuung, fragt in die Runde: «Wer hat die Karten genommen? Ich warte, bis sich jemand meldet.» Es wird still, dann zeigen zwei Kinder auf Hamza, 8 Jahre alt. Hamza wird rot und sagt: «Ich war das nicht.»

Kurz darauf findet Remo die Karten in Hamzas Jackentasche. Hamza sagt: «Ich habe sie nur ausgeliehen. Und es ist ja nicht schlimm, sie hat noch ganz viele davon.» Remo antwortet: «Das ist Stehlen. Wenn das nochmals vorkommt, darfst du eine Woche nicht mehr an den Kartentisch.» Hamza gibt die Karten zurück und sagt kein Wort mehr.

Praxissituation: Verschwundene Sammelkarten in der Tagesbetreuung

Quelle: ChatGPT

Was passiert hier?

Hamza begründet in dieser Situation vor allem mit dem Vermeiden von Folgen und mit seiner eigenen Sicht auf den Schaden. «Ich war das nicht» dient vermutlich dazu, die Folge abzuwenden. «Sie hat noch ganz viele» misst den Schaden an seiner eigenen Sicht, nicht an Noras Erleben. Diese Äusserungen passen zum präkonventionellen Begründungsmuster, und genau dort liesse sich anknüpfen.

Remos Vorgehen ist gut gemeint, arbeitet aber gegen diesen Schritt. Die Frage vor der ganzen Gruppe macht aus der Sache eine öffentliche Schuldfrage, in der Hamza nur verlieren kann. Die angekündigte Konsequenz ist eine Strafe ohne Bezug zum Schaden: Sie sagt Hamza, was ihn erwartet, aber nichts darüber, wie es Nora geht. Möglicherweise nimmt Hamza vor allem mit, dass es sich nicht lohnt, erwischt zu werden.

BeobachtungEinordnung
Remo fragt vor der Gruppe, wer es war.Die Schuldfrage im Plenum kann beschämen und Leugnen fördern. Unter vier Augen fällt Zugeben leichter.
Hamza sagt «Ich war das nicht».Passt zu Stufe 1 der präkonventionellen Ebene: Vermutlich geht es darum, der Folge zu entgehen. Das ist keine Charakterfrage.
«Sie hat ja noch ganz viele.»Der Schaden wird aus der eigenen Perspektive bemessen. Die Wirkung auf Nora ist Hamza noch nicht präsent.
Remo droht mit einer Woche Ausschluss vom Kartentisch.Eine Strafe ohne Zusammenhang mit dem Schaden. Sie lenkt Hamzas Blick auf die Folgen für ihn selbst, statt ihn für Nora zu öffnen.
Hamza sagt danach kein Wort mehr.Das Thema ist beendet, nicht geklärt. Weder Wiedergutmachung noch Perspektivenwechsel haben stattgefunden.

Was hilft?

Remo klärt die Sache in einem ruhigen Moment mit Hamza allein. Er stellt zuerst fest, was passiert ist, ohne Vorwurf: «Die Karten waren in deiner Jacke.» Dann fragt er nach der Begründung: «Wie ist das für dich gewesen?» Hamza erzählt, dass er diese Karte seit Wochen sucht und dass er sie nur einmal in der Hand halten wollte.

Danach macht Remo die andere Seite sichtbar: «Nora hat die ganze Pause gesucht und geweint. Sie wusste nicht, wo ihre Karten sind.» Er fragt Hamza, was er jetzt tun könne, damit es für Nora wieder in Ordnung kommt. Hamza schlägt vor, die Karten selbst zurückzugeben und ihr zu sagen, dass er sie genommen hat. Remo begleitet ihn dabei.

Im Team bringt Remo zwei Punkte ein. Erstens braucht der Kartentisch eine gemeinsam festgelegte Regel zum Tauschen und Ausleihen, die die Kinder mitformulieren. Zweitens hält er fest, dass er künftig keine Schuldfragen mehr vor der Gruppe stellt. In seiner Auswertung notiert er, dass Hamza von sich aus eine Wiedergutmachung vorgeschlagen hat, sobald er Noras Sicht kannte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Moralisches Urteilen zeigt sich besonders an der Begründung. Zwei Kinder können dasselbe tun und es ganz unterschiedlich begründen. Moralisches Handeln hängt zusätzlich von Mitgefühl, Selbststeuerung und Situation ab.
  • Kinder übernehmen Regeln zuerst über Beziehung und Folgen und bilden mit der Zeit einen eigenen Massstab, das Gewissen.
  • Kohlberg ordnet typische Begründungsmuster in drei Ebenen mit sechs Stufen. Das Modell ist eine Orientierung, keine starre Zuordnung von Personen.
  • Auf der präkonventionellen Ebene zählt, ob etwas Ärger gibt oder einen Vorteil bringt. Das betrifft die meisten Kita- und viele Kinder der Tagesbetreuung.
  • Auf der konventionellen Ebene zählen Erwartungen der nahen Menschen und die Regel selbst. Fairness und Petzen werden zum Thema.
  • Stabile Begründungen auf der postkonventionellen Ebene werden frühestens im Jugendalter erwartet und nicht von allen erreicht.
  • Urteilen und Handeln fallen auseinander. Eine Stufe ist keine Eigenschaft eines Kindes, sondern die Begründung in einer bestimmten Situation.
  • Strafe allein lenkt den Blick auf die eigenen Folgen. Hilfreicher sind das Sichtbarmachen der Folgen für andere und Wiedergutmachung.
Wissenscheck Kapitel 8

1. Ein fünfjähriges Kind gibt einem anderen die Schaufel zurück und sagt: «Sonst darf ich nachher nicht mehr in den Sandkasten.» Wie ordnen Sie diese Begründung ein?

  • A: Konventionelle Ebene, weil das Kind die Regel des Sandkastens kennt.
  • B: Präkonventionelle Ebene, Stufe 1. Der Massstab ist die zu erwartende Folge für das Kind selbst.
  • C: Präkonventionelle Ebene, Stufe 2, weil das Kind einen Tausch vorschlägt.
  • D: Das Kind hat kein moralisches Urteil gebildet, weil es die Schaufel nur zurückgibt.
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B: Für die Einordnung zählt die Begründung, nicht das Verhalten. Das Kind orientiert sich in dieser Situation daran, was ihm droht. Das passt zu Stufe 1 der präkonventionellen Ebene.

2. In der Tagesbetreuung hat ein Kind beim Spiel geschummelt. Welches Vorgehen unterstützt die moralische Entwicklung am ehesten?

  • A: Das Kind für den Rest des Nachmittags vom Spiel ausschliessen, damit es die Konsequenz spürt.
  • B: Vor der Gruppe klären, wer es war, damit alle sehen, dass Schummeln nicht toleriert wird.
  • C: Mit dem Kind allein besprechen, wie es das begründet, was das bei den anderen ausgelöst hat und was es nun tun kann.
  • D: Die Sache übergehen, Schummeln gehört in diesem Alter dazu.
Musterlösung anzeigen
C: Nach der Begründung fragen, die Wirkung auf die anderen sichtbar machen und eine Wiedergutmachung ermöglichen. Strafe und öffentliche Schuldfrage lenken den Blick eher auf die eigenen Folgen und können Leugnen fördern. Einen Perspektivenwechsel unterstützen sie kaum.

3. Nach einem Streit sagt eine Lernende zu Hamza: «Jetzt entschuldige dich bei Nora.» Hamza murmelt schnell «Sorry» und rennt weiter spielen. Was ist an diesem Vorgehen fachlich zu bedenken?

