Handlungskompetenz c3 · Kinderbetreuung · 1. Lehrjahr

Soziale Kontakte und Beziehungen unterstützen

Beziehungen verstehen, begleiten und gestalten
Beziehungen verstehen Familie & Umfeld Medien & Rolle Gruppendynamik

Inhaltsverzeichnis

Teil 1 · Beziehungen verstehen
Teil 2 · Medien und die eigene Rolle
Teil 3 · Beziehungen in der Gruppe
Abschluss
Anhang

Einleitung Worum es in dieser Handlungskompetenz geht

Stellen Sie sich einen ganz gewöhnlichen Morgen in der Kita vor. Die zweijährige Lina klammert sich beim Abschied an ihre Mami und beruhigt sich erst, als die Fachperson Daria sie auf den Arm nimmt. Moreno und Timon, beide vier Jahre alt, suchen einander, kaum sind sie im Raum. Aylin sitzt etwas abseits und beobachtet das Geschehen, bevor sie sich dazusetzt. In diesen wenigen Minuten geschieht genau das, worum es in dieser Handlungskompetenz geht: Kinder knüpfen, pflegen und gestalten Beziehungen, und Sie als Fachperson begleiten sie dabei.

In der Handlungskompetenz c3 «Soziale Kontakte und Beziehungen unterstützen» nehmen Sie die Bedürfnisse der betreuten Kinder nach Beziehungen wahr und begleiten sie beim Aufbauen, Pflegen und auch beim Lösen von Beziehungen. Dazu gehören die Beziehungen unter den Kindern, die Beziehung zu den Angehörigen und das Geschehen in der Gruppe als Ganzes. Auch die Gestaltung der Umgebung gehört dazu, denn ein Raum kann Begegnung fördern oder verhindern.

Beziehungen sind in der Betreuungsarbeit kein Nebenschauplatz, der erst dann wichtig wird, wenn ein Kind weint oder sich streitet. Sie sind die Grundlage von allem: Ein Kind, das sich sicher und gehalten fühlt, spielt freier, lernt mutiger und geht offener auf andere zu. Genau darum steht in dieser Handlungskompetenz die folgende Leitfrage über allem, was Sie lesen und üben werden.

Leitfrage dieser Handlungskompetenz

Was brauchen Kinder an Beziehungen, um sich gut zu entwickeln, und welche Rolle spiele ich als Fachperson dabei?

Wie dieser Lerntext aufgebaut ist

Der Lerntext gliedert sich in drei Teile, die aufeinander aufbauen:

TeilWorum es geht
Teil 1: Beziehungen verstehenWas eine Beziehung ausmacht, warum Beziehungen für Kinder so wichtig sind und welche Rolle die Familie und das soziale Umfeld spielen.
Teil 2: Medien und die eigene RolleIhr eigener Umgang mit digitalen und sozialen Medien, der Unterschied zwischen Privatperson und Berufsperson sowie Ihre rechtliche Verantwortung in der Kita.
Teil 3: Beziehungen in der GruppeWie Gruppen funktionieren, welche Rollen darin entstehen und wie sich eine Gruppe über die Zeit hinweg entwickelt.

Kapitel 1 Was ist eine Beziehung?

Eine Beziehung ist die Verbindung zwischen zwei oder mehr Menschen, die über die Zeit besteht und durch wiederholte Begegnungen geprägt wird. Eine einmalige Begegnung an der Bushaltestelle ist noch keine Beziehung. Erst wenn Menschen einander immer wieder begegnen, aufeinander reagieren und füreinander eine Bedeutung gewinnen, entsteht eine Beziehung. In dieser Handlungskompetenz geht es nicht um Ihre eigene Beziehungsgestaltung als Fachperson, sondern um die Beziehungen, die das Kind selbst erlebt, und darum, wie Sie diese wahrnehmen und unterstützen.

1.1 Das Beziehungsnetz des Kindes

Ein Kind lebt nie in einer einzigen Beziehung, sondern in einem ganzen Beziehungsnetz. Dieses Netz besteht aus mehreren Bereichen, die alle für die Entwicklung des Kindes bedeutsam sind. Wer ein Kind gut begleiten will, hat dieses Netz im Blick und nicht nur die Beziehung zur eigenen Person.

Den innersten Kreis bilden die Familie und die nahe Verwandtschaft: Eltern und Geschwister, dazu Grosseltern sowie Gotti und Götti, die für viele Kinder enge und vertraute Bezugspersonen sind. Dieser Kreis ist für das Kind der wichtigste Bezugsrahmen. Dazu kommen die anderen Kinder in der Kita oder im Hort, mit denen erste Freundschaften, aber auch erste Konflikte entstehen. Einen weiteren Bereich bilden die Fachpersonen, allen voran die Bezugsperson. Und schliesslich gibt es das weitere soziale Umfeld, also Menschen ausserhalb der Familie: Nachbarinnen und Nachbarn, Kinder aus dem Quartier oder die Spielgruppe.

Ihre Aufgabe in dieser Handlungskompetenz ist es, dieses Netz wahrzunehmen und die Beziehungen des Kindes in allen Bereichen zu fördern. Sie ermöglichen Begegnungen, begleiten Freundschaften und stärken die Verbindung zur Familie, statt das Kind allein an die eigene Person zu binden.

Abbildung 1: Das Beziehungsnetz des Kindes
KIND im Zentrum Familie und Verwandte Eltern, Geschwister, Grosseltern, Gotti und Götti Andere Kinder Freundschaften, Spielkameraden Fachpersonen Bezugsperson, Team Weiteres Umfeld Nachbarn, Quartier, Verein, Spielgruppe
💡 MERKE

Ein Kind lebt nicht in einer einzigen Beziehung, sondern in einem ganzen Beziehungsnetz aus Familie und Verwandtschaft, anderen Kindern, Fachpersonen und weiterem Umfeld. Ihre Aufgabe ist es, dieses ganze Netz wahrzunehmen und zu unterstützen, nicht nur die Beziehung zur eigenen Person.

🔗 Querverweis

Wie das Beziehungsnetz eines Kindes mit seinen Grundbedürfnissen zusammenhängt, vertieft HK f1, Kapitel 1 «Bedürfnisse von Kindern verstehen».

1.2 Merkmale von Beziehungen

Die Beziehungen in diesem Netz sind sehr unterschiedlich. Um sie zu beschreiben, helfen einige Merkmale. Die folgende Übersicht stellt sie kurz vor.

MerkmalKurz erklärt
Wahl oder keine WahlManche Beziehungen wählt das Kind selbst, etwa Freundschaften. Andere sind vorgegeben, etwa die Familie.
DauerBeziehungen können kurz und flüchtig oder langjährig sein.
Beruflich oder privatEine Beziehung kann privat sein, etwa eine Freundschaft, oder beruflich, etwa die Beziehung zur Fachperson.
HierarchieBeziehungen können gleichgestellt oder über- und untergeordnet sein.
AbhängigkeitIn manchen Beziehungen ist eine Seite stark auf die andere angewiesen, etwa ein kleines Kind auf Erwachsene.

Diese Merkmale helfen Ihnen, eine Beziehung bewusst einzuordnen, statt sie nur zu spüren.

↪ Hinweis

Diese Merkmale werden hier nur kurz vorgestellt. Die vertiefte Auseinandersetzung damit, insbesondere der Unterschied zwischen privaten und professionellen Beziehungen sowie Nähe und Distanz in Ihrer eigenen Berufsrolle, gehört in die Handlungskompetenz a3 «Professionelle Beziehungen gestalten» (2. Lehrjahr). In diesem Lerntext stehen die Beziehungen des Kindes im Mittelpunkt.

1.3 Die Bezugsperson als sichere Basis

Innerhalb dieses Netzes hat eine Beziehung in der Kita eine besondere Bedeutung: die Beziehung des Kindes zu seiner Bezugsperson. In vielen Kitas ist jedem Kind eine bestimmte Fachperson zugeordnet, die besonders für dieses Kind da ist, vor allem in der Eingewöhnung. Diese Bezugsperson ist für das Kind ein vertrauter Anker im manchmal lauten und vollen Kita-Alltag.

Warum ist diese Beziehung so bedeutsam? Ein kleines Kind kann die Welt nur dann mutig erkunden, wenn es weiss, dass jemand verlässlich für es da ist. Fachleute sprechen hier von einer sicheren Basis. Von dieser sicheren Basis aus traut sich das Kind, neue Räume zu betreten, neue Kinder anzusprechen und Neues auszuprobieren. Kehrt die Unsicherheit zurück, sucht es wieder die Nähe der Bezugsperson, tankt auf und zieht erneut los. Ohne diese Sicherheit bleibt ein Kind angespannt und kann weder gut spielen noch lernen.

Damit eine solche sichere Beziehung entsteht, braucht es vor allem Feinfühligkeit. Feinfühlig zu sein heisst, die Signale des Kindes wahrzunehmen, sie richtig zu deuten und prompt sowie angemessen darauf zu reagieren. Wenn der einjährige Timon quengelt, erkennt eine feinfühlige Fachperson, ob er müde, hungrig oder überfordert ist, und antwortet passend darauf. Das Kind erlebt: Ich werde verstanden, meine Signale wirken.

