Handlungskompetenz c3 · Kinderbetreuung · 1. Lehrjahr

Soziale Kontakte und Beziehungen unterstützen

Beziehungsnetz Sichere Basis Familie und Umfeld Medien und Berufsrolle Gruppendynamik

Inhaltsverzeichnis

Einstieg: Was brauchen Kinder an Beziehungen?

Praxissituation

Montagmorgen, kurz nach halb acht, in der Kita «Sternenland». Lina ist zwei Jahre alt und seit zwei Wochen in der Kita. Sie klammert sich an die Jacke ihrer Mami und weint. Die Fachperson Mira kniet sich zu ihr, begrüsst sie mit Namen und streckt die Arme aus. Nach einem langen Abschiedskuss lässt Lina sich hochnehmen. Timon, vier Jahre alt, stürmt herein und ruft: «Isch dr Emir scho da?» Emir, drei Jahre und ein Monat alt, winkt ihm aus der Bauecke zu, und die beiden, die in verschiedenen Gruppen sind und sich aus dem gemeinsamen Garten kennen, sind sofort mitten im Spiel. Der 10 Monate alte Kaan sitzt auf dem Teppich und schaut dem Treiben zu. Nach einer Weile krabbelt er zu den Knaben hinüber und greift nach einem Holzklotz.

In diesen wenigen Minuten geschieht vieles gleichzeitig. Lina muss eine vertraute Person loslassen und sich einer anderen anvertrauen. Timon und Emir pflegen eine Freundschaft, die ihnen offensichtlich wichtig ist. Kaan beobachtet zuerst und nähert sich dann vorsichtig den anderen Kindern. Alle drei Situationen haben etwas mit Beziehungen zu tun: Beziehungen werden aufgebaut, gepflegt oder vorübergehend gelöst.

Beziehungen sind in der Betreuungsarbeit kein Nebenschauplatz, der erst wichtig wird, wenn ein Kind weint oder streitet. Sie sind eine zentrale Grundlage für Wohlbefinden, Teilhabe und viele Bildungsprozesse. Ein Kind, das sich sicher und gehalten fühlt, kann eher frei spielen, Neues ausprobieren und sich auf andere einlassen. Ihre Aufgabe als Fachperson ist es, diese Beziehungen wahrzunehmen und so zu begleiten, dass die Kinder sie selbst gestalten können.

Zu dieser Handlungskompetenz gehört auch ein Blick auf Sie selbst: Wie gehen Sie mit digitalen und sozialen Medien um, und wo endet Ihre private Nutzung, wenn Sie als Berufsperson in der Kita stehen? Und weil Kinder in der Kita und in der Tagesbetreuung nie nur zu zweit sind, geht es schliesslich um das, was in einer Gruppe geschieht.

Glühbirne Was bedeutet «Soziale Kontakte und Beziehungen unterstützen»?

Sie nehmen wahr, welche Beziehungen ein Kind hat und was es in Beziehungen braucht. Sie ermöglichen Begegnungen mit anderen Kindern, mit Angehörigen und mit Menschen ausserhalb der Kita und begleiten die Kinder beim Aufbauen, Pflegen und Lösen dieser Beziehungen.

Dazu gehört auch, das Geschehen in der Gruppe im Blick zu behalten und Kinder und Familien zu schützen, gerade im Umgang mit digitalen Medien.

Über allem steht die Leitfrage dieses Lerntexts: Was brauchen Kinder an Beziehungen, um sich gut zu entwickeln, und welche Rolle spielen Sie als Fachperson dabei?

Was lernen Sie in diesem Lerntext?

Sie lernen,

  • Beziehungen zu beschreiben, mit ihren Merkmalen und ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes,
  • die Familie und das soziale Umfeld als wichtigste Beziehungsräume des Kindes zu verstehen und zu stärken,
  • den eigenen Umgang mit digitalen und sozialen Medien zu reflektieren und private Nutzung von Ihrer Berufsrolle zu unterscheiden,
  • Chancen und Risiken digitaler Medien in der Beziehungspflege an Beispielen aufzuzeigen und rechtliche Grundsätze einzuhalten,
  • gruppendynamische Prozesse zu erkennen und die Gruppe in ihren Phasen zu begleiten.

Den roten Faden durch alle Kapitel bilden vier Handlungen, die immer wieder vorkommen: wahrnehmen, ermöglichen, begleiten und schützen. Sie nehmen wahr, was ein Kind an Beziehungen braucht. Sie ermöglichen Begegnungen, statt Beziehungen zu ersetzen. Sie begleiten, ohne zu drängen. Und Sie schützen dort, wo Kinder es selbst noch nicht können. In der Synthese treffen Sie Lina wieder und sehen, wie diese vier Handlungen über ein ganzes Kita-Jahr zusammenspielen.


Kapitel 1: Was ist eine Beziehung?

Leistungsziel c3.1.1: Die Fachperson Betreuung erläutert die Bedeutung und die Merkmale von Beziehungen. (K2)

Eine Beziehung ist die Verbindung zwischen zwei oder mehr Menschen, die über die Zeit besteht und durch wiederholte Begegnungen geprägt wird. Eine einmalige Begegnung an der Bushaltestelle ist noch keine Beziehung. Erst wenn Menschen einander immer wieder begegnen, aufeinander reagieren und füreinander Bedeutung gewinnen, entsteht eine Beziehung.

In diesem Lerntext stehen die Beziehungen im Mittelpunkt, die das Kind selbst erlebt, und die Frage, wie Sie diese wahrnehmen und unterstützen. Ihre eigene professionelle Beziehungsgestaltung vertiefen Sie in der Handlungskompetenz a3.

1.1 Das Beziehungsnetz des Kindes

Ein Kind lebt nie in einer einzigen Beziehung, sondern in einem ganzen Beziehungsnetz. Dieses Netz besteht aus mehreren Bereichen, die alle für die Entwicklung des Kindes wichtig sind. Wer ein Kind gut begleiten will, hat das ganze Netz im Blick und nicht nur die Beziehung zur eigenen Person.