  • A: Nichts, eine Entschuldigung gehört zum guten Ton und sollte immer eingefordert werden.
  • B: Eine erzwungene Entschuldigung sagt nichts über Hamzas eigene Begründung aus. Er reagiert hier eher auf die Aufforderung der Erwachsenen, nicht aus eigener Einsicht in Noras Gefühle.
  • C: Hamza befindet sich damit auf der konventionellen Ebene, weil er eine soziale Erwartung erfüllt.
  • D: Die Entschuldigung zeigt, dass Hamza Perspektivenübernahme bereits beherrscht.
Musterlösung anzeigen
B: Ein eingefordertes «Sorry» ist oft Gehorsam gegenüber der erwachsenen Person, nicht Ausdruck von Einsicht. Hamza lernt dabei wenig über Noras Perspektive. Hilfreicher ist, mit ihm zu besprechen, was bei Nora ausgelöst wurde, und ihm Raum zu lassen, selbst eine Wiedergutmachung zu finden, die er versteht.

Kapitel 9: Lerntheorien

Leistungsziel f2.1.3: Sie erläutern anhand von Beispielen aus dem Berufsalltag lerntheoretische Grundlagen. (K2)

9.1 Was Lernen bedeutet

Timon beobachtet, wie ein älteres Kind nach dem Essen «Danke» sagt. Am nächsten Tag sagt er es zum ersten Mal selbst. Enis stapelt seit Wochen Holzklötze, immer wieder fielen sie um. Heute setzt er den fünften Klotz vorsichtig auf, lässt los, und der Turm steht. Lina beginnt zu weinen, kaum dass sie morgens die Garderobe betritt, sie hat gelernt, dass hier gleich der Abschied von der Mutter folgt. Drei Kinder, drei ganz unterschiedliche Wege des Lernens.

Solche Situationen erleben Sie täglich. Kinder lernen beim Spielen, Essen, Anziehen, Streiten und Versöhnen, meist beiläufig und unsichtbar. Genau deshalb lohnt es sich zu verstehen, wie Kinder lernen. Nur wer das Lernen versteht, kann es gezielt begleiten, statt nur auf sein Ergebnis zu reagieren.

Lernen heisst: eine dauerhafte Veränderung im Verhalten oder im Erleben, die durch Erfahrung entsteht. Drei Bedingungen müssen zusammenkommen. Die Veränderung muss dauerhaft sein, wer müde ist, verhält sich anders, hat aber nichts gelernt. Sie muss auf Erfahrung zurückgehen, Wachstum und Reifung zählen nicht. Und sie muss das Verhalten oder das Erleben betreffen, also etwas, das sich beobachten oder zumindest wahrnehmen lässt.

Was in dieser Erfahrung genau passiert, beantworten fünf Lerntheorien unterschiedlich. Keine ist richtig oder falsch, jede beleuchtet einen anderen Teil desselben Vorgangs. Wie eine Person mit mehreren Werkzeugen verschiedene Aufgaben löst, brauchen auch Sie mehrere Zugänge, um zu verstehen, was in einem Kind gerade geschieht. Mit einem Hammer allein lässt sich keine Schraube eindrehen.

Eine ausführliche Darstellung der fünf Lerntheorien mit weiteren Beispielen finden Sie im Lerntext Wie Kinder lernen: Fünf Lerntheorien für den Betreuungsalltag.

TheorieKurz gesagt
Klassisches KonditionierenEin Reiz weckt ein Gefühl, weil er wiederholt mit etwas anderem aufgetreten ist.
Versuch und IrrtumEin Kind probiert Handlungen aus und wiederholt, was funktioniert.
VerstärkungEin Verhalten wird häufiger, weil es sich für das Kind lohnt.
ModelllernenEin Kind übernimmt Verhalten, das es bei anderen beobachtet hat.
EinsichtEine Lösung entsteht plötzlich durch das Erkennen eines Zusammenhangs.

In einer einzigen Alltagssituation wirken oft mehrere dieser Theorien gleichzeitig. Ein Kind beobachtet ein anderes, probiert die Handlung selbst aus, erhält dafür ein Lächeln der Bezugsperson und verbindet den Moment mit einem guten Gefühl. Wer alle fünf Zugänge kennt, erkennt solche Verflechtungen und kann gezielter reagieren.

9.2 Klassisches Konditionieren: Wenn ein Reiz Gefühle weckt

Um 1900 erforscht der russische Wissenschaftler Iwan Pawlow die Verdauung von Hunden. Dabei macht er eine zufällige Beobachtung: Die Hunde sabbern schon, bevor das Futter da ist. Der blosse Anblick des Pflegers oder das Geräusch seiner Schritte genügen. Pawlow untersucht das genauer, klingelt jedes Mal mit einer Glocke, kurz bevor er Futter gibt. Nach einigen Wochen klingelt er ohne Futter, und die Hunde sabbern trotzdem. Die Glocke allein löst nun Speichelfluss aus.

Abbildung 7: Das Prinzip des klassischen Konditionierens nach Pawlow
Klassisches Konditionieren nach Pawlow: Vor, während und nach der Konditionierung reagiert ein Hund auf Glocke und Futter mit Speichelfluss

Quelle: Erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Das Wichtige an dieser Entdeckung ist nicht die Glocke und nicht der Hund, sondern das Prinzip dahinter: Dinge, die immer wieder zusammen auftreten, werden im Erleben miteinander verbunden. Sobald eine starke Verbindung entstanden ist, reicht einer der beiden Reize allein, um die Reaktion auszulösen. Klassisches Konditionieren betrifft dabei ausschliesslich unwillkürliche Reaktionen: solche, die der Körper oder das Gefühl automatisch zeigen, ohne dass ein Kind sie bewusst entscheidet. Herzrasen, Magendruck, Entspannung oder Geborgenheit gehören dazu.

Glühbirne Merke

Klassisches Konditionieren erklärt unwillkürliche körperliche und emotionale Reaktionen wie Angst, Entspannung oder Geborgenheit. Diese laufen weitgehend automatisch ab. Erklärungen allein lösen eine starke Angstreaktion deshalb meist nicht auf. Sie können aber Orientierung geben. Wichtig sind zusätzlich Sicherheit und behutsame, gute Erfahrungen.

Ein weiteres Phänomen ist die Generalisierung: Eine konditionierte Reaktion weitet sich auf ähnliche Reize aus. Ein Kind, das eine schlechte Erfahrung im Spital gemacht hat, reagiert nicht nur auf den betreffenden Kittel, sondern auf weisse Kittel überhaupt, auf Spitäler, Apotheken und sogar Kittelschürzen.

Eine bereits entstandene negative Kopplung lässt sich verändern. Erklären allein reicht dafür meist nicht. Die Lerntheorie spricht von Gegenkonditionierung: Ein Reiz, der bislang eine negative Reaktion auslöst, wird gezielt und wiederholt mit etwas Positivem, Sicherem gekoppelt. Über Zeit kann die neue Kopplung die alte überlagern. Wichtig sind dabei drei Punkte: Die Dosis muss stimmen, das Angenehme muss stärker sein als das Unangenehme, und der Prozess braucht Zeit und viele Wiederholungen. Gezielte Gegenkonditionierung bei starker Angst ist ein therapeutisches Vorgehen und keine Aufgabe von FaBe.

Praxissituation

Kita «Sternenland». Carla, 4 Jahre alt, war vor sechs Monaten wegen einer Blinddarmentzündung im Spital, eine schmerzhafte Erfahrung, bei der alles mit weissen Kitteln verbunden war. Heute trägt Yasmin, Lernende im zweiten Lehrjahr, zum Znüni eine weisse Kittelschürze mit buntem Aufdruck. Carla mag Yasmin, doch beim Anblick der Schürze erstarrt sie, ihr Herzschlag steigt sichtbar, sie versteckt sich unter dem Tisch. Yasmin sagt verblüfft: «Ich bin doch nicht beim Doktor, das ist eine Spielschürze!» Carla kommt nicht hervor.

Carlas Reaktion passt zu einer konditionierten Angst: Die weisse Schürze erinnert sie möglicherweise an das Spital, noch bevor sie die Situation einschätzen kann. Yasmins Erklärung allein hilft deshalb kaum. Kurzfristig legt Yasmin die Schürze ab und gibt Carla Raum. Im Alltag sorgt das Team für Sicherheit, vermeidet Druck und hält fest, wann Carla so reagiert. Hält die Angst an oder belastet sie Carla stark, bespricht die Gruppenleitung das weitere Vorgehen mit den Eltern und bei Bedarf mit Fachpersonen.