Neben der Feinfühligkeit zählen Verlässlichkeit und Präsenz. Verlässlichkeit bedeutet, dass das Kind sich darauf verlassen kann, dass dieselben Personen da sind und dass wiederkehrende Abläufe Halt geben, etwa ein Begrüssungsritual am Morgen. Präsenz bedeutet, wirklich anwesend und aufmerksam zu sein, nicht abgelenkt nebenher. Diese sichere Beziehung ist die Grundlage für alles Weitere: Erst auf ihr können sich Freundschaften, Lernfreude und ein gutes Gruppenklima entwickeln.

💡 MERKE

Das Kind braucht eine verlässliche, feinfühlige Bezugsperson als sichere Basis. Von dieser Basis aus traut es sich, die Welt zu erkunden. Ohne Beziehungssicherheit kann ein Kind weder gut spielen noch lernen.

🔗 Querverweis

Das Konzept der sicheren Basis lässt sich mit Eriksons Entwicklungsaufgabe «Urvertrauen vs. Urmisstrauen» verbinden, siehe HK f1, Kapitel 3 «Psychosoziale Entwicklung nach E. Erikson».

1.4 Praxissituation: Linas erste Wochen

📍 Praxissituation
Lina ist zwei Jahre und drei Monate alt und seit zwei Wochen neu in der Kita «Sonnensystem». Ihre Bezugsperson ist die Fachperson Daria. Am Morgen weint Lina jeweils beim Abschied von der Mami. Daria kniet sich auf Augenhöhe zu ihr, nimmt sie ruhig auf den Arm und sagt mit gleichbleibend warmer Stimme: «Die Mami kommt nach dem Zvieri wieder, ich bin bei dir.» Lina beruhigt sich nach wenigen Minuten. Den Vormittag über bleibt sie zuerst dicht bei Daria. Nach einer Weile löst sie sich, geht zur Bauecke, schaut immer wieder kurz zu Daria zurück und kehrt zwischendurch nochmals an ihre Seite, bevor sie weiterspielt.

Was geschieht hier? Lina baut gerade eine Beziehung zu ihrer Bezugsperson auf. Daria handelt feinfühlig: Sie nimmt Linas Kummer ernst, deutet ihn richtig und reagiert prompt und angemessen. Mit der verlässlichen Ankündigung und dem ruhigen Tonfall gibt sie Lina Orientierung und Sicherheit.

Wo zeigt sich die sichere Basis? Genau im Pendeln zwischen Nähe und Erkundung. Lina entfernt sich, vergewissert sich mit Blickkontakt, dass Daria da ist, und traut sich dann weiter. Die Beziehung wirkt wie ein sicherer Hafen, von dem aus Lina die Kita Schritt für Schritt erobert. Zugleich bleibt die Verbindung zur Mami sichtbar: Darias Hinweis, dass die Mami wiederkommt, stärkt das Beziehungsnetz, statt Lina allein an Daria zu binden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Beziehung ist eine Verbindung zwischen Menschen, die über die Zeit besteht und durch wiederholte Begegnungen geprägt wird.
  • Ein Kind lebt in einem Beziehungsnetz aus Familie und Verwandtschaft, anderen Kindern, Fachpersonen und weiterem Umfeld.
  • Ihre Aufgabe ist es, dieses ganze Netz zu fördern, statt das Kind allein an die eigene Person zu binden.
  • Die Bezugsperson ist für das Kind eine sichere Basis, von der aus es die Welt erkundet.
  • Feinfühligkeit, Verlässlichkeit und Präsenz lassen eine sichere Beziehung entstehen.
  • Die Merkmale von Beziehungen und der Unterschied privat oder professionell gehören in die HK a3.

Wissenscheck — Kapitel 1

1. Was ist mit dem «Beziehungsnetz» eines Kindes gemeint?
2. Eine Fachperson sagt: «Lina darf ruhig auch zu meiner Kollegin und zu den anderen Kindern eine Beziehung aufbauen, nicht nur zu mir.» Was zeigt diese Haltung?
3. Lina löst sich von Daria, geht spielen, schaut immer wieder zu ihr zurück und kommt zwischendurch an ihre Seite. Welcher Fachbegriff beschreibt dieses Verhalten am besten?

Kapitel 2 Warum Beziehungen für Kinder wichtig sind

In Kapitel 1 haben Sie gesehen, was eine Beziehung ausmacht und dass die Bezugsperson für das Kind eine sichere Basis ist. Nun geht es um die Frage dahinter: Warum sind Beziehungen für Kinder eigentlich so wichtig? Was bewirken sie ganz konkret im Alltag, und wo lernt ein Kind in Beziehungen Dinge, die es nirgends sonst lernen kann? Am Schluss zeigt eine Praxissituation, wie Sie Kinder dabei begleiten.

2.1 Wirkung von Beziehungen im Alltag des Kindes

Eine gute Beziehung ist für ein Kind kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung. Ihre Wirkung zeigt sich nicht erst in grossen Momenten, sondern jeden Tag im Kleinen: beim Abschied am Morgen, beim Trösten nach einem Sturz, beim Einschlafen über Mittag. Drei Wirkungen sind besonders wichtig: Sicherheit, Vertrauen und Verlässlichkeit.

Sicherheit entsteht, wenn ein Kind spürt, dass jemand da ist und auf es aufpasst. Ein sicheres Kind kann sich entspannen, und nur ein entspanntes Kind kann frei spielen, neugierig sein und lernen. Wenn der zweijährige Timon beim lauten Znüni unsicher wird, genügt oft ein ruhiger Blick seiner Bezugsperson, und er beruhigt sich wieder. Dieses gemeinsame Beruhigen nennt man auch Ko-Regulation: Das Kind kann seine starken Gefühle noch nicht allein steuern, die erwachsene Person hilft ihm dabei.

Vertrauen wächst aus vielen guten Erfahrungen. Ein Kind, das immer wieder erlebt, dass seine Bedürfnisse gesehen werden und dass ihm geholfen wird, entwickelt eine Grundhaltung: Die Welt ist im Kern ein guter Ort, und auf Menschen ist Verlass. Diese frühe Zuversicht trägt ein Kind weit über die Kita-Zeit hinaus.

Verlässlichkeit schliesslich gibt dem Kind Halt und Orientierung. Verlässlich sind nicht nur Personen, sondern auch wiederkehrende Abläufe: das Begrüssungsritual am Morgen, der feste Platz beim Zvieri, das gleiche Lied vor dem Mittagsschlaf. Solche Wiederholungen sagen dem Kind: Hier weiss ich, was kommt. Das beruhigt und schafft Raum für Entwicklung.

Was die Beziehung gibtWas das Kind erlebtWas daraus wächst
Sicherheit«Jemand passt auf mich auf.»Entspannung, Mut zum Erkunden
Vertrauen«Mir wird geholfen.»Zuversicht, Offenheit gegenüber anderen
Verlässlichkeit«Ich weiss, was kommt.»Orientierung, innere Ruhe
💡 MERKE

Beziehungen geben dem Kind Sicherheit, Vertrauen und Verlässlichkeit. Aus diesen drei wächst die innere Stärke, mit der ein Kind die Welt erkundet. Ein Kind, das sich gehalten fühlt, lernt freier und geht offener auf andere zu.

2.2 Beziehungen als Lern- und Übungsfeld

Beziehungen geben einem Kind nicht nur Halt, sie sind auch der Ort, an dem es soziale Fähigkeiten übt. Manches lernt ein Kind nur dann, wenn es nicht von einer überlegenen erwachsenen Person, sondern von einer gleichgestellten anderen Person umgeben ist. Genau das bieten Geschwister und Kinderfreundschaften.

Unter Geschwistern übt ein Kind täglich, sich durchzusetzen und nachzugeben, zu teilen und zu streiten, sich zu versöhnen und Rücksicht zu nehmen. Weil niemand automatisch im Recht ist, müssen die Kinder Lösungen miteinander aushandeln. Geschwisterbeziehungen sind oft eng, manchmal heftig, und gerade darin ein wertvolles Übungsfeld.

In der Kita kommen die ersten Kinderfreundschaften dazu. Diese Beziehungen sind gleichgestellt: Kein Kind hat von vornherein mehr Macht als das andere. Deshalb müssen die Kinder ihre Anliegen selbst aushandeln. Sie lernen abzuwechseln, Kompromisse zu schliessen, sich in andere hineinzuversetzen und nach einem Streit wieder zueinander zu finden. Diese Fähigkeiten kann eine erwachsene Person einem Kind nicht beibringen, das Kind erwirbt sie nur durch eigene Erfahrung im Spiel mit anderen Kindern.

Aus ressourcenorientierter Sicht ist deshalb auch ein Streit kein Problem, das sofort beseitigt werden muss, sondern eine Lerngelegenheit. Wenn zwei Kinder um ein Spielzeug ringen, üben sie gerade etwas Wichtiges. Ihre Aufgabe ist nicht, jeden Konflikt zu verhindern, sondern die Kinder so zu begleiten, dass sie selbst eine Lösung finden können.

💡 MERKE

In Beziehungen unter Gleichgestellten, also mit Geschwistern und Freunden, übt ein Kind soziale Fähigkeiten, die es bei Erwachsenen nicht lernen kann: aushandeln, teilen, sich in andere hineinversetzen und sich nach einem Streit wieder versöhnen.