Den innersten Kreis bilden die Familie und andere dauerhaft vertraute Menschen. Wer dazugehört, hängt von der Lebenssituation ab: Eltern, Pflege- oder Adoptiveltern, Geschwister, Grosseltern, Gotti und Götti oder die Bezugspersonen in einer Wohngruppe. Dazu kommen die anderen Kinder in der Kita oder in der Tagesbetreuung, mit denen erste Freundschaften und erste Konflikte entstehen. Einen weiteren Bereich bilden die Fachpersonen, allen voran die Bezugsperson. Schliesslich gibt es das weitere soziale Umfeld: Nachbarinnen und Nachbarn, Kinder aus dem Quartier, die Spielgruppe oder ein Verein.

Ihre Aufgabe ist es, dieses Netz wahrzunehmen und die Beziehungen des Kindes in allen Bereichen zu fördern. Sie ermöglichen Begegnungen, begleiten Freundschaften und stärken die Verbindung zur Familie, statt das Kind allein an die eigene Person zu binden.

Abbildung 1: Das Beziehungsnetz des Kindes
KIND im Zentrum Familie und Verwandte Eltern, Geschwister, Grosseltern, Gotti und Götti Andere Kinder Freundschaften, Spielkameraden Fachpersonen Bezugsperson, Team Weiteres Umfeld Nachbarn, Quartier, Verein, Spielgruppe

Quelle: eigene Darstellung

Glühbirne Merke

Ein Kind lebt in einem Beziehungsnetz aus Familie, anderen Kindern, Fachpersonen und weiterem Umfeld. Sie stärken das ganze Netz, nicht nur die Beziehung zu sich selbst.

Wie das Beziehungsnetz mit den Grundbedürfnissen eines Kindes zusammenhängt, vertieft HK f1, Kapitel 1 «Bedürfnisse von Kindern verstehen».

1.2 Merkmale von Beziehungen

Die Beziehungen in diesem Netz sind sehr unterschiedlich. Die Beziehung zur Mami fühlt sich anders an als die zum besten Freund in der Kita oder zur Fachperson. Um diese Unterschiede nicht nur zu spüren, sondern benennen zu können, helfen einige Merkmale. Jede Beziehung lässt sich damit beschreiben.

MerkmalWas damit gemeint istBeispiel aus dem Kita-Alltag
WahlManche Beziehungen sucht man sich aus, andere sind vorgegeben.Timon wählt Emir als Freund. Seine Eltern und Geschwister hat er sich nicht ausgesucht.
DauerBeziehungen können kurz und flüchtig oder über Jahre stabil sein.Die Beziehung zu einem Kind aus den Ferien dauert eine Woche, die zur Grossmami ein Leben lang.
Beruflich oder privatPrivate Beziehungen entstehen aus Zuneigung, berufliche aus einem Auftrag.Mira ist für Lina zuständig, solange Lina die Kita besucht. Was die Beziehung Lina bedeutet hat, kann darüber hinaus nachwirken.
HierarchieBeziehungen sind gleichgestellt oder über- und untergeordnet.Zwischen zwei Vierjährigen gibt es keine vorgegebene Rangordnung. Die Fachperson hat gegenüber den Kindern mehr Macht und Verantwortung.
AbhängigkeitIn manchen Beziehungen ist eine Seite stark auf die andere angewiesen.Kaan kann mit 10 Monaten weder selbst essen noch sich allein beruhigen. Er ist auf Erwachsene angewiesen.

Die Merkmale greifen ineinander. Die Beziehung zwischen einem Kind und einer Fachperson ist nicht gewählt, sie ist beruflich, zeitlich begrenzt, hierarchisch und für das Kind mit grosser Abhängigkeit verbunden. Genau daraus entsteht Ihre Verantwortung: Weil das Kind sich die Beziehung nicht aussuchen und nicht einfach beenden kann, liegt es an Ihnen, sie verlässlich und respektvoll zu gestalten.

Anders ist eine Kinderfreundschaft. Kinder suchen sie sich meist selbst aus, und niemand hat von vornherein das Sagen. Ganz gleich stark sind Kinder trotzdem nicht: Wer älter ist, besser spricht, beliebter oder kräftiger ist, hat oft mehr Einfluss. Auch in Freundschaften kann es deshalb Abhängigkeit und Ausschluss geben. Weil Kinder hier vieles selbst aushandeln, ist diese Beziehung für die Entwicklung wertvoll, wie Sie in Kapitel 2 sehen werden. Wer die Merkmale kennt, kann bewusster einschätzen, was ein Kind in einer bestimmten Beziehung erlebt und was es darin braucht.

Glühbirne Merke

Beziehungen unterscheiden sich in Wahl, Dauer, beruflich oder privat, Hierarchie und Abhängigkeit. Je abhängiger ein Kind in einer Beziehung ist, desto grösser ist die Verantwortung der Erwachsenen.

Die Unterscheidung zwischen privaten und professionellen Beziehungen sowie das Thema Nähe und Distanz in Ihrer eigenen Berufsrolle vertiefen Sie im 2. Lehrjahr in der Handlungskompetenz a3.

1.3 Die Bezugsperson als sichere Basis

Innerhalb des Beziehungsnetzes hat eine Beziehung in der Kita besonderes Gewicht: die zur Bezugsperson. In vielen Kitas ist jedem Kind eine bestimmte Fachperson zugeordnet, die vor allem in der Eingewöhnung besonders für dieses Kind da ist. Sie ist ein vertrauter Anker im oft lauten und vollen Kita-Alltag.

Warum ist das wichtig? Kleine Kinder erkunden die Welt leichter, wenn sie wissen, dass jemand verlässlich für sie da ist. Die Bindungsforschung um John Bowlby und Mary Ainsworth spricht von einer sicheren Basis. Von ihr aus traut sich das Kind eher, neue Räume zu betreten, andere Kinder anzusprechen und Neues auszuprobieren. Wird es unsicher, sucht es wieder die Nähe der Bezugsperson, tankt auf und zieht erneut los. Wie ein Kind sich verhält, hängt aber nicht nur von dieser Beziehung ab, sondern auch von seinem Temperament, seinen bisherigen Erfahrungen, seiner Familie und der Situation in der Gruppe.