Klassisches Konditionieren passiert im Alltag ständig, meist unbemerkt. Übergänge, Räume, Gerüche, Stimmen und Lieder werden mit Gefühlen verknüpft. Wer das weiss, gestaltet solche Kopplungen bewusst: ein gleichbleibendes Begrüssungslied, ein Ritual am Garderobenplatz, ein vertrautes Kuscheltier verbinden die Kita mit Sicherheit. Übergänge, vom Spiel ins Essen oder vom Drinnen nach Draussen, lassen sich mit einem Klingelzeichen oder einem kurzen Vers freundlich rahmen. Meidet ein Kind plötzlich einen bestimmten Raum, kann ein belastendes Erlebnis eine Rolle spielen. Ebenso möglich sind Konflikte, Lärm, Überforderung, körperliches Unwohlsein oder andere Veränderungen. Das Team beobachtet, klärt behutsam und drängt das Kind nicht.

Glühbirne Merke

Klassisches Konditionieren wirkt im Alltag immer, ob bewusst gestaltet oder nicht. Ihre Aufgabe ist es nicht, das zu verhindern, sondern bewusst freundliche Kopplungen zu schaffen: ruhige Stimme, vertraute Rituale, verlässliche Abläufe.

9.3 Lernen durch Versuch und Irrtum

Um 1900 untersucht der amerikanische Psychologe Edward Thorndike, wie Tiere Probleme lösen. Eine hungrige Katze sitzt in einem Käfig, vor dem ein Stück Fisch liegt. Der Käfig lässt sich von innen öffnen, aber nur, wenn die Katze an einer Schnur zieht. Beim ersten Versuch dauert es mehrere Minuten, beim zehnten geht die Katze fast direkt zum Mechanismus. Thorndike formulierte daraus das Gesetz der Wirkung: Verhalten, das zu etwas Angenehmem führt, wird häufiger wiederholt, Verhalten, das zu nichts führt, verschwindet.

Abbildung 8: Thorndikes Puzzlebox
Eine Katze in einer Puzzlebox lernt in vier Schritten, durch Ausprobieren einen Auslösemechanismus zu betätigen und an das Futter zu gelangen

Quelle: Erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Glühbirne Merke

Versuch und Irrtum ist keine Notlösung, wenn nichts anderes hilft, sondern eine der wichtigsten Lernformen überhaupt. Sie gelingt am besten, wenn ein Kind Zeit, Raum und das Vertrauen bekommt, selbst etwas herauszufinden. Zu frühe oder vollständige Übernahme kann Selbstwirksamkeit einschränken. Passende Hilfe dagegen gibt Sicherheit und ermöglicht dem Kind, den nächsten Schritt selbst zu schaffen.

Im Alltag ist Versuch und Irrtum keine Ausnahme, sondern der Normalfall, in praktisch jedem Bereich, in dem Kinder Neues erschliessen. Auf dem Klettergerüst probiert ein Kind verschiedene Fussstellungen, bis eine trägt. Eine Perle findet erst nach mehreren Anläufen den Weg auf die Schnur. Ein Kind, das ein anderes um ein Spielzeug bittet statt es wegzureissen, hat das nicht durch Belehrung gelernt, sondern weil Reissen zu Tränen und Bitten manchmal zum Erfolg führt. Die Welt selbst ist dabei die Lehrerin: Wer die Perle gerade hält, fädelt sie ein, wer zu schnell läuft, stolpert. Das Kind braucht dazu keine Erklärung, sondern Zeit, Sicherheit und die Möglichkeit weiterzuprobieren.

Praxissituation

Kita «Sternenland». Zehra, 2 Jahre und 3 Monate alt, bekommt beim Zvieri einen Joghurtbecher mit Schraubdeckel. Sie dreht, der Deckel rutscht ab, sie dreht in die falsche Richtung, probiert mit beiden Händen, presst den Becher zwischen die Knie. Elena, Lernende FaBe, sitzt daneben und beobachtet ruhig, ohne einzugreifen. Nach rund drei Minuten hat Zehra es heraus: Becher mit links festhalten, Deckel mit rechts drehen. Sie strahlt.

Zehra hat mehr gelernt als das Öffnen eines Deckels. Sie hat erfahren, dass sie selbst etwas herausfinden kann, das ist die Grundlage von Selbstwirksamkeit. Und sie hat drei Minuten durchgehalten. Wiederholte Herausforderungen, die ein Kind bewältigen kann, können seine Frustrationstoleranz unterstützen. Elena hat richtig gehandelt: verfügbar, aber ohne einzugreifen.

Versuch und Irrtum eignet sich nicht für jede Situation. Im Strassenverkehr, bei heissem Wasser oder echter Höhe sind die Folgen nicht harmlos, hier braucht es klare Regeln statt Ausprobieren. Ist eine Aufgabe für ein Kind gar nicht lösbar, erzeugt Ausprobieren nur Frust, dann hilft Vereinfachen oder Zeigen. Und ein erschöpftes oder gestresstes Kind braucht zuerst eine Pause, keine neue Herausforderung.

Glühbirne Merke

Ein gewisses Mass an Frustration gehört zum Lernen dazu. Entscheidend ist der Unterschied: Bleibt das Kind am Thema und sucht weiter, hilft Zurückhaltung. Resigniert es, hilft eine kleine, gezielte Unterstützung.

Für die Begleitung sind fünf Punkte zentral. Eine vorbereitete Umgebung mit erreichbarem Material und sicheren Kanten macht Ausprobieren ohne Gefahr möglich. Professionelle Zurückhaltung heisst, nicht sofort einzugreifen, sondern zu warten, bis das Kind selbst signalisiert, dass es nicht weiterkommt. Begleitende Sprache wie «Probier die andere Seite» oder «Du hast es geschafft, ganz allein» würdigt die Anstrengung, nicht das Ergebnis. Passgenaue Aufgaben liegen knapp über dem aktuellen Können, weder unter- noch überfordernd. Und Reflexion im Team klärt im Nachhinein, ob Zeitpunkt und Material gestimmt haben.

9.4 Lernen durch Verstärkung

In den 1930er-Jahren entwickelt der amerikanische Psychologe Burrhus Frederic Skinner einen Versuchsaufbau, der als «Skinner-Box» bekannt wird. In einem kleinen Käfig sitzt eine hungrige Ratte. Drückt sie zufällig einen Hebel, fällt ein Stück Futter heraus. Anfangs geschieht das aus reiner Bewegungsfreude, nach wenigen Versuchen drückt die Ratte gezielt. Skinner interessierte nicht, was im Kopf der Ratte passierte, sondern das beobachtbare Verhalten und seine Folgen. Daraus entstand die Theorie der operanten Konditionierung: Verhalten wird durch seine Konsequenzen geformt.

Übertragen auf den Betreuungsalltag heisst das: Kinder lernen ständig, welches Verhalten sich in der Gruppe lohnt und welches nicht, meist ohne es bewusst zu merken. Der zentrale Begriff ist die Verstärkung: alles, was dazu führt, dass ein Verhalten künftig häufiger gezeigt wird. Eine Verstärkung kann konkret sein, ein Stück Apfel oder ein Sticker, oder unscheinbar, ein Lächeln, ein Blickkontakt, ein kurzer Satz wie «Schön, dass du mitmachst.»

Im Alltag ist Aufmerksamkeit oft ein starker Verstärker. Was eine Bezugsperson beachtet, wird häufig mehr, und das gilt für Erwünschtes ebenso wie für Unerwünschtes. Selbst Schimpfen kann ein Verhalten verstärken, weil das Kind dabei im Mittelpunkt steht. Ein Verhalten kann einem Kind aber auch anderes bringen, etwa Zugang zu einem Gegenstand oder die Möglichkeit, etwas Unangenehmem auszuweichen. Was dahintersteckt, zeigt erst die Beobachtung.