2.3 Praxissituation: Der Streit um den letzten Klotz

📍 Praxissituation
Fatima und Timon, beide vier Jahre alt, bauen im Hort «Waldvögel» gemeinsam einen hohen Turm. Es bleibt nur noch ein grosser Holzklotz. Beide greifen gleichzeitig danach. «Der ist meiner!», ruft Timon und zieht. «Nein, ich brauche ihn zuoberst!», ruft Fatima zurück. Die Fachperson Mara sitzt zwei Meter entfernt und beobachtet ruhig, ohne sofort einzugreifen. Die beiden ringen einen Moment, dann sagt Fatima: «Wir können ihn doch zusammen ganz oben drauf tun.» Timon überlegt, nickt und antwortet: «Du hältst, ich stelle ihn drauf.» Gemeinsam setzen sie den Klotz auf die Spitze. Der Turm steht, beide strahlen.

Beziehung als Übungsfeld: Fatima und Timon sind gleichgestellt. Keines kann sich auf eine Überlegenheit berufen, also müssen sie selbst eine Lösung aushandeln. Genau in diesem Moment üben sie, was sie bei einer erwachsenen Person nicht lernen könnten: zuhören, einen Kompromiss finden und gemeinsam ein Ziel erreichen.

Die Rolle von Mara: Mara bleibt verfügbar, greift aber bewusst nicht ein, solange der Streit nicht entgleist, und gibt den Kindern damit den Raum, es selbst zu schaffen. Genau dieses Begleiten und Ermöglichen, statt vorschnelles Eingreifen und Lösen, ist Ihre Kernaufgabe, wenn Sie Beziehungen unter Kindern unterstützen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beziehungen wirken jeden Tag im Kleinen und geben dem Kind Sicherheit, Vertrauen und Verlässlichkeit.
  • Bei Ko-Regulation hilft die erwachsene Person dem Kind, seine starken Gefühle zu steuern.
  • Beziehungen sind auch ein Lern- und Übungsfeld: Hier übt das Kind soziale Fähigkeiten.
  • Unter Gleichgestellten (Geschwister, Freunde) lernt das Kind aushandeln, teilen und sich versöhnen, weil niemand automatisch im Recht ist.
  • Ein Streit ist ressourcenorientiert betrachtet keine Störung, sondern eine Lerngelegenheit.
  • Ihre Rolle ist begleiten und ermöglichen, statt jeden Konflikt sofort für die Kinder zu lösen.

Wissenscheck — Kapitel 2

1. Ein Kind beruhigt sich beim lauten Znüni, weil seine Bezugsperson ihm einen ruhigen Blick zuwirft. Wie nennt man dieses gemeinsame Beruhigen?
2. Warum sind Kinderfreundschaften ein besonderes Übungsfeld für soziale Fähigkeiten?
3. Mara greift beim Streit um den Klotz bewusst nicht sofort ein, bleibt aber in der Nähe. Was ist daran richtig?

Kapitel 3 Familie und soziales Umfeld des Kindes

In den ersten beiden Kapiteln standen die Beziehungen des Kindes und ihre Bedeutung im Mittelpunkt. Dieses Kapitel schliesst Teil 1 ab und richtet den Blick auf den wichtigsten Beziehungsraum überhaupt: die Familie. Dazu kommt das weitere soziale Umfeld, das ein Kind trägt und stärkt. Sie lernen, warum die Familie für das Kind so bedeutsam ist und wie Sie das soziale Umfeld als Ressource nutzen, ohne die Loyalität des Kindes zu seiner Familie je infrage zu stellen.

3.1 Bedeutung der familiären Beziehungen für das Kind

Auch wenn ein Kind viele Stunden in der Kita oder im Hort verbringt, bleibt die Familie sein erster und wichtigster Bezugsrahmen. In der Familie macht das Kind seine frühesten Beziehungserfahrungen. Hier lernt es seine Sprache, übernimmt Werte und Gewohnheiten und entwickelt ein erstes Bild davon, wer es ist und wohin es gehört. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit trägt ein Kind in sich, wohin es auch geht.

Die Familie ist auch der Ort der ersten Sozialisation. Damit ist gemeint, dass ein Kind hier zum ersten Mal lernt, wie Zusammenleben funktioniert: wie man miteinander spricht, was erlaubt ist und was nicht, wie man Nähe zulässt und Konflikte austrägt. Diese frühen Erfahrungen wirken wie eine Brille, durch die das Kind später auch andere Beziehungen betrachtet, etwa zu Ihnen und zu den anderen Kindern. Was ein Kind in der Familie an Verlässlichkeit und Zuwendung erlebt hat, bringt es in die Kita mit.

Hinzu kommt, dass die Familie dem Kind Kontinuität gibt. Während der Kita-Alltag wechselt, bleibt die Familie der vertraute Hintergrund, zu dem das Kind jeden Abend zurückkehrt. Auch tagsüber ist sie innerlich präsent. Ein Kind, das beim Abschied weint, zeigt, wie stark diese Bindung wirkt. Gerade deshalb ist es wichtig, die Verbindung zur Familie über den Tag hinweg sichtbar zu halten, statt sie in den Hintergrund zu drängen.

Für Ihre Arbeit folgt daraus ein zentraler Grundsatz: Die Fachperson ersetzt die Familie nicht, sondern sie ergänzt sie. Ihre Aufgabe ist es nicht, die wichtigste Person im Leben des Kindes zu werden, sondern das Kind ergänzend zur Familie zu begleiten. Eltern und Fachpersonen arbeiten dabei partnerschaftlich zusammen. Man spricht von einer Erziehungspartnerschaft: Beide Seiten verfolgen dasselbe Ziel, nämlich das Wohl des Kindes, und tauschen sich regelmässig aus.

Konkret zeigt sich diese Haltung im Alltag. Sie sprechen vor dem Kind wertschätzend über seine Familie, auch wenn Sie manche Entscheidungen der Eltern nicht teilen. Sie gestalten das Bringen und Abholen so, dass der Übergang zwischen Familie und Kita gelingt. Und Sie greifen die Familie im Gespräch positiv auf, etwa wenn ein Kind vom Wochenende erzählt. So stärken Sie die Verbindung des Kindes zu seiner Familie, statt sie zu schwächen.

💡 MERKE

Die Familie ist der erste und wichtigste Beziehungsraum des Kindes. Hier macht es seine ersten Beziehungserfahrungen und erlebt Zugehörigkeit und Kontinuität. Die Fachperson ersetzt die Familie nicht, sondern ergänzt sie in einer Erziehungspartnerschaft.

3.2 Das soziale Umfeld als Ressource

Über die engere Familie hinaus ist ein Kind in ein weiteres soziales Netz eingebettet. Dazu gehören zum einen die nahen Verwandten wie Grosseltern sowie Gotti und Götti, die dem Kind oft sehr nahestehen, zum anderen das weitere Umfeld wie Nachbarinnen und Nachbarn, Kinder aus dem Quartier oder aus einem Verein. Dieses ganze Netz ist eine wertvolle Ressource, also eine Quelle von Halt, Anregung und Unterstützung. Je mehr verlässliche Menschen ein Kind um sich hat, desto besser ist es getragen.

Eng mit der Familie verbunden ist die Loyalität des Kindes. Kinder sind ihrer Familie tief verbunden, auch dann, wenn die Verhältnisse schwierig sind. Wenn eine Fachperson schlecht über die Familie eines Kindes spricht, gerät das Kind in einen Loyalitätskonflikt: Es müsste sich innerlich zwischen Ihnen und seiner Familie entscheiden, und das überfordert es. Achten Sie deshalb darauf, die Familie nie abzuwerten, auch nicht in Andeutungen. Besonders wichtig ist dies bei Kindern, deren Eltern getrennt leben oder die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen.

Ein tragfähiges soziales Umfeld stärkt die Resilienz des Kindes. Resilienz ist die Widerstandskraft, mit der sich ein Kind auch unter schwierigen Bedingungen gut entwickeln kann. Einer der wichtigsten Schutzfaktoren ist dabei mindestens eine stabile, verlässliche Beziehung. Genau hier sind Sie als Fachperson bedeutsam: Sie sind eine von mehreren verlässlichen Personen im Leben des Kindes und stärken zugleich sein ganzes Beziehungsnetz.

Abbildung 2: Verlässliche Beziehungen als Schutzfaktoren der Resilienz
RESILIENZ: Widerstandskraft des Kindes Verlässliche Bezugsperson Familie Freundschaften Weiteres Umfeld Diese Schutzfaktoren tragen und stärken das Kind
💡 MERKE

Das soziale Umfeld ist eine Ressource für das Kind. Verlässliche Beziehungen stärken seine Resilienz. Die Fachperson achtet die Loyalität des Kindes zu seiner Familie und bringt es nie in einen Loyalitätskonflikt.