Damit eine sichere Beziehung entsteht, braucht es vor allem Feinfühligkeit. Feinfühlig sein heisst, die Signale des Kindes wahrzunehmen, sie möglichst passend zu deuten und prompt sowie angemessen darauf zu reagieren. Wenn Kaan quengelt, erkennt eine feinfühlige Fachperson, ob er müde, hungrig oder überfordert ist, und antwortet passend. Kaan erlebt: Ich werde verstanden, meine Signale wirken.

Neben der Feinfühligkeit zählen Verlässlichkeit und Präsenz. Verlässlichkeit heisst, dass dieselben Personen da sind und dass wiederkehrende Abläufe Halt geben, etwa ein Begrüssungsritual am Morgen. Präsenz heisst, wirklich anwesend und aufmerksam zu sein, nicht abgelenkt nebenher. Eine sichere Beziehung kann Freundschaften, Lernfreude und ein gutes Gruppenklima unterstützen.

Die Bezugsperson in der Kita ersetzt die Bindung an die Eltern nicht. Sie kann aber eine wichtige, vertraute Beziehung aufbauen, besonders in der Eingewöhnung. Ob und wie sich eine Bindung entwickelt, lässt sich nicht aus einzelnen Situationen ablesen. Wie gut ein Bezugspersonensystem wirkt, hängt auch vom Team, von der Gruppengrösse und von der Zusammenarbeit mit den Eltern ab. Eine Übersicht über 40 Studien (Ahnert et al., 2006) zeigt: In Kitas hängt die Sicherheit der Beziehung zwischen Kind und Fachperson vor allem damit zusammen, wie feinfühlig die Fachperson auf die ganze Gruppe eingeht, nicht nur auf das einzelne Kind. Als Schweizer Referenzdokument für die Qualität in der frühen Kindheit gilt der Orientierungsrahmen (Wustmann Seiler & Simoni, 2016).

Glühbirne Merke

Eine feinfühlige, verlässliche und präsente Bezugsperson kann für ein Kind zur sicheren Basis werden, von der aus es die Welt erkundet.

Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Was Sie tunWas das Kind daraus erfährt
Sie begrüssen das Kind jeden Morgen persönlich und mit Namen.«Ich werde erwartet. Hier gibt es jemanden für mich.»
Sie kündigen an, was als Nächstes geschieht, etwa wann die Mami wiederkommt.«Ich weiss, was kommt. Ich kann mich darauf verlassen.»
Sie bleiben in Sichtweite, wenn das Kind sich entfernt, und reagieren auf seine Blicke.«Ich kann losgehen und jederzeit zurückkommen.»
Sie lassen andere Kinder und Kolleginnen in die Beziehung hinein.«Auch andere Menschen hier sind vertrauenswürdig.»

Die sichere Basis lässt sich mit Eriksons erster Entwicklungsaufgabe, Urvertrauen gegen Urmisstrauen, verbinden. Siehe HK f1, Kapitel 3 «Psychosoziale Entwicklung nach E. Erikson».

1.4 Praxissituation: Linas erste Wochen

Praxissituation

Lina ist zwei Jahre alt und seit zwei Wochen in der Kita «Sternenland». Ihre Bezugsperson ist die Fachperson Mira. Am Morgen weint Lina jeweils beim Abschied von der Mami. Mira kniet sich auf Augenhöhe zu ihr, nimmt sie ruhig auf den Arm und sagt mit gleichbleibend warmer Stimme: «D Mami chunnt nach em Zvieri wieder. I bi bi dir.» Lina beruhigt sich nach wenigen Minuten. Den Vormittag über bleibt sie zuerst dicht bei Mira. Dann löst sie sich, geht zur Bauecke, schaut immer wieder zu Mira zurück und kommt zwischendurch an ihre Seite, bevor sie weiterspielt.

Was passiert hier?

Lina baut eine Beziehung zu ihrer Bezugsperson auf. Mira handelt feinfühlig: Sie nimmt Linas Kummer ernst, bietet Nähe und Orientierung an und beobachtet, ob das Lina hilft. Die immer gleiche Ankündigung und der ruhige Tonfall geben Lina Orientierung.

Die sichere Basis zeigt sich im Pendeln zwischen Nähe und Erkundung. Lina entfernt sich, vergewissert sich mit einem Blick, dass Mira da ist, und traut sich weiter. Mira erwähnt die Mami bewusst: So bleibt die wichtigste Beziehung im Beziehungsnetz präsent, und Lina wird nicht allein an Mira gebunden.

Was hilft?

Mira bleibt in dieser Phase gut sichtbar und ist verfügbar, ohne Lina festzuhalten. Sie hält die Abläufe beim Bringen jeden Tag gleich und erzählt der Mami beim Abholen kurz, wie Lina den Tag erlebt hat. Wenn Lina sich sicherer fühlt, bezieht Mira eine Kollegin und andere Kinder mit ein, damit Linas Netz in der Kita wächst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Beziehung ist eine Verbindung zwischen Menschen, die über die Zeit besteht und durch wiederholte Begegnungen geprägt wird.
  • Ein Kind lebt in einem Beziehungsnetz aus Familie, anderen Kindern, Fachpersonen und weiterem Umfeld. Sie stärken das ganze Netz.
  • Beziehungen lassen sich mit den Merkmalen Wahl, Dauer, beruflich oder privat, Hierarchie und Abhängigkeit beschreiben.
  • Die Beziehung zur Fachperson ist für das Kind nicht gewählt und mit Abhängigkeit verbunden. Daraus entsteht Ihre Verantwortung.
  • Die Bezugsperson kann für das Kind zu einer sicheren Basis werden, von der aus es die Welt erkundet.
  • Feinfühligkeit, Verlässlichkeit und Präsenz unterstützen eine sichere Beziehung.
Wissenscheck Kapitel 1

1. Der Vater von Mia (5;6) sagt beim Abholen etwas enttäuscht: «Mia redet zu Hause nur noch von Ihnen.» Wie reagieren Sie im Sinne des Beziehungsnetzes am besten?