VerhaltenWas folgtWirkung
Milena räumt ihren Teller weg.«Danke, das hilft uns allen.»Milena räumt häufiger ab.
Timon teilt seine Bauklötze.Lächeln und Blickkontakt der FaBe.Timon teilt öfter.
Selam hilft beim Schuheanziehen.Gemeinsames Lachen, kurzer Dank.Selam hilft auch künftig.
Glühbirne Merke

Aufmerksamkeit kann ein starker Verstärker sein. Was Sie beachten, wird oft häufiger, auch dann, wenn Sie es eigentlich nicht wollten. Beachten Sie deshalb möglichst das Verhalten, das wachsen soll.

Verstärkung ist wirksam und deshalb kein harmloses Werkzeug. Äussere Belohnungen können unter bestimmten Bedingungen die innere Motivation schwächen, besonders wenn ein Kind sie als Kontrolle erlebt: Malt ein Kind aus Freude und wird dafür plötzlich regelmässig belohnt, kann sich der Grund von «Ich mache es gern» zu «Ich bekomme etwas dafür» verschieben, und fällt die Belohnung weg, fällt manchmal auch das Verhalten weg. Pauschales Lob wie «super!» sagt zudem nichts darüber, was genau gut war, es bewertet die Person statt das Verhalten. Und wer ein Kind vor der Gruppe lobt, erzeugt unbeabsichtigt Konkurrenz. Wirksamer ist eine konkrete Beschreibung: «Du hast alle Bauklötze in die Kiste geräumt, jetzt können wir essen.»

Bestrafung, ob Schimpfen oder Entzug von Privilegien, kann Verhalten kurzfristig unterdrücken. Sie zeigt einem Kind aber nicht automatisch, was stattdessen erwünscht wäre. Oft wirkt sie nur, solange kontrolliert wird: Sobald niemand hinschaut, kann das Verhalten zurückkehren. Beschämende, drohende oder unberechenbare Strafen können zudem unerwünschte Nebenfolgen haben, etwa über klassische Konditionierung: Wird ein Kind regelmässig in der Garderobe angeschrien, kann die ganze Garderobe zum Auslöser für Anspannung werden. Erwachsene sind zudem immer auch Modell, wer schreit oder droht, zeigt: «So löst man Konflikte.»

Eine Alternative sind logische Konsequenzen. Sie stehen in einem nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem Verhalten, statt eine willkürliche Reaktion zu sein. Wer Milch verschüttet, hilft beim Aufwischen. Wer das Spielzeug nicht aufräumt, beginnt das nächste Spiel erst, wenn wieder Ordnung herrscht. Damit das pädagogisch wirkt und nicht zur verkleideten Strafe wird, muss die Konsequenz sachlich mit dem Verhalten verbunden, verhältnismässig, respektvoll umgesetzt und altersangemessen sein. Grundbedürfnisse wie Essen, Schutz und Beziehung dürfen nie als Druckmittel dienen.

Glühbirne Merke

Logische Konsequenzen sind keine versteckte Strafe. Das Kind soll erleben: «Mein Verhalten hat Wirkung» und nicht: «Ich werde gerügt.» Genau dieser Unterschied entscheidet, ob Verantwortungsbewusstsein wachsen kann.

Praxissituation

Kita «Sternenland». Carla, 4 Jahre alt, weigert sich seit Wochen, vor dem Mittagessen aufzuräumen: Sie schimpft, wirft sich auf den Boden, weint manchmal. Elena, Lernende FaBe, wird zunehmend genervt, schimpft, droht: «Wenn du nicht aufräumst, gibt es kein Dessert.» Oft räumt Elena am Ende selbst auf, weil sonst der Ablauf kippt.

Carlas Weigerung wird vermutlich mehrfach verstärkt: Sie bekommt viel Aufmerksamkeit, auch Schimpfen ist Aufmerksamkeit, und entzieht sich gleichzeitig der unangenehmen Aufgabe, weil Elena am Schluss übernimmt. Das Muster durchbricht Elena ohne Bestrafung: Sie kündigt den Übergang frühzeitig an, gibt kleine, klare Aufträge («Du nimmst die roten Klötze, ich die blauen») und beachtet jeden Schritt in die richtige Richtung mit einem kurzen Satz. Verweigert Carla trotzdem, hält Elena ruhig an einer logischen Konsequenz fest: Carla räumt ihren Teil nach dem Essen fertig auf, bevor sie ein neues Spiel beginnt. Das Essen selbst setzt Elena nie als Druckmittel ein.

9.5 Lernen am Modell

In den 1960er-Jahren führt der Psychologe Albert Bandura Versuche mit Kindergartenkindern durch. In einer bekannten Variante zeigt er den Kindern ein Video: Eine erwachsene Person schlägt, tritt und beschimpft eine grosse Plastikpuppe, die «Bobo-Doll». Anschliessend werden die Kinder in einen Raum mit genau dieser Puppe gebracht. Kinder, die das Video gesehen hatten, ahmten das aggressive Verhalten nach, oft mit denselben Worten und Gesten. Kinder einer Vergleichsgruppe verhielten sich deutlich friedlicher.

Abbildung 9: Banduras Bobo-Doll-Experiment
Das Bobo-Doll-Experiment von Albert Bandura in vier Phasen: Beobachtung, Behalten, Reproduktion und Nachahmung des aggressiven Verhaltens

Quelle: Erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Kinder lernen demnach Verhalten durch Beobachtung, ohne eigene Konsequenzen zu erfahren, Bandura nannte das Modelllernen. Damit erweiterte er die bisherigen Theorien: Lernen geschieht nicht nur durch eigene Erfahrung, sondern auch durch das stille Mitlernen beim Beobachten anderer.

Das Experiment liefert wichtige Erkenntnisse, würde heute aber so nicht mehr durchgeführt. Kindern gezielt aggressives Verhalten vorzuführen, gilt nach heutigen ethischen Standards als problematisch. Moderne Forschung mit Kindern unterliegt strengen Schutzvorgaben, Banduras Ergebnisse bleiben trotzdem bis heute eine wichtige Grundlage der Pädagogik.

Modelle wirken stärker, wenn ein Kind eine warme Beziehung zu ihnen hat, sie als kompetent wahrnimmt oder sich mit ihnen identifiziert. Auch stellvertretende Verstärkung wirkt: Was bei einer anderen Person funktioniert, probiert das Kind ebenfalls. Umgekehrt sinkt die Nachahmung, wenn das beobachtete Verhalten sichtbar negative Folgen hatte. Modelllernen läuft in vier Schritten ab: wahrnehmen, im Gedächtnis behalten, körperlich nachvollziehen können und motiviert sein, es auch zu zeigen. Fehlt einer dieser Schritte, bleibt das Beobachtete folgenlos.

Glühbirne Merke

Sie sind im Betreuungsalltag ein besonders wirksames Modell. Daneben wirken Eltern, Geschwister, andere Kinder und Medien. Was Sie tun, wirkt stärker als das, was Sie sagen, auch dann, wenn Sie sich gerade nicht beobachtet fühlen. Die entscheidende Frage ist nicht «Wie verhalte ich mich richtig?», sondern «Welches Modell biete ich gerade?»

Praxissituation

Tagesbetreuung «Moosried». Milena, 8 Jahre und 6 Monate alt, sagt beim Essen plötzlich ein deutliches Schimpfwort. Remo, FaBe in der Tagesbetreuung, muss sich ein Lachen verkneifen, ein Kind kichert. Milena schaut in die Runde und sagt das Wort gleich nochmal. Am nächsten Tag verwendet sie es mehrfach, und zwei andere Kinder beginnen ebenfalls, es zu benutzen.

Die Reaktionen am Tisch haben das Wiederholen vermutlich verstärkt. Möglich ist aber auch, dass Neugier, Nachahmung oder die Aufregung um ein verbotenes Wort mitspielen. Die anderen Kinder beobachten ihren «Erfolg» und erfahren stellvertretende Verstärkung, sie lernen mit, ohne das Wort selbst ausprobiert zu haben. Ruhig und ohne Drama reagiert Remo: «Bei uns am Tisch verwenden wir andere Wörter.» Eine unaufgeregte Reaktion zeigt: Das Wort hat keine besondere Wirkung. Wichtig ist auch, im Team kurz abzusprechen, wie alle reagieren, uneinheitliche Reaktionen wirken sonst erst recht wie eine spannende Bühne.