3.3 Praxissituation: Remos Grossmutter

📍 Praxissituation
Remo wird in der Kita «Sonnensystem» an den meisten Tagen von seiner Grossmutter abgeholt, weil seine Mutter zu unregelmässigen Zeiten arbeitet. An einem Nachmittag erzählt Remo etwas traurig, dass seine Mami am Wochenende keine Zeit zum Spielen hatte. Die Fachperson Lara hört ihm zu und sagt ruhig: «Deine Mami arbeitet gerade viel. Und schau, deine Grossmami ist immer für dich da und holt dich ab.» Remo nickt und erzählt, dass er mit der Grossmami am Abend jeweils Karten spielt.

Bedeutung der Familie: Obwohl Remos Situation belastend ist, wertet Lara die Mutter nicht ab, sondern spricht wertschätzend über sie. So bringt sie Remo nicht in einen Loyalitätskonflikt und stärkt seine Verbindung zur Familie.

Das soziale Umfeld als Ressource: Die Grossmutter ist für Remo eine verlässliche Bezugsperson. Lara nimmt sie bewusst als Ressource wahr und stärkt damit Remos Beziehungsnetz und seine Resilienz, wie Sie es aus Kapitel 1 kennen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Familie ist der erste und wichtigste Beziehungsraum des Kindes und gibt ihm Zugehörigkeit.
  • In der Familie erlebt das Kind seine erste Sozialisation und eine Kontinuität, die es in die Kita mitbringt.
  • Die Fachperson ersetzt die Familie nicht, sondern ergänzt sie in einer Erziehungspartnerschaft.
  • Das soziale Umfeld, nahe Verwandte und weiteres Umfeld, ist eine Ressource, die die Resilienz des Kindes stärkt.
  • Die Fachperson achtet die Loyalität des Kindes und wertet seine Familie nie ab.

Wissenscheck — Kapitel 3

1. Was ist mit einer «Erziehungspartnerschaft» gemeint?
2. Warum ist ein tragfähiges soziales Umfeld, etwa Grosseltern oder Gotti und Götti, für ein Kind wichtig?
3. Warum sollte eine Fachperson die Familie eines Kindes nie abwerten, auch nicht in Andeutungen?

Kapitel 4 · Teil 2 Mein eigener Umgang mit digitalen und sozialen Medien

Mit diesem Kapitel beginnt Teil 2. Im ersten Teil ging es um die Beziehungen des Kindes. Nun wenden wir uns einem Thema zu, das Beziehungen heute stark prägt: den digitalen und sozialen Medien. Bevor wir in den nächsten Kapiteln Ihre Rolle als Berufsperson und Ihre rechtliche Verantwortung anschauen, beginnt dieser Teil bei Ihnen selbst. Denn einen professionellen Umgang mit Medien können Sie nur entwickeln, wenn Sie zuerst Ihre eigenen Gewohnheiten kennen. Dieses Kapitel ist deshalb eine Einladung zur Selbstreflexion, nicht eine Bewertung Ihres Verhaltens.

4.1 Meine Mediennutzung und meine Gewohnheiten

Zu den digitalen und sozialen Medien gehören das Smartphone und seine Apps, soziale Netzwerke wie Instagram, TikTok, Snapchat oder WhatsApp, dazu Streamingdienste, Spiele und vieles mehr. Diese Medien zu nutzen ist heute völlig normal und ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Es geht in diesem Kapitel nicht darum, Medien als gut oder schlecht zu beurteilen.

Interessant ist vielmehr, wie wir Medien nutzen. Vieles davon läuft automatisch ab, ohne dass wir es bewusst entscheiden. Wir greifen zum Handy, sobald eine kurze Pause entsteht, wir scrollen weiter, obwohl wir eigentlich aufhören wollten, oder wir öffnen eine App, ohne zu wissen, warum. Diese automatischen Gewohnheiten sind nicht schlimm, aber sie geschehen oft unbemerkt. Genau deshalb lohnt es sich, sie einmal bewusst anzuschauen: Wie viel Zeit verbringe ich täglich mit Medien? Zu welchen Momenten greife ich zum Handy? Und was suche ich eigentlich, wenn ich es tue?

🔍 Zum Nachdenken
  • Wann am Tag nutze ich mein Handy am häufigsten?
  • Welche Anwendung öffne ich zuerst, fast ohne nachzudenken?
  • In welchen Situationen greife ich aus Langeweile zum Handy?
💡 MERKE

Die eigene Mediennutzung ist normal und persönlich, und vieles daran läuft automatisch ab. Der erste Schritt zu einem professionellen Umgang ist, die eigenen Gewohnheiten überhaupt bewusst wahrzunehmen.

4.2 Ablenkung, Erreichbarkeit und Konzentration

Digitale Medien sind so gestaltet, dass sie unsere Aufmerksamkeit anziehen. Jede Benachrichtigung, jedes Vibrieren, jeder rote Punkt ist ein kleines Signal, das uns zum Hinschauen verleitet. Das ist kein Zufall, sondern Absicht der Entwicklerinnen und Entwickler. Für uns bedeutet es: Unsere Aufmerksamkeit wird ständig auf die Probe gestellt.

Daraus entstehen drei Wirkungen, die eng zusammenhängen. Die Ablenkung reisst uns aus dem, was wir gerade tun, und sei es nur für einen kurzen Blick. Die ständige Erreichbarkeit erzeugt das Gefühl, immer antworten zu müssen und nichts verpassen zu dürfen. Und die Konzentration leidet, weil unser Kopf zwischen mehreren Dingen hin und her springt. Untersuchungen zeigen, dass schon ein sichtbar herumliegendes Handy die Konzentration mindert, selbst wenn wir es gar nicht in die Hand nehmen.

Für die Betreuungsarbeit ist diese Erkenntnis zentral, denn echte Präsenz, wie Sie sie aus Kapitel 1 kennen, verträgt sich schlecht mit geteilter Aufmerksamkeit. Was das konkret für Ihre Rolle im Kita-Alltag bedeutet, schauen wir im nächsten Kapitel an. Hier geht es zunächst darum, diese Wirkungen bei sich selbst zu erkennen.

💡 MERKE

Digitale Medien sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit anzuziehen. Ständige Erreichbarkeit und Benachrichtigungen lenken ab und erschweren es, ganz präsent zu sein. Wer das bei sich erkennt, kann bewusster damit umgehen.

4.3 Selbstreflexion als Ausgangspunkt

Warum stellt dieses Kapitel die eigene Person an den Anfang? Weil das Leistungsziel dieser Handlungskompetenz von Ihnen verlangt, den eigenen Umgang mit Medien zu reflektieren und private Nutzung von den Aufgaben als Berufsperson zu unterscheiden. Diese Unterscheidung gelingt nur, wenn Sie Ihre eigenen Muster kennen. Wer die eigene Ablenkbarkeit nicht bemerkt, kann sie im Beruf auch nicht bewusst steuern.

Selbstreflexion bedeutet, den eigenen Umgang ehrlich anzuschauen, ohne sich dafür zu verurteilen. Es geht nicht darum, das Handy schlechtzureden oder ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. Es geht darum, Fragen zu stellen, ehrlich zu antworten und daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Selbstreflexion ist dabei keine einmalige Aufgabe, sondern eine Haltung, die Sie immer wieder einnehmen.

Aus dieser ehrlichen Selbstwahrnehmung wächst die Grundlage für den nächsten Schritt. Im folgenden Kapitel unterscheiden wir die Privatperson von der Berufsperson: Was im privaten Leben Ihre freie Entscheidung ist, wird im Beruf zu einer Frage der Verantwortung gegenüber den Kindern.

🔍 Zum Nachdenken
  • Wo unterscheidet sich mein Medienverhalten in der Freizeit von dem, das ich mir im Beruf wünsche?
  • Welche eine kleine Gewohnheit möchte ich bewusster gestalten?
💡 MERKE

Selbstreflexion heisst, den eigenen Umgang mit Medien ehrlich und ohne Verurteilung anzuschauen. Sie ist der Ausgangspunkt, um später zwischen privater Nutzung und den Aufgaben als Berufsperson zu unterscheiden.

4.4 Praxissituation: Nur kurz aufs Handy

📍 Praxissituation
Es ist Abend, und Sie sitzen nach einem langen Tag auf dem Sofa. Sie wollten eigentlich nur kurz eine Nachricht beantworten. Eine halbe Stunde später merken Sie, dass Sie immer noch durch kurze Videos scrollen, ohne genau zu wissen, wie Sie dort gelandet sind. Das Aufstehen, das Sie sich vorgenommen hatten, haben Sie längst vergessen.

Was zeigt diese Situation? Hier zeigt sich die automatische Mediennutzung aus Kapitel 4.1. Aus einer bewussten Absicht, kurz zu antworten, ist ein unbemerktes Weiterscrollen geworden. Die Medien haben die Aufmerksamkeit übernommen, ohne dass eine bewusste Entscheidung dahinterstand.

Wo beginnt die Selbstreflexion? Genau in dem Moment, in dem Sie es bemerken. Diese Wahrnehmung ist keine Niederlage, sondern der erste Schritt. Wer merkt, was geschieht, kann beim nächsten Mal bewusster entscheiden. Diese Fähigkeit, das eigene Verhalten zu bemerken und einzuordnen, brauchen Sie auch im Beruf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Digitale und soziale Medien zu nutzen ist normal. Dieses Kapitel bewertet das Verhalten nicht, sondern lädt zur Reflexion ein.
  • Vieles an der Mediennutzung läuft automatisch ab, ohne bewusste Entscheidung.
  • Medien ziehen die Aufmerksamkeit an. Ablenkung, ständige Erreichbarkeit und sinkende Konzentration hängen zusammen.
  • Echte Präsenz verträgt sich schlecht mit geteilter Aufmerksamkeit.
  • Selbstreflexion heisst, den eigenen Umgang ehrlich und ohne Verurteilung anzuschauen.
  • Die eigene Selbstwahrnehmung ist der Ausgangspunkt, um private Nutzung und Berufsrolle zu unterscheiden.