  • A: Sie freuen sich, denn das zeigt, dass Sie die wichtigste Person für Mia geworden sind.
  • B: Sie erzählen dem Vater, wie oft Mia in der Kita von ihm spricht, und fragen, was sie zu Hause gerne mit ihm spielt.
  • C: Sie empfehlen, Mia weniger Tage in die Kita zu bringen.
  • D: Sie erklären, dass das in diesem Alter normal ist und sich von selbst gibt.
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B: Sie stärken die Verbindung zwischen Kind und Vater und machen ihn zum Teil des Gesprächs. Das Ziel ist ein tragfähiges Beziehungsnetz, nicht die Bindung des Kindes an Sie.

2. Zwei Vierjährige spielen jeden Tag zusammen, obwohl sie in verschiedenen Gruppen sind. Welche Merkmale beschreiben diese Beziehung am treffendsten?

  • A: Vorgegeben, beruflich, hierarchisch
  • B: Gewählt, privat, ohne vorgegebene Rangordnung
  • C: Gewählt, beruflich, abhängig
  • D: Vorgegeben, privat, ohne vorgegebene Rangordnung
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B: Die Kinder haben einander ausgesucht, die Beziehung beruht auf Zuneigung und es gibt keine vorgegebene Rangordnung wie zwischen Kind und Fachperson.

3. Lina entfernt sich von Mira, schaut beim Spielen immer wieder zu ihr zurück und kommt zwischendurch kurz zu ihr. Was bedeutet das für Miras Handeln?

  • A: Mira sollte Lina auffordern, bei den anderen Kindern zu bleiben, damit sie selbständiger wird.
  • B: Mira sollte Lina auf den Schoss nehmen, bis sie ganz ruhig ist.
  • C: Mira bleibt sichtbar, erwidert Linas Blicke und lässt sie wieder losziehen.
  • D: Mira zieht sich zurück, damit Lina sich an andere Fachpersonen gewöhnt.
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C: Lina nutzt Mira als sichere Basis. Sie braucht die Gewissheit, jederzeit zurückkehren zu können, damit sie weiter erkundet.

Kapitel 2: Warum Beziehungen für Kinder wichtig sind

Leistungsziel c3.1.1: Die Fachperson Betreuung erläutert die Bedeutung und die Merkmale von Beziehungen. (K2)

In Kapitel 1 haben Sie gesehen, was eine Beziehung ausmacht und dass die Bezugsperson für das Kind eine sichere Basis ist. Nun geht es um die Frage dahinter: Was bewirken Beziehungen im Alltag des Kindes, was lernt es in Beziehungen, das es nirgends sonst lernen kann, und wie begleiten Sie Kinder dabei?

2.1 Wirkung von Beziehungen im Alltag des Kindes

Unterstützende, verlässliche Beziehungen sind für Kinder ein wichtiger Schutz- und Entwicklungsfaktor. Ihre Wirkung zeigt sich jeden Tag im Kleinen: beim Abschied am Morgen, beim Trösten nach einem Sturz, beim Einschlafen über Mittag. Drei Wirkungen sind besonders wichtig: Sicherheit, Vertrauen und Verlässlichkeit.

Sicherheit entsteht, wenn ein Kind spürt, dass jemand da ist und auf es aufpasst. Anspannung kann Spiel, Neugier und Lernen erschweren. Ein sicherer Rahmen hilft dem Kind, sich zu beruhigen und sich auf das Spiel einzulassen. Wenn Lina beim lauten Znüni unsicher wird, genügt oft ein ruhiger Blick von Mira, und sie beruhigt sich. Dieses gemeinsame Beruhigen heisst Ko-Regulation: Das Kind kann starke Gefühle noch nicht allein steuern, die erwachsene Person hilft ihm dabei. Mit der Zeit lernt das Kind, sich immer mehr selbst zu beruhigen.

Vertrauen wächst aus vielen guten Erfahrungen. Ein Kind, das immer wieder erlebt, dass seine Bedürfnisse gesehen werden und dass ihm geholfen wird, entwickelt eine Grundhaltung: Auf Menschen ist Verlass. Diese Zuversicht nimmt es mit in neue Beziehungen, etwa zu anderen Kindern oder später zur Lehrperson im Kindergarten.

Verlässlichkeit gibt dem Kind Halt und Orientierung. Verlässlich sind nicht nur Personen, sondern auch wiederkehrende Abläufe: das Begrüssungsritual, der feste Platz beim Zvieri, das gleiche Lied vor dem Mittagsschlaf. Solche Wiederholungen sagen dem Kind: Hier weiss ich, was kommt.

Was die Beziehung gibtWas das Kind erlebtWas daraus wächst
Sicherheit«Jemand passt auf mich auf.»Entspannung, Mut zum Erkunden
Vertrauen«Mir wird geholfen.»Zuversicht, Offenheit gegenüber anderen
Verlässlichkeit«Ich weiss, was kommt.»Orientierung, innere Ruhe
Glühbirne Merke

Beziehungen geben dem Kind Sicherheit, Vertrauen und Verlässlichkeit. Das kann ihm helfen, die Welt mit Zuversicht zu erkunden.

2.2 Beziehungen als Lern- und Übungsfeld

Beziehungen geben Halt, und sie sind zugleich der Ort, an dem ein Kind soziale Fähigkeiten übt. Manches lernt ein Kind vor allem mit anderen Kindern, weil dort keine erwachsene Person das letzte Wort hat. Das bieten Geschwister und Kinderfreundschaften.

Unter Geschwistern übt ein Kind täglich, sich durchzusetzen und nachzugeben, zu teilen und zu streiten, sich zu versöhnen und Rücksicht zu nehmen. Geschwisterbeziehungen sind oft eng, manchmal heftig, und gerade darin ein wertvolles Übungsfeld.