Kinder beobachten genau, wie Erwachsene sprechen, wie sie auf Stress reagieren, wie sie Konflikte lösen. Was Erwachsene tun, wirkt stärker als das, was sie sagen, gerade in unscheinbaren Momenten wie dem Anziehen oder Aufräumen. Auch andere Kinder wirken als Modell: Wer ein zurückhaltendes Kind zum Mitspielen bringen möchte, setzt es neben ein Kind, das mutig ausprobiert. Und Bilderbücher, Lieder und Geschichten prägen still mit, wie Menschen miteinander umgehen.

9.6 Lernen durch Einsicht

Wolfgang Köhler hängt eine Banane an die Decke eines Käfigs. Ein Schimpanse versucht zunächst, sie mit Sprüngen zu erreichen, setzt sich dann hin und schaut. Plötzlich steht er auf, stapelt Kisten übereinander und steigt hinauf. Er hat nicht schrittweise durch Versuche gelernt, sondern plötzlich eine Lösung gefunden. Köhler nannte das Einsicht.

Abbildung 10: Köhlers Schimpansenversuch
Ein Schimpanse löst das Problem einer zu hoch hängenden Banane, indem er plötzlich zwei Kisten übereinanderstapelt und hinaufsteigt

Quelle: Erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Glühbirne Merke

Einsicht braucht Zeit, Stille und Vorerfahrung. Ein Kind, das vor einem Problem sitzt und nicht handelt, ist nicht passiv, es denkt. Ihre wichtigste Aufgabe ist oft, diesen Denkraum zu schützen, bevor Sie selbst eine Lösung anbieten.

Einsicht entsteht plötzlich, braucht Vorerfahrung und lässt sich auf neue Situationen übertragen. Sie unterscheidet sich damit von Versuch und Irrtum: nicht Schritt für Schritt, sondern im «Aha»-Moment. Voraussetzung ist, dass ein Kind Zusammenhänge erkennen und gedanklich vorausplanen kann. Erste Ansätze zeigen sich schon ab dem zweiten Lebensjahr, eine bewusste Einsicht im Sinne Köhlers entsteht typischerweise ab etwa vier bis sechs Jahren. Mit wachsendem Vorwissen können Kinder Zusammenhänge zunehmend bewusst erkennen und auf neue Aufgaben übertragen, etwa beim Rechnen oder Lesen.

Praxissituation

Tagesbetreuung «Moosried». Lars, 7 Jahre und 6 Monate alt, baut seit gut einer Stunde mit Holzklötzen. Er hat zwei Türme aufgestellt, auf dem Boden liegt ein dünnes Brett. Er sitzt einen Moment, schaut auf die Türme, schaut auf das Brett, schaut wieder zurück. Dann legt er das Brett zwischen die Türme. Eine Brücke entsteht. Er strahlt und lässt zwei Holzfiguren darüber gehen. Remo, FaBe in der Tagesbetreuung, fragt: «Was hat dir die Idee gegeben?» Lars antwortet: «Ich habe gesehen, dass das Brett genau zwischen die Türme passt.»

Remo hat richtig gehandelt: Er hat nicht zu früh gelobt, sondern eine offene Frage gestellt, wodurch der Denkprozess sichtbar und bewusst wird. Einsichtslernen lässt sich nicht erzwingen, aber ermöglichen. Es braucht genügend Zeit, ein Innehalten vor dem Problem darf sein. Offene Fragen wie «Was hast du schon probiert?» halten das Denken in Gang, ohne die Lösung vorwegzunehmen. Material, das sich kombinieren und umgestalten lässt, Bausteine, Knete, Naturmaterialien, bietet dafür Spielraum, Spielzeug mit nur einer Funktion kaum. Und es braucht Bezugspersonen, die Frustration aushalten: Ein Kind, das ein Puzzle nicht zusammenbringt, lernt nicht durch sofortige Hilfe, sondern durch die Erfahrung, dranzubleiben.

9.7 Die fünf Theorien im Vergleich

Die fünf Theorien sind keine getrennten Schubladen, sondern Werkzeuge, die sich ergänzen. Jedes eignet sich für bestimmte Situationen besonders gut.

TheorieWas das Kind lerntPädagogisch wichtig
Klassisches KonditionierenUnwillkürliche Gefühle, körperliche ReaktionenSichere Kopplungen, Rituale, kein Druck
Versuch und IrrtumKonkrete Fertigkeiten durch AusprobierenZeit lassen, Hilfe zurückhalten, vorbereitete Umgebung
VerstärkungVerhalten, das Folgen hatErwünschtes beachten, konkret rückmelden, ungewollte Verstärkung vermeiden
ModelllernenVerhalten durch BeobachtungSelbst Modell sein, vorleben, achtsam mit Sprache
EinsichtPlötzliches Verstehen von ZusammenhängenStille zulassen, offene Fragen, nicht vorwegnehmen
Abbildung 11: Der pädagogische Werkzeugkasten
Fünf Lerntheorien als Werkzeuge in einem Werkzeugkasten dargestellt: klassische Konditionierung, Versuch und Irrtum, Verstärkung, Modelllernen und Lernen durch Einsicht

Quelle: Erstellt mit Google Gemini (Bildgenerierung), 2026.

Glühbirne Merke

Lerntheorien sind fünf Werkzeuge im pädagogischen Werkzeugkasten, keine getrennten Schubladen. Je mehr Sie sicher anwenden können, desto passender reagieren Sie auf das, was im Kind gerade geschieht.

9.8 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Aus den fünf Theorien ergibt sich kein Rezeptbuch, sondern eine Haltung: Wer um die Wirkung von Kopplungen, Konsequenzen, Vorbildern und Denkprozessen weiss, handelt bewusster und seltener aus dem Affekt.

Was hilftWie es im Alltag aussieht
Das eigene Verstärkungsverhalten prüfenWelches Verhalten beachte ich stark, das erwünschte oder das störende? Solche Fragen lohnen sich im Team.
Konkret statt pauschal sprechen«Du hast Selam gefragt, ob sie mitspielen möchte» sagt mehr als «Brav!» und bewertet das Verhalten, nicht die Person.
Auf Bestrafung verzichtenKlare Erwartungen, verlässliche Strukturen und logische Konsequenzen ersetzen Drohung und Schimpfen. Klare Grenzen, Schutzmassnahmen und die in der Institution vereinbarten Konsequenzen bleiben bei Gefährdung oder Regelverletzungen nötig.
Sich selbst als Modell sehenWie ich mit einem eigenen Fehler umgehe, wirkt stärker als jede Erklärung dazu.
Zeit für Ausprobieren und Denken gebenVorbereitete Umgebung, offene Fragen und das Aushalten von Stille ermöglichen Versuch und Irrtum ebenso wie Einsicht.
In Beziehung investierenEin sicherer, zugewandter Rahmen erleichtert Lernen und den Umgang mit belastenden Situationen.

Für den roten Faden dieses Lerntexts heisst das: Wenn Sie ein Verhalten beobachten, das Sie nicht verstehen, fragen Sie sich, welche dieser fünf Formen gerade am Werk sein könnte, und was das für Ihre Reaktion bedeutet. Skinners Versuchsanordnung war eine Box. Kindertagesbetreuung ist das genaue Gegenteil davon: eine Beziehung.

9.9 Praxissituation: Ein Tag in der Kita «Sternenland»

Praxissituation

Sieben Uhr fünfzig in der Kita «Sternenland». Elena, Lernende FaBe, singt ihr immer gleiches Begrüssungslied. Lina, 2 Jahre alt, entspannt sichtbar, der Übergang von zu Hause gelingt ihr heute leicht. Eine halbe Stunde später probiert Enis zum dritten Mal, allein die Knöpfe seiner Jacke zu schliessen. Elena hält sich bewusst zurück. Beim vierten Versuch klappt es, Enis strahlt. Beim Mittagessen sagt Carla zum ersten Mal von sich aus «Bitte». Elena schaut sie an, lächelt, antwortet «Gerne». Am Nachmittag kommt es zwischen Amina und Timon zu einem Streit ums Velo. Elena kniet sich auf Augenhöhe: «Ihr findet sicher eine Lösung. Was ginge denn?» Amina sagt: «Ich fahr noch zwei Runden, dann du.» Timon nickt.