Wissenscheck — Kapitel 4

1. Was ist mit «automatischer» Mediennutzung gemeint?
2. Warum erschwert ständige Erreichbarkeit die echte Präsenz?
3. Was bedeutet Selbstreflexion im Zusammenhang mit Medien?

Kapitel 5 Privatperson oder Berufsperson?

In Kapitel 4 haben Sie Ihren eigenen Umgang mit Medien reflektiert. Nun kommt die zentrale Unterscheidung dieses Teils: die zwischen Ihnen als Privatperson und Ihnen als Berufsperson. Beide Rollen gehören zu Ihnen, doch sie folgen unterschiedlichen Regeln. Was im privaten Leben Ihre freie Entscheidung ist, wird im Beruf zu einer Frage der Verantwortung gegenüber den Kindern. Dieses Kapitel klärt den Unterschied, zeigt an Fallbeispielen, wo die Grenze überschritten wird, und schaut auf Ablenkung und Vorbildfunktion im Alltag.

5.1 Zwei Rollen, zwei Verantwortungen

Als Privatperson entscheiden Sie in Ihrer Freizeit selbst, wie Sie Medien nutzen. Sie bestimmen, was Sie ansehen, was Sie veröffentlichen und wie erreichbar Sie sind. Das ist Ihre Sache und geht niemanden etwas an. Diese Freiheit ist ein wichtiger Teil Ihres Lebens.

Als Berufsperson tragen Sie dagegen Verantwortung für die betreuten Kinder. Sobald Sie im Dienst sind oder es um Ihre Arbeit geht, ist Ihr Medienverhalten nicht mehr allein Ihre Privatsache. Es wirkt sich auf die Kinder aus: auf Ihre Präsenz, auf Ihre Vorbildwirkung und auf den Schutz der Kinder und ihrer Familien. Im Zentrum steht dann nicht Ihre Freiheit, sondern das Wohl der Kinder.

Dabei geht es nicht darum, dass privat schlecht und beruflich gut wäre. Beide Rollen sind in Ordnung. Wichtig ist, dass Sie jederzeit wissen, in welcher Rolle Sie gerade sind, und entsprechend handeln. Die folgende Übersicht stellt die beiden Rollen gegenüber.

FrageAls PrivatpersonAls Berufsperson
Wer entscheidet?Sie selbst, freiSie, gebunden an Ihren Auftrag und an Regeln des Betriebs
Was steht im Zentrum?Ihre eigenen Bedürfnisse und InteressenDas Wohl und der Schutz der Kinder
ErreichbarkeitSo, wie es Ihnen passtWährend der Betreuung sind Sie für die Kinder da, nicht für private Nachrichten
VeröffentlichenIhre eigene WahlKeine Inhalte über Kinder, Familien oder den Betrieb
💡 MERKE

Als Privatperson entscheiden Sie frei über Ihre Mediennutzung. Als Berufsperson tragen Sie Verantwortung für die Kinder. Im Beruf steht nicht Ihre Freiheit im Vordergrund, sondern das Wohl der Kinder. Entscheidend ist, dass Sie wissen, in welcher Rolle Sie gerade sind.

5.2 Fallbeispiele: Wenn die Grenze überschritten wird

Die Grenze zwischen privat und beruflich verschwimmt selten mit Absicht. Meist geschieht es beiläufig, in einem unbedachten Moment. Die folgenden drei Beispiele zeigen typische Situationen.

📍 Fallbeispiel 1
Eine Lernende macht im Gruppenraum ein lustiges Foto und stellt es am selben Abend in ihre private Story. Auf dem Bild sind im Hintergrund auch zwei betreute Kinder zu sehen.

Warum ist das heikel? Hier handelt die Lernende als Privatperson mit Inhalten aus ihrer Berufsrolle. Bilder von betreuten Kindern gehören nicht in private Kanäle. Die rechtliche Seite dazu, das Recht am eigenen Bild und der Datenschutz, folgt in Kapitel 6.

📍 Fallbeispiel 2
Eine Fachperson nimmt die Mutter eines betreuten Kindes als private Kontaktperson auf einer Social-Media-Plattform an. Dort teilt sie auch persönliche Inhalte aus ihrem Privatleben.

Warum ist das heikel? Die berufliche und die private Beziehung vermischen sich. Die nötige Klarheit der professionellen Beziehung geht verloren, und es entstehen Erwartungen, die im Berufsalltag schwer zu erfüllen sind.

📍 Fallbeispiel 3
Nach einem anstrengenden Tag schreibt eine Fachperson am Abend in einer Chatgruppe einen genervten Beitrag über ein bestimmtes Kind, das sie sehr gefordert hat. Namen nennt sie keine.

Warum ist das heikel? Auch ohne Namen gehören Inhalte über betreute Kinder nicht in halböffentliche Kanäle. Solche Beiträge verletzen die Vertraulichkeit und das Vertrauen der Familien, und sie lassen sich kaum mehr zurücknehmen.

💡 MERKE

Die Grenze zwischen privat und beruflich wird überschritten, wenn Kinder, Familien oder Inhalte aus dem Betrieb in Ihre private Mediennutzung geraten. Im Zweifel gilt: Was mit der Arbeit zu tun hat, gehört nicht in Ihre privaten Kanäle.

5.3 Ablenkung und Vorbildfunktion im Kita-Alltag

In Kapitel 4 haben Sie gesehen, wie stark Medien die Aufmerksamkeit anziehen. Im Kita-Alltag bekommt diese Ablenkung eine besondere Bedeutung, denn hier sind Sie für Kinder verantwortlich. Ein kurzer Blick aufs Handy reisst Sie aus Ihrer Präsenz und unterbricht Ihre Aufmerksamkeit. In diesem Moment nehmen Sie weniger wahr, was in der Gruppe geschieht, und auch Ihre Aufsicht ist eingeschränkt. Aus diesem Grund haben die meisten Betriebe klare Regeln: Während der Betreuung bleibt das private Handy weg.

Dazu kommt die Vorbildfunktion. Kinder lernen, wie schon in Kapitel 2 beschrieben, sehr stark am Vorbild der Erwachsenen. Sie beobachten genau, wie Sie mit Ihrem Handy umgehen. Wenn Sie während des Spielens immer wieder aufs Display schauen, vermitteln Sie unausgesprochen: Das Handy ist wichtiger als das, was wir gerade gemeinsam tun. Gehen Sie dagegen achtsam mit Medien um, sind Sie auch darin ein gutes Vorbild, gerade für ältere Kinder im Hort, die selbst beginnen, Medien zu nutzen.

💡 MERKE

Im Kita-Alltag hat Ihre private Mediennutzung Pause. Ein Blick aufs Handy unterbricht Ihre Präsenz und Ihre Aufsicht, und Kinder lernen am Vorbild. Als Berufsperson sind Sie für die Kinder da, nicht für Ihr Handy.

🔗 Querverweis

Wie Kinder konkret am Vorbild lernen, erklärt HK f2, Kapitel 4 «Lernen am Modell».

5.4 Praxissituation: Maras vibrierendes Handy

📍 Praxissituation
Im Hort «Schanzenrain» beaufsichtigt die Lernende Mara die Bauecke. In ihrer Hosentasche vibriert das Handy, eine private Nachricht von einer Freundin. Mara spürt den Impuls, kurz nachzuschauen. Im selben Moment ruft Timon: «Mara, luag emal!» und zeigt ihr stolz seinen Turm. Mara lässt das Handy stecken, geht zu Timon, schaut sich den Turm genau an und fragt nach, wie er ihn so hoch gebaut hat. Erst in ihrer Pause liest sie die Nachricht der Freundin.

Zwei Rollen: Während der Betreuung ist Mara Berufsperson. Die private Nachricht gehört in ihre Freizeit, und genau dorthin verschiebt sie sie bewusst. Sie weiss, in welcher Rolle sie gerade ist.

Ablenkung und Vorbild: Hätte Mara aufs Handy geschaut, wäre sie für einen Moment nicht präsent gewesen und hätte Timon vorgelebt, dass das Handy wichtiger ist als sein Turm. So aber schenkt sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit und ist zugleich ein gutes Vorbild.

Das Wichtigste in Kürze

  • Als Privatperson entscheiden Sie frei, als Berufsperson tragen Sie Verantwortung für die Kinder.
  • Im Beruf steht nicht Ihre Freiheit im Vordergrund, sondern das Wohl der Kinder.
  • Entscheidend ist, jederzeit zu wissen, in welcher Rolle man gerade ist.
  • Die Grenze wird überschritten, wenn Kinder, Familien oder Inhalte aus dem Betrieb in die private Mediennutzung geraten.
  • Ein Blick aufs Handy im Dienst unterbricht Präsenz und Aufsicht.
  • Kinder lernen am Vorbild: Ihr Umgang mit Medien prägt sie mit.