In der Kita kommen die ersten Kinderfreundschaften dazu. Unter Kindern entscheidet keine erwachsene Person, deshalb müssen sie ihre Anliegen selbst aushandeln. Ganz gleich stark sind Kinder dabei aber nicht: Alter, Sprache, Beliebtheit oder Körperkraft geben manchen mehr Einfluss als anderen. Sie lernen abzuwechseln, Kompromisse zu schliessen, sich in andere hineinzuversetzen und nach einem Streit wieder zueinander zu finden. Diese Fähigkeiten entwickeln sich vor allem in echten Beziehungen und Konflikten. Erwachsene unterstützen sie durch ihr Vorbild, durch Worte für Gefühle und durch passende Begleitung.

Was Kinder in Freundschaften übenWoran Sie es im Alltag erkennen
Aushandeln und Kompromisse finden«Du darfst zuerst, dann ich.»
Sich in andere hineinversetzenEin Kind holt dem weinenden Freund sein Nuscheli.
Sich versöhnenNach einem Streit spielen die Kinder zehn Minuten später wieder zusammen.
Gemeinsame Ideen entwickelnZwei Kinder erfinden zusammen ein Spiel mit eigenen Regeln.

Ein Streit, den die Kinder bewältigen können, ist deshalb eine Lerngelegenheit. Ihre Aufgabe ist nicht, jeden Konflikt zu verhindern, sondern die Kinder so zu begleiten, dass sie selbst eine Lösung finden. Früh greifen Sie ein, wenn ein Kind verletzt werden könnte, Angst hat, deutlich unterlegen ist, immer wieder verliert oder ausgeschlossen wird.

Glühbirne Merke

Mit anderen Kindern übt ein Kind aushandeln, teilen, sich hineinversetzen und sich versöhnen. Erwachsene begleiten und schützen dabei.

2.3 Praxissituation: Der Streit um den letzten Klotz

Praxissituation

Carla und Timon, beide vier Jahre alt, bauen in der Kita «Sternenland» gemeinsam einen hohen Turm. Es bleibt nur noch ein grosser Holzklotz. Beide greifen gleichzeitig danach. «Dä isch mine!», ruft Timon und zieht. «Nei, i bruuche ne zoberscht!», ruft Carla zurück. Die Fachperson Daniel sitzt zwei Meter entfernt und beobachtet ruhig, ohne sofort einzugreifen. Die beiden ringen einen Moment, dann sagt Carla: «Mir chöi ne doch zäme ganz obe drufstelle.» Timon überlegt, nickt und antwortet: «Du hebsch, i stell ne druf.» Gemeinsam setzen sie den Klotz auf die Spitze. Der Turm steht, beide strahlen.

Was passiert hier?

Carla und Timon sind gleich alt und etwa gleich stark. Keine erwachsene Person entscheidet für sie, also handeln sie selbst eine Lösung aus. Dabei üben sie zuhören, einen Kompromiss finden und gemeinsam ein Ziel erreichen.

Was hilft?

Daniel bleibt verfügbar und achtet darauf, ob der Streit für beide bewältigbar bleibt. Solange das der Fall ist, greift er bewusst nicht ein. Danach kann er die Lösung würdigen: «Ihr habt zusammen eine Idee gefunden.» So werden die Kinder in ihrer Fähigkeit bestärkt. Hätte eines der Kinder immer wieder nachgegeben oder wäre der Streit handgreiflich geworden, hätte Daniel die beiden beim Aushandeln unterstützt, statt selbst zu entscheiden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Beziehungen wirken jeden Tag im Kleinen und geben dem Kind Sicherheit, Vertrauen und Verlässlichkeit.
  • Bei der Ko-Regulation hilft die erwachsene Person dem Kind, starke Gefühle zu beruhigen.
  • Mit anderen Kindern lernt das Kind aushandeln, teilen und sich versöhnen. Machtunterschiede gibt es aber auch unter Kindern.
  • Ein bewältigbarer Streit ist eine Lerngelegenheit. Bei Gefahr, Angst oder wiederholtem Unterliegen greifen Sie früh ein.
  • Ihre Rolle ist begleiten und ermöglichen, statt jeden Konflikt für die Kinder zu lösen.
Wissenscheck Kapitel 2

1. Beim Zvieri kippt Kaans Becher um, er erschrickt und beginnt heftig zu weinen. Welche Reaktion entspricht der Ko-Regulation?

  • A: Sie sagen: «Das ist doch nicht schlimm, hör auf zu weinen.»
  • B: Sie wischen den Tisch sofort auf und geben Kaan einen neuen Becher.
  • C: Sie gehen auf Augenhöhe, sprechen ruhig mit ihm, benennen den Schreck und bleiben bei ihm, bis er sich beruhigt.
  • D: Sie warten ab, bis Kaan sich von selbst beruhigt, damit er es lernt.
Musterlösung anzeigen
C: Kaan kann den Schreck noch nicht allein verarbeiten. Ihre ruhige Nähe und die Worte für das Gefühl helfen ihr, sich zu beruhigen.

2. Zwei Kinder streiten um die Schaukel. Keines ist in Gefahr, beide reden laut durcheinander. Was tun Sie zuerst?

  • A: Sie legen eine Reihenfolge fest, damit Ruhe einkehrt.
  • B: Sie beobachten aus der Nähe und geben den Kindern Zeit, selbst eine Lösung zu finden.
  • C: Sie holen beide Kinder von der Schaukel weg.
  • D: Sie schlagen vor, dass keines der Kinder schaukeln darf.
Musterlösung anzeigen
B: Solange niemand gefährdet ist und kein Kind dauernd unterliegt, ist der Streit ein Übungsfeld. Sie bleiben verfügbar und greifen erst ein, wenn es nötig wird.

3. Sahar (4;6) möchte seit Tagen bei Carla und Timon mitspielen, wird aber immer wieder weggeschickt. Sie steht am Rand und schaut zu. Was tun Sie?