Dieser Tag lässt sich mit allen fünf Lernformen betrachten: Beim Begrüssungslied kann klassisches Konditionieren mitspielen, Enis' Jacke zeigt Versuch und Irrtum, Carlas «Bitte» wird verstärkt, Elenas ruhige Konfliktmoderation wirkt als Modell, und Aminas Lösung kann auf Einsicht beruhen. Eine eindeutige Zuordnung ist oft nicht möglich, meist sind mehrere Prozesse gleichzeitig beteiligt. Kein Moment davon war eine geplante Lernsequenz, und trotzdem haben die Kinder an diesem Tag etwas gelernt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Lernen ist eine dauerhafte Veränderung im Verhalten oder Erleben, die durch Erfahrung entsteht. Fünf Theorien beschreiben je einen anderen Teil davon.
  • Klassisches Konditionieren erklärt unwillkürliche Gefühle und Körperreaktionen. Sie entstehen durch wiederholte Kopplung und lassen sich kaum wegerklären. Verändern lassen sie sich über neue, sichere Erfahrungen (Gegenkonditionierung).
  • Versuch und Irrtum ist eine zentrale Lernform, keine Notlösung. Sie kann Selbstwirksamkeit und Frustrationstoleranz stärken, wenn Hilfe passend dosiert ist.
  • Verstärkung, oft durch Aufmerksamkeit, macht Verhalten häufiger, auch ungewollt. Logische Konsequenzen wirken pädagogisch besser als Bestrafung.
  • Modelllernen heisst: Kinder übernehmen Verhalten durch Beobachtung. Sie sind als FaBe ein besonders wirksames Modell, neben Eltern, Geschwistern, anderen Kindern und Medien.
  • Einsicht entsteht plötzlich und braucht geschützte Zeit, offene Fragen und passendes Material, keine vorschnelle Lösung.
  • In jeder Alltagssituation wirken meist mehrere Theorien gleichzeitig. Sie sind Werkzeuge zum Verstehen, kein Schema zum Einordnen.
Wissenscheck Kapitel 9

1. Eine FaBe klingelt jeweils zu Beginn des Aufräumens mit einer Glocke. Die Kinder wissen daraufhin, dass sie mit dem Aufräumen beginnen sollen. Ist das klassisches Konditionieren?

  • A: Ja, genau wie bei Pawlows Hunden reagieren die Kinder auf einen ursprünglich neutralen Reiz.
  • B: Nein, denn Aufräumen ist ein bewusst entschiedenes Verhalten und kein automatischer Reflex oder Gefühl.
  • C: Ja, weil die Glocke mit dem Aufräumen gekoppelt wurde.
  • D: Nein, weil klassisches Konditionieren nur bei Tieren funktioniert.
Musterlösung anzeigen
B: Das Aufräumen selbst ist kein klassisch konditionierter Reflex, sondern ein willentliches Verhalten. Die Glocke dient als Signal und kündigt eine Routine an. Mögliche Gefühle, die das Signal auslöst, etwa Vorfreude oder Unlust, könnten dagegen klassisch konditioniert sein.

2. Enis weint, bis die FaBe ihm hilft. Danach weint er beim nächsten Mal schon früher. Was ist hier passiert?

  • A: Klassisches Konditionieren, Enis hat Angst bekommen.
  • B: Enis lernt am Modell, dass Weinen hilft.
  • C: Das Weinen wurde ungewollt positiv verstärkt, es hat funktioniert.
  • D: Enis hat durch Einsicht verstanden, dass Weinen wirkt.
Musterlösung anzeigen
C: Auf das Weinen folgte etwas Angenehmes, die Hilfe der FaBe. Damit wurde das Verhalten verstärkt und tritt in Zukunft schneller auf. Auch ungewolltes Verhalten lässt sich so verstärken.

3. Lars, 7 Jahre und 6 Monate alt, hat noch nie Schach gespielt. Er beobachtet zwei ältere Kinder beim Spielen und bittet danach, mitspielen zu dürfen. Er kennt die Grundzüge bereits. Welche Theorie erklärt das am besten?

  • A: Lernen durch Versuch und Irrtum.
  • B: Lernen am Modell.
  • C: Lernen durch Einsicht.
  • D: Klassisches Konditionieren.
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B: Lars hat die Regeln durch Beobachtung übernommen, ohne selbst zu spielen oder eine eigene Konsequenz zu erfahren. Das ist Modelllernen.

Synthese: Amina in der Tagesbetreuung

In diesem letzten Abschnitt kommt alles zusammen. Eine einzige Alltagssituation enthält Spuren von allem, was Sie in den Kapiteln 1 bis 9 gelesen haben: Entwicklung als Prozess, Einflussfaktoren, Motorik, Denken, Emotionen, Sprache, Sozialverhalten, Moral und Lerntheorien. Die Entwicklungsbereiche sind keine Schubladen, in die ein Kind einsortiert wird. Sie sind Brillen, mit denen Sie dasselbe Kind betrachten können. Je mehr Brillen Sie zur Verfügung haben, desto genauer verstehen Sie, was Sie sehen.

Die Situation spielt vier Jahre nach dem Einstieg. Amina, die Sie aus der Kita «Sternenland» kennen, ist inzwischen sieben Jahre alt und besucht seit den Sommerferien die Tagesbetreuung «Moosried».

Die Praxissituation

Praxissituation

Mittwochnachmittag in der Tagesbetreuung «Moosried». Amina, 7 Jahre und 3 Monate alt, ist seit August hier. Die Familie ist im Sommer umgezogen, Amina hat gleichzeitig die Schule und die Betreuungseinrichtung gewechselt und kennt noch niemanden aus ihrer alten Gruppe. Remo, FaBe in der Tagesbetreuung, ist ihre Bezugsperson.

Amina baut mit Milena, 8 Jahre und 6 Monate alt, eine Murmelbahn aus Kartonröhren an der Wand. Sie schneidet die Röhren längs auf, reisst mit den Zähnen Malerband ab und klebt die Stücke schräg untereinander. Die Murmel bleibt in der zweiten Kurve stehen. Amina schiebt die Röhre etwas tiefer, probiert erneut, die Murmel stoppt wieder. Beim vierten Versuch klappt es. Sie sagt: «Die muss viel schräger sein, sonst ist sie zu langsam», und richtet danach auch die dritte und vierte Röhre steiler aus, ohne noch einmal zu probieren.

Milena möchte unten eine Schachtel als Ziel. Amina will die Bahn zuerst fertig bauen. Sie sagt: «Was ginge denn? Du machst unten das Ziel, ich mache oben weiter.» Milena ist einverstanden.

Lars rennt vorbei und streift die Bahn, die halbe Konstruktion löst sich von der Wand. Amina wird rot, ballt die Fäuste und schreit: «Du machst immer alles kaputt!» Remo geht hin, kniet sich neben sie und sagt ruhig: «Du hast lange daran gebaut, und jetzt ist es weg. Du bist wütend.» Amina weint kurz, geht dann von sich aus ins Leseeck und kommt nach ein paar Minuten zurück.

Lars sagt, es sei ein Versehen gewesen. Amina antwortet: «Trotzdem. Wer etwas kaputt macht, hilft es wieder aufbauen, das ist abgemacht.» Dann fügt sie an: «Er hat es ja nicht extra gemacht. Er muss nur die unteren Röhren machen.» Die drei bauen gemeinsam weiter.