Wissenscheck — Kapitel 5

1. Was steht im Vordergrund, wenn Sie als Berufsperson handeln?
2. Welche Handlung überschreitet die Grenze zwischen privater und beruflicher Rolle?
3. Warum bleibt das private Handy während der Betreuung weg?

Kapitel 6 Digitale Medien als Berufsperson: Recht und Verantwortung

Dieses Kapitel schliesst Teil 2 ab. In Kapitel 5 haben Sie die private von der beruflichen Rolle unterschieden. Als Berufsperson tragen Sie jedoch nicht nur Verantwortung, sondern Sie sind im Umgang mit digitalen Medien auch an rechtliche Vorgaben gebunden. Sie lernen hier das Recht am eigenen Bild, den Datenschutz und die Schweigepflicht kennen und schauen zum Schluss auf die Chancen und Risiken digitaler Medien im Alltag. Dieses Kapitel ersetzt keine Rechtsberatung, sondern vermittelt die Grundsätze, die Sie im Beruf brauchen.

6.1 Recht am eigenen Bild und Persönlichkeitsschutz

Jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass seine Persönlichkeit geschützt wird. Diesen Schutz nennt man Persönlichkeitsschutz. Ein wichtiger Teil davon ist das Recht am eigenen Bild: Niemand darf ohne seine Einwilligung fotografiert oder gefilmt werden und schon gar nicht ohne Einwilligung veröffentlicht werden.

Bei Kindern entscheiden die Eltern, genauer die Inhaberinnen und Inhaber der elterlichen Sorge. Bevor ein Bild eines Kindes gemacht und vor allem bevor es weitergegeben oder gezeigt wird, braucht es deshalb die Einwilligung der Eltern. Viele Kitas holen diese Einwilligung schriftlich beim Eintritt ein und halten fest, wofür Fotos verwendet werden dürfen, etwa für das Portfolio oder einen Aushang. An diese Vorgaben halten Sie sich genau.

Für Ihren Alltag heisst das: Fotos von betreuten Kindern gehören nie auf Ihr privates Gerät oder in Ihre privaten Kanäle, wie Sie es schon aus Kapitel 5 kennen. Bilder entstehen nur auf den vom Betrieb vorgesehenen Wegen und nur dann, wenn eine Einwilligung vorliegt. Wenn Sie unsicher sind, gilt eine einfache Regel: kein Bild.

💡 MERKE

Jedes Kind hat ein Recht am eigenen Bild. Fotos oder Videos von Kindern dürfen nur mit der Einwilligung der Eltern gemacht und weitergegeben werden. Im Zweifel gilt: kein Bild.

6.3 Chancen und Risiken digitaler Medien im Betreuungsalltag

Digitale Medien sind im Betreuungsalltag nicht nur ein Risiko. Richtig eingesetzt, bieten sie auch Chancen, gerade in der Pflege von Beziehungen. Sie erleichtern die Zusammenarbeit mit den Eltern, etwa durch eine Kita-App oder kurze Rückmeldungen zum Tag. Sie unterstützen die Dokumentation der Entwicklung, beispielsweise im Portfolio mit Fotos, sofern eine Einwilligung vorliegt. Und sie können Beziehungen pflegen helfen, etwa wenn die Gruppe einem kranken Kind eine digitale Grusskarte schickt.

Zugleich bringen digitale Medien Risiken mit sich. Sie lenken ab und stören die Präsenz, wie Sie in Kapitel 5 gesehen haben. Sie bergen Gefahren für die Daten und die Privatsphäre der Kinder. Und sie können dazu verleiten, echte Begegnungen durch Bildschirme zu ersetzen oder Kinder zu viel Bildschirmzeit auszusetzen. Die folgende Übersicht stellt Chancen und Risiken gegenüber.

ChancenRisiken
Erleichtern die Zusammenarbeit mit den ElternLenken ab und stören die Präsenz
Unterstützen die Dokumentation der EntwicklungGefährden Daten und Privatsphäre der Kinder
Können Beziehungen über Distanz pflegen helfenVerleiten dazu, echte Begegnung durch Bildschirme zu ersetzen

Entscheidend ist die Haltung dahinter: Digitale Medien sind ein Hilfsmittel. Sie können eine Beziehung unterstützen, aber sie ersetzen nie die echte, präsente Begegnung mit dem Kind. Diese bleibt, wie der ganze erste Teil gezeigt hat, der Kern Ihrer Arbeit.

💡 MERKE

Digitale Medien bieten im Betreuungsalltag Chancen, etwa für die Zusammenarbeit mit Eltern und die Dokumentation, bergen aber auch Risiken. Sie sind ein Hilfsmittel und ersetzen nie die echte, präsente Beziehung zum Kind.

6.4 Praxissituation: Das Gruppenfoto im Wald

📍 Praxissituation
Auf dem Waldausflug möchte die Lernende Mara ein schönes Gruppenfoto für die Portfolios machen. Bevor sie fotografiert, denkt sie an die Fotoeinwilligungen. Für die meisten Kinder liegt eine Einwilligung der Eltern vor, für Timon jedoch nicht. Mara stellt die Gruppe so auf, dass Timon nicht im Bild ist, und macht das Foto. Timon sucht in dieser Zeit mit dem Kescher nach Tierchen und ist mitten im Geschehen dabei.

Recht am eigenen Bild: Mara respektiert, dass für Timon keine Einwilligung vorliegt. Ohne die Einwilligung der Eltern entsteht von ihm kein Bild. Damit schützt sie sein Persönlichkeitsrecht.

Verantwortung mit Augenmass: Mara handelt vorausschauend, ohne Timon auszuschliessen. Er ist Teil des Ausflugs und erlebt den Wald genauso wie die anderen, nur eben nicht auf dem Foto. So verbindet sie rechtliche Sorgfalt mit Feingefühl.

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder Mensch hat einen Persönlichkeitsschutz, dazu gehört das Recht am eigenen Bild.
  • Fotos von Kindern brauchen die Einwilligung der Eltern. Im Zweifel gilt: kein Bild.
  • Digitale Medien bieten Chancen und Risiken zugleich.
  • Sie sind ein Hilfsmittel und ersetzen nie die echte, präsente Beziehung zum Kind.

Wissenscheck — Kapitel 6

1. Wer muss einwilligen, bevor ein Foto eines betreuten Kindes gemacht und weitergegeben wird?
2. Welche Aussage über digitale Medien im Betreuungsalltag ist richtig?

Kapitel 7 · Teil 3 Gruppen und Gruppendynamik

Mit diesem Kapitel beginnt Teil 3, und der Blick weitet sich. In Teil 1 ging es um einzelne Beziehungen des Kindes, in Teil 2 um Medien und Ihre Rolle. In der Kita und im Hort ist ein Kind aber immer auch Teil einer Gruppe, und in einer Gruppe laufen besondere Prozesse ab. Dieses Kapitel klärt, was eine Gruppe ausmacht, welche Rollen Kinder darin übernehmen, wie sich eine Gruppe über die Zeit entwickelt und welche Aufgabe Sie als Fachperson in den verschiedenen Phasen haben.

7.1 Merkmale von Gruppen

Mehrere Kinder im selben Raum bilden noch keine Gruppe. Eine Gruppe entsteht erst, wenn die Kinder regelmässig miteinander zu tun haben, etwas gemeinsam haben und mit der Zeit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln. Dieses Gefühl nennt man Wir-Gefühl.

Eine Gruppe lässt sich an einigen Merkmalen erkennen: Die Mitglieder verfolgen ein gemeinsames Ziel oder eine gemeinsame Tätigkeit, sie stehen in regelmässiger Interaktion, sie teilen ein Wir-Gefühl, und es bilden sich gemeinsame Regeln. In der Kita ist die Gruppe zwar vorgegeben, doch das Wir-Gefühl wächst erst nach und nach. Es zu fördern, gehört zu Ihren Aufgaben.

💡 MERKE

Eine Gruppe ist mehr als mehrere Kinder im selben Raum. Sie entsteht, wenn Kinder regelmässig miteinander zu tun haben, etwas gemeinsam haben und ein Wir-Gefühl entwickeln.

7.2 Rollen in der Gruppe

In jeder Gruppe übernehmen die Kinder unterschiedliche Rollen. Eine Rolle ist die typische Position, die ein Kind in der Gruppe einnimmt, und die Art, wie die anderen darauf reagieren. Die folgende Übersicht zeigt einige häufige Rollen.

RolleTypisches Verhalten
Anführerin oder AnführerGibt oft den Ton an, hat Ideen und bringt andere dazu mitzumachen.
Beliebtes KindWird von vielen gemocht und gesucht.
Spassmacherin oder SpassmacherBringt die Gruppe zum Lachen und löst Spannungen.
Vermittlerin oder VermittlerSchlichtet Streit und sorgt für Ausgleich.
Mitläuferin oder MitläuferSchliesst sich gern an, ohne selbst die Richtung vorzugeben.
Aussenseiterin oder AussenseiterSteht am Rand und wird seltener einbezogen.