  • A: Sie bestimmen, dass Carla und Timon Sahar mitspielen lassen müssen.
  • B: Sie greifen nicht ein, denn Freundschaften müssen Kinder allein regeln.
  • C: Sie begleiten Sahar beim Einstieg, etwa indem Sie mit ihr eine Aufgabe suchen, die zum Spiel der beiden passt: «Bruuchet dir no öpper, wo Chlötz bringt?»
  • D: Sie bieten Sahar an, stattdessen mit Ihnen zu spielen.
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C: Freundschaften lassen sich nicht erzwingen. Eine Brücke ins Spiel ermöglicht Begegnung, ohne die Wahl der Kinder zu übergehen, und Sahar bleibt nicht dauerhaft am Rand.

Kapitel 3: Familie und soziales Umfeld des Kindes

Leistungsziel c3.3.5: Die Fachperson Betreuung erläutert die Bedeutung der Familie und des sozialen Umfelds für die betreuten Personen. (K2)

Dieses Kapitel richtet den Blick auf die Familie, für viele Kinder der wichtigste Beziehungsraum. Dazu kommt das weitere soziale Umfeld, das ein Kind trägt und stärkt. Sie lernen, warum die Familie für das Kind so bedeutsam ist und wie Sie das Umfeld als Ressource nutzen, ohne die Verbundenheit des Kindes mit seiner Familie je infrage zu stellen.

3.1 Bedeutung der familiären Beziehungen für das Kind

Die Familie und andere dauerhaft verantwortliche Bezugspersonen sind für viele Kinder die zentralen Beziehungsräume. Wer dazugehört, ist individuell: Eltern, Pflege- oder Adoptiveltern, Geschwister, Grosseltern, andere Verwandte oder die Bezugspersonen in einer Wohngruppe. Bei ihnen macht das Kind meist seine frühesten Beziehungserfahrungen, lernt seine Sprache, übernimmt Werte und Gewohnheiten und entwickelt ein erstes Bild davon, wer es ist und wohin es gehört. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit trägt es überallhin mit.

Die Familie ist auch der Ort der ersten Sozialisation. Das Kind lernt hier, wie Zusammenleben funktioniert: wie man miteinander spricht, was erlaubt ist, wie man Nähe zulässt und Konflikte austrägt. Diese Erfahrungen wirken wie eine Brille, durch die das Kind später auch andere Beziehungen betrachtet, etwa zu Ihnen und zu den anderen Kindern.

Vertraute Beziehungen geben dem Kind zudem Kontinuität. Während in der Kita Fachpersonen wechseln und Gruppen sich verändern, bleiben sie ein vertrauter Hintergrund. Für manche Kinder übernehmen das eine Pflegefamilie, die Wohngruppe oder die Grosseltern. Familienbeziehungen können auch belastet oder widersprüchlich sein. Bedeutsam für das Kind bleiben sie trotzdem.

Was die Familie dem Kind gibtWie es sich in der Kita zeigt
ZugehörigkeitDas Kind erzählt stolz von «üsem Hund» oder zeigt ein Foto der Familie am Garderobenplatz.
Erste SozialisationDas Kind bringt Gewohnheiten mit, etwa wie bei Tisch gesprochen wird oder wie Streit gelöst wird.
Sprache und KulturDas Kind spricht zu Hause eine andere Sprache oder feiert andere Feste und erzählt davon.
KontinuitätDas Kind fragt am Nachmittag: «Chunnt hüt d Mami oder dr Papi?»

Daraus folgt ein zentraler Grundsatz: Die Fachperson ersetzt die Familie nicht, sie ergänzt sie. Eltern und Fachpersonen arbeiten partnerschaftlich zusammen. Man spricht von einer Erziehungspartnerschaft: Beide Seiten arbeiten respektvoll im Interesse des Kindes zusammen und tauschen sich regelmässig aus. Unterschiedliche Vorstellungen und Werte werden offen angesprochen und gemeinsam geklärt. Dazu gehört, Eltern als Fachleute für ihr Kind ernst zu nehmen und die Vielfalt heutiger Familien zu berücksichtigen (Wehinger, 2022). Im Alltag zeigt sich diese Haltung, wenn Sie vor dem Kind wertschätzend über seine Familie sprechen, das Bringen und Abholen so gestalten, dass der Übergang gelingt, und Familienthemen positiv aufgreifen, etwa wenn ein Kind vom Wochenende erzählt.

Glühbirne Merke

Für viele Kinder ist die Familie der wichtigste Beziehungsraum. Die Fachperson ersetzt sie nicht, sondern ergänzt sie in einer Erziehungspartnerschaft.

3.2 Das soziale Umfeld als Ressource

Über die engere Familie hinaus ist ein Kind in ein weiteres soziales Netz eingebettet: Grosseltern, Gotti und Götti, Nachbarinnen und Nachbarn, Kinder aus dem Quartier oder aus einem Verein. Dieses Netz ist eine wertvolle Ressource, also eine Quelle von Halt, Anregung und Unterstützung. Ein Netz aus verlässlichen Menschen kann ein Kind entlasten. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl, sondern ob die Beziehungen verlässlich und unterstützend sind.

Eng mit der Familie verbunden ist die Loyalität des Kindes. Kinder fühlen sich ihrer Familie tief verbunden, auch wenn die Verhältnisse schwierig sind. Spricht eine Fachperson abwertend über die Familie, gerät das Kind in einen Loyalitätskonflikt: Es müsste sich innerlich zwischen Ihnen und seiner Familie entscheiden, und das überfordert es. Werten Sie die Familie deshalb nie ab, auch nicht in Andeutungen. Besonders wichtig ist das bei Kindern, deren Eltern getrennt leben oder die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Kinder, die in einer Pflegefamilie oder einem Kinderheim leben, müssen sich zusätzlich mit ihrer Herkunft auseinandersetzen und mit Loyalitätskonflikten umgehen (SODK & KOKES, 2020).