Als Remo später die Klangschale anschlägt, beginnen die Kinder aufzuräumen, ohne dass er etwas sagt. Remo geht zu Amina und sagt: «Du hast gemerkt, dass es an der Neigung liegt, und das gleich bei allen Röhren angepasst.» Amina schaut auf und baut am nächsten Tag an derselben Bahn weiter.

Praxissituation: Mittwochnachmittag in der Tagesbetreuung

Quelle: ChatGPT

Wo zeigt sich welcher Bereich?

KapitelWas in der Situation dazu sichtbar wird
1 Entwicklung als ProzessIn dieser Szene zeigt sich Amina in verschiedenen Bereichen unterschiedlich weit: sprachlich und im Denken sicher, in der Gefühlsregulation noch auf Unterstützung angewiesen. Das ist kein Widerspruch, sondern der Normalfall.
2 EinflussfaktorenUmzug, Schulwechsel und der Verlust der alten Gruppe wirken gleichzeitig als Belastung. Als Schutzfaktoren stehen dem eine verlässliche Bezugsperson, eine beginnende Freundschaft und ein Alltag mit wiederkehrender Struktur gegenüber.
3 Motorische EntwicklungFeinmotorik beim Schneiden, Abreissen und Kleben. Der sensomotorische Kreislauf läuft sichtbar ab: Murmel loslassen, Ergebnis wahrnehmen, Neigung verändern, erneut wahrnehmen.
4 DenkentwicklungAmina erkennt in dieser Situation am Material einen Zusammenhang zwischen Neigung und Geschwindigkeit und überträgt ihn auf ähnliche Teile der Bahn. Das passt zum konkret-operationalen Denken, wie Piaget es beschreibt.
5 Emotionale EntwicklungDie Wut kommt schnell und stark. Remo übernimmt Ko-Regulation, indem er ruhig bleibt und das Gefühl benennt. Dass Amina danach selbst ins Leseeck geht, kann auf eine eigene Strategie der Emotionsregulation hinweisen.
6 SprachentwicklungAmina erklärt einen Zusammenhang mit einem Nebensatz («sonst ist sie zu langsam»), handelt sprachlich eine Abmachung aus und benennt ihr eigenes Anliegen. Sprache ist hier Werkzeug zum Denken und zum Klären.
7 SozialentwicklungDas Bauen mit Milena ist eine gemeinsame Aufgabe mit Rollenteilung. Amina schlägt selbst eine Lösung vor, statt auf Erwachsene zu warten, und berücksichtigt Lars' Sicht, als sie ihm nur die unteren Röhren zuteilt.
8 MoralentwicklungAmina begründet mit einer gemeinsamen Abmachung. Das passt zu einer Orientierung an Regeln und Fairness, wie Kohlberg sie für die konventionelle Ebene beschreibt. Danach bezieht sie auch Lars' Absicht ein.
9 LerntheorienVersuch und Irrtum an der zweiten Kurve, möglicherweise Einsicht beim Übertragen auf die übrigen Röhren, Modelllernen in Aminas Frage «Was ginge denn?», die sie vielleicht von Remo kennt, und Verstärkung durch Remos Rückmeldung am Schluss. Die Klangschale kann ein gelerntes Signal für das Aufräumen sein: Dabei können Routine, Gruppennorm und eine konditionierte Erwartung zusammenspielen.

Was diese Beobachtung zeigt und was nicht

Zwanzig Minuten am Mittwochnachmittag sind eine Momentaufnahme. Sie zeigen, was Amina in dieser Situation tut, mit diesem Material, mit diesem Kind daneben und an diesem Tag. Sie zeigen nicht, wie Amina «ist». Wäre die Bahn an einem Tag gescheitert, an dem sie schlecht geschlafen hat, hätte Remo eine ganz andere Szene gesehen.

Deshalb gilt, was durch den ganzen Lerntext führt: Halten Sie fest, was Sie sehen und hören, bevor Sie es deuten. «Amina ist wütend geworden und hat sich selbst zurückgezogen» ist eine Beobachtung. «Amina ist schnell frustriert» ist ein Etikett, das an ihr haften bleibt. Und vergleichen Sie Amina mit Amina, nicht mit Milena.

Was Remo ins Team einbringt

Remo notiert die Szene am selben Tag, getrennt nach Beobachtung und Einschätzung. Im Teamgespräch bringt er drei Punkte ein:

  • Was er gesehen hat: Amina probiert aus, erkennt einen Zusammenhang und überträgt ihn. Sie handelt Abmachungen sprachlich aus und bezieht Absichten ein.
  • Wo er Unterstützungsbedarf sieht: Der Weg von der Wut zur Handlungsfähigkeit gelingt, braucht aber noch eine erwachsene Person daneben.
  • Was er offen lässt: Ob die Freundschaft mit Milena trägt und wie belastend der Wechsel für Amina insgesamt ist, lässt sich nach einer Situation nicht sagen. Dazu braucht es weitere Beobachtungen über mehrere Wochen.

Was das Team daraus für ein Angebot ableitet und welche Ziele es setzt, ist der nächste Schritt. Ihr Beitrag als Fachperson Betreuung besteht darin, dass dieser Schritt auf einer sorgfältigen Beobachtung aufbaut und nicht auf einem Eindruck.

Zurück zum Anfang

Am Anfang dieses Lerntextes fragte Yasmin, ob mit Enis etwas nicht in Ordnung sei, weil er mit drei Jahren kaum sprach. Mit dem Wissen aus den neun Kapiteln lässt sich die Frage anders stellen. Enis zeigte an jenem Vormittag viel Grobmotorik und wenig Sprache. Entwicklung verläuft in den Bereichen unterschiedlich schnell, und ein einzelner Vormittag zeigt nur einen Ausschnitt. Die fachliche Antwort lautet deshalb nicht ja oder nein, sondern: gezielt weiterbeobachten, den Mehrsprachigkeitshintergrund einbeziehen, mit dem Team und den Eltern besprechen und bei anhaltenden Auffälligkeiten gemäss dem Vorgehen der Institution eine fachliche Abklärung anregen.

Genau darin besteht der Unterschied zwischen einem Eindruck und einer fachlichen Einschätzung. Den Eindruck hat jede Person. Die Einschätzung brauchen die Kinder.