Wichtig ist: Diese Rollen sind nicht fest. Ein Kind kann in einer Gruppe der Spassmacher sein und in einer anderen eher zurückhaltend. Rollen verändern sich mit der Situation und mit der Zeit. Besonders aufmerksam sind Sie bei der Aussenseiterrolle. Wenn ein Kind immer wieder ausgeschlossen wird, droht sich diese Rolle zu verfestigen. Ihre Aufgabe ist es, das früh zu bemerken und dafür zu sorgen, dass kein Kind dauerhaft am Rand bleibt, sondern jedes Kind an der Gruppe teilhaben kann.

💡 MERKE

In jeder Gruppe übernehmen Kinder unterschiedliche Rollen. Diese Rollen sind nicht fest, sondern verändern sich. Achten Sie besonders darauf, dass kein Kind dauerhaft in einer negativen Rolle wie der des Aussenseiters festgehalten wird.

🔗 Querverweis

Rollen prägen nicht nur Kindergruppen, sondern auch Teams von Fachpersonen: siehe HK d1, Kapitel 1.2 «Position und Rolle» und Kapitel 3.2 «Teamrollen nach Belbin».

7.3 Gruppenphasen nach Tuckman

Gruppen entstehen nicht von einem Tag auf den anderen, sie entwickeln sich über die Zeit. Der Forscher Bruce Tuckman beschrieb diese Entwicklung in fünf Phasen. Sein Modell hilft Ihnen, zu verstehen, was in einer Gruppe gerade geschieht. Stellen Sie sich eine neu zusammengesetzte Hortgruppe nach den Sommerferien vor.

Abbildung 3: Die fünf Gruppenphasen nach Tuckman
Forming Orientierung Storming Konfrontation Norming Organisation Performing Zusammenarbeit Adjourning Abschied

In der Forming-Phase (Orientierung) lernen sich die Kinder kennen. Sie sind noch vorsichtig und tasten sich ab. In der Storming-Phase (Konfrontation) kommt es zu Reibereien: Es wird ausgehandelt, wer das Sagen hat, und Regeln werden ausgetestet. In der Norming-Phase (Organisation) finden die Kinder gemeinsame Regeln, und ein Wir-Gefühl entsteht. In der Performing-Phase (Zusammenarbeit) spielt und arbeitet die Gruppe gut zusammen. In der Adjourning-Phase (Abschied) löst sich die Gruppe wieder auf, etwa beim Übertritt in den Kindergarten.

Dieses Modell ist eine Vereinfachung. Echte Gruppen durchlaufen die Phasen nicht immer streng nacheinander. Kommt zum Beispiel ein neues Kind dazu, kann eine Gruppe noch einmal in eine frühere Phase zurückfallen. Trotzdem hilft das Modell, gruppendynamische Prozesse einzuordnen.

💡 MERKE

Nach Tuckman durchläuft eine Gruppe fünf Phasen: Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning. Das Modell hilft, gruppendynamische Prozesse zu verstehen, auch wenn echte Gruppen die Phasen nicht immer streng nacheinander durchlaufen.

7.4 Die Rolle der Fachperson in den verschiedenen Phasen

Eine Ihrer Aufgaben ist es, gruppendynamische Prozesse zu begleiten. Was das konkret bedeutet, hängt von der Phase ab. Die folgende Übersicht zeigt, was die Gruppe jeweils erlebt und was Sie tun können.

PhaseWas die Gruppe erlebtIhre Aufgabe
FormingUnsicherheit, KennenlernenSicherheit und Orientierung geben, Kennenlernen ermöglichen, Rituale einführen
StormingKonflikte, Austesten von RegelnKonflikte aushalten und fair begleiten, gemeinsame Regeln aushandeln, vermitteln
NormingGemeinsame Regeln, Wir-GefühlRegeln und Rituale festigen, das Wir-Gefühl stärken
PerformingGute ZusammenarbeitSich zurücknehmen, die Eigenständigkeit der Gruppe fördern, begleiten statt steuern
AdjourningAuflösung, AbschiedDen Abschied bewusst gestalten, Übergänge begleiten, Wertschätzung zeigen

Besonders die Performing-Phase zeigt einen Grundgedanken dieses Handlungskompetenzbereichs: Wenn die Gruppe gut zusammenarbeitet, treten Sie bewusst zurück und ermöglichen den Kindern Eigenständigkeit und Teilhabe.

💡 MERKE

In jeder Gruppenphase hat die Fachperson eine andere Aufgabe: zuerst Sicherheit und Orientierung geben, dann Konflikte fair begleiten, gemeinsame Regeln stärken, sich anschliessend zurücknehmen und schliesslich den Abschied gestalten.

7.5 Praxissituation: Die neue Hortgruppe

📍 Praxissituation
Seit drei Wochen ist die Hortgruppe «Zauberschloss» neu zusammengesetzt. Es gibt viel Streit darüber, wer bestimmt, was gespielt wird, und es bilden sich kleine Grüppchen. Maya wird beim Spielen immer wieder nicht mitgenommen und sitzt dann allein am Tisch. Die Fachperson Daria beobachtet das aufmerksam. Sie erkennt zweierlei: Die Gruppe steckt mitten in einer turbulenten Phase, und Maya droht in die Aussenseiterrolle zu geraten. Daria unterdrückt die Konflikte nicht. Sie führt mit den Kindern eine gemeinsame Regel ein, wie sie abwechselnd ein Spiel bestimmen dürfen. Zugleich gibt sie Maya eine sichtbare Aufgabe, in der sie gebraucht wird, und achtet darauf, dass Maya ins Spiel einbezogen wird.

Welche Phase ist das? Der viele Streit darüber, wer bestimmt, ist typisch für die Storming-Phase. Daria deutet ihn nicht als Versagen der Gruppe, sondern als normalen Schritt, in dem die Kinder ihre Regeln aushandeln.

Rolle und Aufgabe der Fachperson: Daria erkennt früh die beginnende Aussenseiterrolle und verhindert, dass Maya darin festgehalten wird. Sie begleitet die Storming-Phase, indem sie faire Regeln einführt und das Wir-Gefühl stärkt, statt jeden Konflikt einfach zu unterbinden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Gruppe entsteht durch regelmässige Interaktion, etwas Gemeinsames und ein Wir-Gefühl.
  • Kinder übernehmen in der Gruppe unterschiedliche Rollen, die nicht fest sind.
  • Niemand soll dauerhaft in einer negativen Rolle wie der des Aussenseiters festgehalten werden.
  • Nach Tuckman durchläuft eine Gruppe die Phasen Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning.
  • Das Modell ist eine Vereinfachung: Gruppen durchlaufen die Phasen nicht immer streng nacheinander.
  • Die Fachperson hat in jeder Phase eine andere Aufgabe und nimmt sich in der Performing-Phase bewusst zurück.

Wissenscheck — Kapitel 7

1. Wann wird aus mehreren Kindern eine Gruppe?
2. In einer neuen Gruppe gibt es viel Streit darüber, wer das Sagen hat, und Regeln werden ausgetestet. Welche Tuckman-Phase ist das?
3. Was ist eine zentrale Aufgabe der Fachperson in der Performing-Phase, wenn die Gruppe gut zusammenarbeitet?

Abschluss Synthese: Ein Jahr mit Lina

Zu Beginn dieses Lerntexts stand eine Frage, die durch alle drei Teile hindurch mitgeschwungen hat. Am Schluss lohnt es sich, ihr nicht mit einer weiteren Liste zu begegnen, sondern mit einer Geschichte – denn im Berufsalltag treten Bindung, Familie, Medien und Gruppe nie einzeln auf, sondern gleichzeitig, in ein und demselben Kind.

Leitfrage dieser Handlungskompetenz

Was brauchen Kinder an Beziehungen, um sich gut zu entwickeln, und welche Rolle spiele ich als Fachperson dabei?

Die folgende Geschichte begleitet Lina, die Sie bereits aus Kapitel 1 kennen, durch ein Jahr in der Kita «Sonnensystem» – von den ersten unsicheren Wochen bis zu dem Tag, an dem sie selbst einem neuen Kind die Ankunft erleichtert.

Herbst: Eine sichere Basis entsteht

📍 Fallgeschichte, Teil 1
Lina ist inzwischen zehn Wochen in der Kita «Sonnensystem». Der Abschied am Morgen fällt ihr merklich leichter als in den ersten Tagen: Sie winkt der Mami kurz zu und geht dann von sich aus zu Daria hinüber. Von dort aus wagt sie sich mittlerweile auch zu anderen Kindern. Als die kleine Aylin ihr einen Holzring hinhält, nimmt Lina ihn entgegen, lächelt und spielt kurz darauf neben ihr weiter. Daria beobachtet die Szene von der Seite, greift nicht ein und bleibt dennoch sichtbar in der Nähe.

Was sich hier zeigt: Dieselbe Logik wie in Kapitel 1: Die verlässliche Beziehung zu Daria als sichere Basis erlaubt es Lina, sich zunehmend von ihr zu lösen und ihr Beziehungsnetz zu erweitern. Ohne diese Sicherheit im Rücken würde Lina kaum den ersten Schritt auf Aylin zugehen.