Für sie gilt fachlich: Der Kontakt zur Herkunftsfamilie wird unterstützt (Quality4Children, 2008, Standard 8). Wie er gestaltet wird, richtet sich nach dem Kindeswohl, das nach der UN-Kinderrechtskonvention (Art. 3) vorrangig zu berücksichtigen ist (SODK & KOKES, 2020). Die Kontaktregelung legen die Beteiligten und die zuständigen Behörden fest, nicht die einzelne Fachperson.

Ein tragfähiges Umfeld stärkt die Resilienz des Kindes. Resilienz ist die Widerstandskraft, mit der sich ein Kind auch unter schwierigen Bedingungen gut entwickeln kann. Einer der wichtigsten Schutzfaktoren ist mindestens eine stabile, verlässliche Beziehung. Hier sind Sie als Fachperson bedeutsam: Sie sind eine von mehreren verlässlichen Personen im Leben des Kindes und stärken zugleich sein ganzes Beziehungsnetz.

Abbildung 2: Verlässliche Beziehungen als Schutzfaktoren der Resilienz
RESILIENZ: Widerstandskraft des Kindes Verlässliche Bezugsperson Familie Freundschaften Weiteres Umfeld Diese Schutzfaktoren tragen und stärken das Kind

Quelle: eigene Darstellung

Glühbirne Merke

Das soziale Umfeld ist eine Ressource. Verlässliche Beziehungen stärken die Resilienz des Kindes. Sie werten die Familie nie ab und bringen das Kind nicht in einen Loyalitätskonflikt.

3.3 Praxissituation: Linus’ Grossmami

Praxissituation

Linus ist fünf Jahre alt und wird in der Kita «Sternenland» an den meisten Tagen von seiner Grossmami abgeholt, weil seine Mami zu unregelmässigen Zeiten arbeitet. An einem Nachmittag erzählt Linus etwas traurig, dass die Mami am Wochenende keine Zeit zum Spielen hatte. Die Fachperson Daniel setzt sich zu ihm, hört zu und sagt ruhig: «Dini Mami schaffet grad viu. Das isch truurig, wenn si keni Zyt het.» Linus nickt. Nach einer Weile erzählt er, dass er mit der Grossmami am Abend jeweils «Tschau Sepp» spielt und sie fast immer gewinnt.

Was passiert hier?

Linus erzählt von einer enttäuschenden Situation. Ob und wie sehr sie ihn belastet, klärt Daniel durch weiteres Zuhören und Beobachten. Er nimmt seine Traurigkeit ernst, ohne die Mutter zu bewerten. Er spricht wertschätzend über sie und bringt Linus so nicht in einen Loyalitätskonflikt.

Die Grossmami ist für Linus eine verlässliche Beziehung und damit eine Ressource, die seine Resilienz stärkt. Dass Linus von sich aus auf das Kartenspiel kommt, zeigt, wie wichtig ihm diese Beziehung ist.

Was hilft?

Daniel greift das Kartenspiel auf und fragt nach, wie es geht. Beim Abholen erzählt er der Grossmami, wie begeistert Linus von den gemeinsamen Abenden gesprochen hat. Als Bezugsperson spricht Daniel beim nächsten Kontakt mit der Mutter über Linus’ Alltag in der Kita und fragt nach ihrer Sicht. So pflegt er die Erziehungspartnerschaft mit beiden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Für viele Kinder ist die Familie der wichtigste Beziehungsraum. Wer dazugehört, ist individuell.
  • In der Familie erlebt das Kind seine erste Sozialisation und eine Kontinuität, die es in die Kita mitbringt.
  • Die Fachperson ergänzt die Familie in einer Erziehungspartnerschaft.
  • Das soziale Umfeld ist eine Ressource, die die Resilienz des Kindes stärkt. Entscheidend ist die Qualität der Beziehungen, nicht ihre Anzahl.
  • Die Fachperson achtet die Loyalität des Kindes und wertet seine Familie nie ab.
Wissenscheck Kapitel 3

1. Beim Mittagessen sagt eine Fachperson zu ihrer Kollegin, so dass Mia (5;6) es hört: «Kein Wunder, dass sie so wenig isst, bei dieser Familie.» Warum ist das problematisch?

  • A: Weil Kolleginnen sich im Dienst nicht unterhalten sollten.
  • B: Weil Mia die Familie verteidigen oder sich innerlich von ihr abwenden müsste und damit in einen Loyalitätskonflikt gerät.
  • C: Weil die Aussage nicht bewiesen ist.
  • D: Weil Mia dann noch weniger isst.
Musterlösung anzeigen
B: Abwertende Aussagen über die Familie stellen das Kind zwischen zwei Seiten, die ihm wichtig sind. Das belastet es, auch wenn es nichts sagt.

2. Tim (6) lebt seit einem Jahr in einer Wohngruppe des Kinderwohnens «Seetal». Jeden zweiten Sonntag besucht er seine Mutter. Am Montag erzählt er begeistert, sie hätten zusammen Pizza gegessen, und fragt: «Wenn dörf i wieder hei?» Was stärkt ihn am meisten?

  • A: Sie erklären ihm, dass er im Kinderwohnen besser aufgehoben ist.
  • B: Sie teilen seine Freude über den Besuch und sagen ehrlich, dass die Erwachsenen das gemeinsam entscheiden und Sie seine Frage ins Team mitnehmen.
  • C: Sie wechseln das Thema, damit er nicht traurig wird.
  • D: Sie versprechen ihm, dass er sicher bald nach Hause darf.
Musterlösung anzeigen
B: Tim darf seine Mutter lieben, auch wenn er nicht bei ihr lebt. Wer die Freude am Besuch teilt, ohne die Mutter zu bewerten oder Versprechen zu machen, bewahrt ihn vor einem Loyalitätskonflikt.

3. Ein Mädchen erzählt jeden Montag begeistert von der Nachbarin, mit der sie am Wochenende backt. Wie nutzen Sie diese Ressource?