Glossar

Akkommodation Eine bestehende Vorstellung wird verändert oder erweitert, weil eine neue Erfahrung nicht hineinpasst.
Aktiver Wortschatz Alle Wörter, die ein Kind selbst verwendet. Er ist in der Regel kleiner als der passive Wortschatz.
Animismus Die Vorstellung jüngerer Kinder, dass auch leblose Dinge fühlen, wollen oder Absichten haben, zum Beispiel dass ein Stein müde wird oder ein Auto aua hat.
Assimilation Eine neue Erfahrung wird in eine bestehende Vorstellung eingeordnet, ohne dass diese verändert werden muss.
Basisemotionen Grundgefühle wie Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel und Überraschung, die früh auftreten. Wie sie ausgedrückt und gedeutet werden, ist auch kulturell und von der Situation geprägt.
Egozentrismus Die Schwierigkeit jüngerer Kinder, eine Situation aus der Perspektive einer anderen Person zu sehen. Gemeint ist eine Denkweise, nicht Egoismus.
Einwortsatz Ein einzelnes Wort, mit dem ein Kind eine ganze Aussage meint, zum Beispiel «Milch» für «Ich möchte Milch». Typisch für das zweite Lebensjahr.
Emotionsregulation Die Fähigkeit, die Stärke und Dauer eines Gefühls so zu beeinflussen, dass man handlungsfähig bleibt. Sie entwickelt sich über viele Jahre.
Entwicklung Die Veränderungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens durchläuft. Entwicklung verläuft in Schritten, ist bei jedem Menschen unterschiedlich schnell und dauert ein Leben lang an.
Feinmotorik Fein abgestimmte Bewegungen der Hände und Finger, aber auch von Gesicht, Mund und Zunge, zum Beispiel Greifen, Malen, Schneiden oder Knöpfe schliessen.
Frustrationstoleranz Die Fähigkeit, mit Misserfolgen, Wartezeiten und Schwierigkeiten umzugehen. Sie wächst durch bewältigbare Erfahrungen, Unterstützung und Ko-Regulation.
Grobmotorik Bewegungen des ganzen Körpers und der grossen Muskelgruppen, zum Beispiel Sitzen, Gehen, Rennen, Klettern, Werfen und Balancieren.
Klassifikation Das systematische Ordnen von Dingen nach gemeinsamen Merkmalen und das Bilden von Ober- und Unterkategorien, zum Beispiel Hunde und Katzen als Tiere.
Logische Konsequenz Eine Folge, die in einem nachvollziehbaren, sachlichen Zusammenhang mit dem Verhalten des Kindes steht, statt eine willkürliche Reaktion der erwachsenen Person zu sein. Wirkt nur pädagogisch, wenn sie sachlich, respektvoll und altersangemessen ist.
Klassisches Konditionieren Lernen, bei dem ein ursprünglich neutraler Reiz durch wiederholte Kopplung mit einem natürlichen Auslöser selbst eine unwillkürliche Reaktion auslöst.
Ko-Regulation Das gemeinsame Beruhigen eines Kindes durch eine erwachsene Person: Sie nimmt das Gefühl wahr, bleibt ruhig, benennt es und begleitet das Kind, bis es sich fangen kann.
Korrektives Feedback Die erwachsene Person wiederholt eine fehlerhafte Äusserung des Kindes in der richtigen Form, ohne auf den Fehler hinzuweisen oder eine Verbesserung zu verlangen.
Lernen Eine dauerhafte Veränderung im Verhalten oder im Erleben, die durch Erfahrung entsteht. Reifung, Wachstum und vorübergehende Zustände wie Müdigkeit zählen nicht dazu.
Kreisreaktion Eine Handlung, die ein Säugling zufällig ausgeführt hat und danach immer wieder wiederholt, weil das Ergebnis für ihn interessant ist. Kreisreaktionen sind der Ursprung gezielter Handlungen.
Lallen Das Bilden und Wiederholen von Silbenketten wie «ba-ba-ba» oder «da-da» im ersten Lebensjahr. Aus diesen Silben entstehen später die ersten Wörter.
Magisches Denken Die Vorstellung jüngerer Kinder, dass eigene Gedanken oder Wünsche die Wirklichkeit unmittelbar beeinflussen können, unabhängig von einer nachvollziehbaren Ursache.
Mehrsprachigkeit Ein Kind wächst mit mehr als einer Sprache auf. Bei simultaner Mehrsprachigkeit lernt es zwei Sprachen von Geburt an, bei sukzessiver Mehrsprachigkeit kommt die zweite Sprache später dazu, meist beim Eintritt in die Betreuung.
Mengenerhaltung Die Einsicht, dass eine Menge gleich bleibt, auch wenn sich ihre Form oder Anordnung verändert. Sie wird auch Invarianz genannt und entwickelt sich typischerweise im Verlauf des Vorschul- und frühen Schulalters.
Modelllernen Lernen durch Beobachtung anderer. Ein Kind übernimmt Verhalten, ohne es selbst auszuprobieren oder eine eigene Konsequenz erfahren zu müssen.
Objektpermanenz Das Wissen, dass ein Gegenstand oder eine Person weiterhin vorhanden ist, auch wenn man sie gerade nicht sieht. Sie entwickelt sich im Lauf des ersten Lebensjahres.
Passiver Wortschatz Alle Wörter, die ein Kind versteht. Der passive Wortschatz ist in der Regel deutlich grösser als der aktive.
Peers Gleichaltrige oder etwa gleichaltrige Kinder. Peers gewinnen mit dem Schulalter an Bedeutung, weil unter ihnen ausgehandelt wird statt angeleitet.
Perspektivenübernahme Die Fähigkeit, sich vorzustellen, was eine andere Person denkt, will oder fühlt, und zu erkennen, dass sich das vom eigenen Erleben unterscheiden kann.
Pinzettengriff Das Aufnehmen kleiner Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger. Der Pinzettengriff entwickelt sich meist gegen Ende des ersten Lebensjahres und ist eine Voraussetzung für viele feinmotorische Tätigkeiten.
Prosoziales Verhalten Verhalten, mit dem ein Kind einem anderen freiwillig hilft, tröstet, teilt oder es einbezieht, ohne dass es dafür etwas erwartet.
Regression Der zeitweise Rückgriff auf Verhaltensweisen aus einer früheren Entwicklungsphase, meist in belastenden Situationen. Regression ist in der Regel vorübergehend.
Reifung Der körperliche Entwicklungsprozess, der von der biologischen Ausstattung gesteuert wird, zum Beispiel das Wachstum des Nervensystems. Er folgt typischen Abfolgen und wirkt immer mit Erfahrung und Umwelt zusammen.
Resilienz Ein Prozess, in dem sich ein Kind trotz oder nach Belastungen gut entwickeln kann, wenn die Bedingungen günstig sind. Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern entsteht im Zusammenspiel von Kind und Umfeld und kann sich über die Zeit verändern.
Reversibilität Die Fähigkeit, eine Handlung oder Veränderung gedanklich rückgängig zu machen und so zu erkennen, dass der Ausgangszustand wiederherstellbar ist.
Selbstwirksamkeit Das Vertrauen, mit den eigenen Fähigkeiten in der Welt etwas bewirken zu können. Entsteht aus eigenen Erfolgserlebnissen.
Schema Eine innere Vorstellung davon, wie etwas funktioniert oder wie man mit etwas umgeht. Schemata entstehen aus Erfahrung und werden laufend erweitert.
Selbstbezogene Emotionen Gefühle wie Stolz, Scham, Schuld oder Verlegenheit. Sie setzen voraus, dass ein Kind sich selbst als Person wahrnimmt und sein Verhalten an einem Massstab misst.
Sensomotorischer Kreislauf Das ständige Zusammenspiel von Wahrnehmung und Bewegung: Ein Kind bewegt sich, nimmt dabei etwas wahr, passt die Bewegung an und nimmt dadurch erneut Neues wahr.
Soziale Rückversicherung Ein Kind sucht in einer unsicheren Situation den Gesichtsausdruck einer vertrauten Person und richtet sein eigenes Verhalten danach aus.
Sozialkompetenz Sammelbegriff für die Fähigkeiten, die ein Kind braucht, um mit anderen zurechtzukommen: Kontakt aufnehmen, sich hineinversetzen, zusammenarbeiten, Beziehungen halten, Konflikte austragen und sich behaupten.
Symbolspiel Spiel, in dem ein Gegenstand für etwas anderes steht, zum Beispiel ein Klotz für ein Handy. Es zeigt, dass ein Kind sich Dinge vorstellen kann, die nicht anwesend sind.
Verstärkung Alles, was dazu führt, dass ein Verhalten in Zukunft häufiger gezeigt wird, zum Beispiel Aufmerksamkeit, ein Lächeln oder ein anerkennender Satz.
Versuch und Irrtum Lernen durch Ausprobieren verschiedener Handlungen, Beobachten der Folgen und Wiederholen dessen, was funktioniert hat.
Zentrierung Die Aufmerksamkeit jüngerer Kinder richtet sich auf ein einzelnes auffälliges Merkmal einer Situation, während andere Merkmale unbeachtet bleiben.

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Fachliche Grundlagen und Vertiefung

Zur Entstehung

Dieser Lerntext orientiert sich am Bildungsplan Fachperson Betreuung EFZ und an ausgewählten fachlichen Grundlagen. Er wurde mit Unterstützung von Claude Opus 5 (Anthropic) erstellt und anschliessend von Fachlehrpersonen fachlich-didaktisch überprüft und redigiert.

Der Lerntext beruht nicht auf einer systematischen Literaturrecherche.

Die folgenden Quellen wurden für zentrale fachliche Aussagen, Modelle und Tabellen herangezogen. Weiterführende Literatur ist jeweils dort angegeben, wo sie zur Einordnung oder Vertiefung dient.

Im Text genannt

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Konzeption und fachliche Leitung

Sara Wüthrich-Gut, Berufsfachschullehrperson FaBe.