Winter: Ein Streit unter Kindern, Halt aus der Familie

📍 Fallgeschichte, Teil 2
Kurz vor Weihnachten streiten sich Lina und der etwas ältere Noah um die einzige rote Sandkelle. Lina hält sie fest, Noah zieht daran. Daria sitzt in der Nähe, greift aber nicht sofort ein. Nach kurzem Ziehen sagt Lina: «Du zuerst, dann ich.» Noah nickt, gräbt kurz und gibt ihr die Kelle zurück.

Was sich hier zeigt: Wie schon bei Fatima und Timon in Kapitel 2 ist eine Beziehung unter Gleichgestellten ein Übungsfeld. Weil Daria den Streit aushält und begleitet, statt sofort zu schlichten, findet Lina selbst eine Lösung.

Zur gleichen Zeit erzählt Lina beim Zvieri, der Papa arbeite gerade viel und der Mami gehe manchmal die Geduld aus. Daria hört zu, ohne die Eltern zu bewerten. Sie weiss aus dem letzten Elterngespräch, dass Linas Grosseltern in der Nähe wohnen und öfter aushelfen.

Was sich hier zeigt: Diese Beziehungen ausserhalb der Kita sind für Lina eine Ressource, die ihre Resilienz stärkt, auch wenn es zu Hause einmal angespannt ist. Darias Aufgabe ist es nicht, diese Beziehungen zu ersetzen oder zu bewerten, sondern die Erziehungspartnerschaft zu pflegen und Linas Umfeld als Ganzes im Blick zu behalten.

Frühling: Ein Foto, zwei Rollen

📍 Fallgeschichte, Teil 3
Im April macht Daria für das Portfolio ein Foto davon, wie Lina zum ersten Mal ohne Hilfe die Rutschbahn hochklettert. Das Bild gefällt ihr so gut, dass sie es für einen Moment auch in ihrer privaten Story teilen möchte. Sie hält kurz inne, öffnet die App dann aber nicht. Stattdessen prüft sie, ob für Lina eine Fotoeinwilligung der Eltern für interne Zwecke vorliegt, und legt das Bild ausschliesslich im Portfolio-Ordner ab.

Was sich hier zeigt: Der kurze Moment des Zögerns zeigt die Rollentrennung aus Kapitel 5: Privat hätte Daria das Bild gerne geteilt, doch als Berufsperson weiss sie um das Recht am eigenen Bild und den Datenschutz. Was Daria über Lina bei der Arbeit erfährt, unterliegt zudem der Schweigepflicht – auch nach Feierabend.

Sommer: Lina gibt weiter, was sie bekommen hat

📍 Fallgeschichte, Teil 4
Im Sommer kommt der zweijährige Elias neu in die Gruppe. Wie einst Lina im Herbst weint er beim Abschied und bleibt in den ersten Tagen dicht bei Daria. Die Gruppe, die sich über die Monate eingespielt hat, reagiert zurückhaltend auf ihn; niemand nimmt ihn beim Spiel mit, und er sitzt oft allein am Rand. Eines Nachmittags geht Lina von sich aus zu Elias, hält ihm einen Holzklotz hin und sagt: «Ich zeig dir was.»

Was sich hier zeigt: Die Gruppe steckt in einer der Gruppenphasen aus Kapitel 7, und es besteht das Risiko einer Aussenseiterrolle für Elias. Dass Daria nicht sofort eingreift, sondern Lina den Raum lässt, von sich aus auf Elias zuzugehen, zeigt ihre Rolle in dieser Phase: aufmerksam beobachten, Gelegenheiten ermöglichen und erst einschreiten, wenn ein Kind tatsächlich dauerhaft aussen vor bliebe. Lina gibt dabei unbewusst weiter, was sie im Herbst selbst erhalten hat.

Der rote Faden

Über das ganze Jahr hinweg greifen bei Lina dieselben vier Handlungen ineinander, die durch alle sieben Kapitel dieses Lerntexts führen. Daria nimmt wahr, was Lina gerade braucht – Nähe, einen ungelösten Streit, ein offenes Ohr oder Raum für ein neues Kind. Sie ermöglicht, ohne zu ersetzen: Lina löst den Streit um die Sandkelle selbst und findet selbst den Weg zu Elias. Sie begleitet, ohne zu drängen, beim Ablösen von der Mami ebenso wie beim Eingewöhnen von Elias. Und sie schützt, wo es nötig ist: Linas Bild, ihre Daten, ihre Würde in der Gruppe.

💡 MERKE

Wahrnehmen, ermöglichen, begleiten und schützen sind keine vier getrennten Aufgaben für vier verschiedene Situationen. Es ist dieselbe Grundhaltung, die sich in der Bindung zu einer Bezugsperson genauso zeigt wie im Umgang mit der eigenen Handykamera oder in der Begleitung einer Gruppe.

🔍 Zum Nachdenken
  • Denken Sie an ein Kind aus Ihrer eigenen Praxis: Wo haben Sie in den letzten Wochen wahrgenommen, ermöglicht, begleitet oder geschützt, ohne es damals so zu benennen?
  • Gab es eine Situation, in der Sie versucht waren, eine Beziehung zu ersetzen statt sie zu ermöglichen, etwa aus Zeitdruck?
  • Wie könnte Linas Geschichte an Ihrem eigenen Arbeitsort anders verlaufen – welche Ressourcen oder Herausforderungen wären dort andere?

Genau darin liegt die Antwort auf die Leitfrage dieser Handlungskompetenz: nicht in einer Definition, sondern in der Haltung, mit der Sie jedem Kind – wie Lina und Elias – täglich begegnen.

Anhang Glossar

Die folgenden Begriffe wurden im Lerntext eingeführt. Das Glossar dient als Nachschlagehilfe.

AussenseiterrolleDie Rolle eines Kindes, das in der Gruppe am Rand steht und seltener einbezogen wird. Sie soll nicht dauerhaft werden.
BeziehungDie Verbindung zwischen zwei oder mehr Menschen, die über die Zeit besteht und durch wiederholte Begegnungen geprägt wird.
BeziehungsnetzDie Gesamtheit der Beziehungen eines Kindes: Familie und Verwandtschaft, andere Kinder, Fachpersonen und weiteres Umfeld.
DatenschutzDer sorgfältige und geschützte Umgang mit Personendaten, in der Schweiz geregelt im revidierten Datenschutzgesetz.
ErziehungspartnerschaftDie partnerschaftliche Zusammenarbeit von Eltern und Fachpersonen zum Wohl des Kindes.
GruppeMehrere Menschen, die regelmässig miteinander zu tun haben, etwas gemeinsam haben und ein Wir-Gefühl entwickeln.
Gruppenphasen (Tuckman)Die fünf Phasen Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning, die eine Gruppe durchlaufen kann.
LoyalitätskonfliktDie innere Zwickmühle eines Kindes, das sich zwischen der Fachperson und seiner Familie entscheiden müsste.
PersonendatenAngaben zu einer Person wie Name, Geburtsdatum, Adresse oder Fotos.
PersönlichkeitsschutzDer Schutz der Persönlichkeit eines Menschen. Dazu gehört das Recht am eigenen Bild.
Recht am eigenen BildDas Recht, selbst über Bilder der eigenen Person zu bestimmen. Bei Kindern entscheiden die Eltern.
ResilienzDie Widerstandskraft, mit der sich ein Kind auch unter schwierigen Bedingungen gut entwickeln kann.
RessourceEine Quelle von Halt, Anregung und Unterstützung, etwa das soziale Umfeld eines Kindes.
SchweigepflichtDie Pflicht, alles über Kinder und Familien Erfahrene vertraulich zu behandeln, auch nach Feierabend und in den sozialen Medien.

Anhang Lernkarten zur Wiederholung

Mit den folgenden Lernkarten können Sie die wichtigsten Begriffe selbst überprüfen. Tippen Sie auf die Karte, um die Antwort zu sehen, und blättern Sie mit den Schaltflächen weiter.

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AnhangFachliche Grundlagen und Vertiefung

Zur Entstehung

Dieser Lerntext basiert auf dem Bildungsplan FaBe und etabliertem Fachwissen. Er wurde mit Claude Opus 4.8 erstellt und von Fachlehrpersonen sowie mit Perplexity auf fachliche Korrektheit geprüft. Er beruht nicht auf einer systematischen Quellenrecherche. Die folgenden Grundlagen sind im Text genannt oder bilden den fachlichen Hintergrund und eignen sich zur Vertiefung.

Im Text genannt

Tuckman, B. W. (1965): Developmental sequence in small groups. Psychological Bulletin, 63(6). Ergänzt durch Tuckman, B. W. und Jensen, M. A. C. (1977): Stages of small-group development revisited. Group and Organization Studies, 2(4). Grundlage der fünf Gruppenphasen.
Schweizerisches Zivilgesetzbuch (ZGB), Art. 28: Schutz der Persönlichkeit. Grundlage des Rechts am eigenen Bild.
Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG), revidierte Fassung, in Kraft seit 1. September 2023.

Fachlicher Hintergrund und Vertiefung

Bowlby, J. (1988). A Secure Base: Parent-Child Attachment and Healthy Human Development. Basic Books.
Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Lawrence Erlbaum Associates.

Konzeption und fachliche Leitung

Sara Wüthrich-Gut, Berufsfachschullehrperson FaBe.