  • A: Gar nicht, denn die Nachbarin gehört nicht zur Familie.
  • B: Sie empfehlen den Eltern, die Besuche zu reduzieren, damit mehr Familienzeit bleibt.
  • C: Sie greifen das Backen auf, etwa beim Zvieri-Vorbereiten, und lassen das Mädchen erzählen, was es dort gelernt hat.
  • D: Sie bitten die Nachbarin, das Mädchen auch einmal in der Kita abzuholen.
Musterlösung anzeigen
C: Die Beziehung zur Nachbarin ist eine Quelle von Halt und Anregung. Indem Sie sie aufgreifen, anerkennen Sie das Beziehungsnetz des Kindes und stärken sein Selbstvertrauen.

Kapitel 4: Mein eigener Umgang mit digitalen und sozialen Medien

Leistungsziel c3.2.2: Die Fachperson Betreuung reflektiert den eigenen Umgang mit sozialen Medien und unterscheidet zwischen eigener privater Nutzung und den Aufgaben als Berufsperson. (K4)

Digitale und soziale Medien prägen heute, wie Menschen Beziehungen pflegen. Bevor es in den nächsten Kapiteln um Ihre Rolle als Berufsperson und um Ihre rechtliche Verantwortung geht, beginnt dieses Kapitel bei Ihnen selbst. Einen professionellen Umgang mit Medien entwickeln Sie nur, wenn Sie zuerst Ihre eigenen Gewohnheiten kennen. Dieses Kapitel ist eine Einladung zur Selbstreflexion, keine Bewertung Ihres Verhaltens.

4.1 Meine Mediennutzung und meine Gewohnheiten

Zu den digitalen und sozialen Medien gehören das Smartphone mit seinen Apps, soziale Netzwerke wie Instagram, TikTok oder Snapchat, Messenger wie WhatsApp, dazu Streamingdienste und Spiele. Sie zu nutzen ist normal und für die meisten ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Mit Freundinnen und Freunden in Kontakt bleiben, sich verabreden, Fotos teilen, sich informieren: Vieles davon ist Beziehungspflege.

Interessant ist, wie wir Medien nutzen. Vieles läuft automatisch ab, ohne bewusste Entscheidung. Wir greifen zum Handy, sobald eine Pause entsteht, scrollen weiter, obwohl wir aufhören wollten, oder öffnen eine App, ohne zu wissen warum. Solche Gewohnheiten sind nicht schlimm, aber sie geschehen oft unbemerkt. Genau deshalb lohnt es sich, sie bewusst anzuschauen.

Zum Nachdenken

  • Wann am Tag nutze ich mein Handy am häufigsten?
  • Welche App öffne ich zuerst, fast ohne nachzudenken?
  • In welchen Situationen greife ich aus Langeweile, Müdigkeit oder Unsicherheit zum Handy?
  • Mit wem pflege ich über Medien Beziehungen, und wie wichtig sind mir diese Kontakte?
Glühbirne Merke

Mediennutzung ist normal und vieles daran läuft automatisch ab. Der erste Schritt zu einem professionellen Umgang ist, die eigenen Gewohnheiten bewusst wahrzunehmen.

4.2 Ablenkung, Erreichbarkeit und Konzentration

Viele Apps sind so gestaltet, dass sie Aufmerksamkeit anziehen: mit Benachrichtigungen, mit Videos, die automatisch weiterlaufen, oder mit Likes, die man nicht vorhersehen kann. Jedes Vibrieren und jeder rote Punkt ist ein kleines Signal, das zum Hinschauen verleitet. Wie stark das wirkt, ist von Person zu Person verschieden.

Daraus entstehen drei Wirkungen, die zusammenhängen. Die Ablenkung reisst uns aus dem, was wir gerade tun, und sei es nur für einen kurzen Blick. Die ständige Erreichbarkeit erzeugt das Gefühl, sofort antworten zu müssen und nichts verpassen zu dürfen. Und häufige Unterbrechungen können die Konzentration erschweren. Wie stark, hängt von der Aufgabe, der Person und den Einstellungen am Handy ab. Viele Menschen kennen das: Schon ein Handy, das auf dem Tisch liegt, zieht den Blick immer wieder an.

WirkungWie ich sie bei mir bemerke
AblenkungIch lese einen Text und merke plötzlich, dass ich seit zehn Minuten Nachrichten beantworte.
Ständige ErreichbarkeitIch fühle mich unruhig, wenn ich eine Nachricht nicht sofort beantworte.
Sinkende KonzentrationIch brauche länger für eine Aufgabe, weil ich immer wieder aufs Display schaue.

Für die Betreuungsarbeit ist das zentral, denn echte Präsenz, wie Sie sie aus Kapitel 1 kennen, verträgt sich schlecht mit geteilter Aufmerksamkeit. Was das für Ihren Kita-Alltag bedeutet, zeigt Kapitel 5. Hier geht es zunächst darum, diese Wirkungen bei sich selbst zu erkennen.

Glühbirne Merke

Viele Apps sind darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit anzuziehen. Wer Ablenkung und Erreichbarkeitsdruck bei sich erkennt, kann bewusster damit umgehen.

4.3 Selbstreflexion als Ausgangspunkt

Das Leistungsziel verlangt von Ihnen, den eigenen Umgang mit Medien zu reflektieren und private Nutzung von den Aufgaben als Berufsperson zu unterscheiden. Diese Unterscheidung gelingt nur, wenn Sie Ihre eigenen Muster kennen. Wer die eigene Ablenkbarkeit nicht bemerkt, kann sie im Beruf auch nicht steuern.

Selbstreflexion heisst, den eigenen Umgang ehrlich anzuschauen, ohne sich dafür zu verurteilen. Es geht nicht darum, das Handy schlechtzureden oder ein schlechtes Gewissen zu entwickeln, sondern darum, Fragen zu stellen, ehrlich zu antworten und eigene Schlüsse zu ziehen. Selbstreflexion ist keine einmalige Aufgabe, sondern eine Haltung, die Sie immer wieder einnehmen.

Eine einfache Hilfe sind drei Fragen, die Sie in jeder Situation stellen können:

FrageWorauf sie zielt
Was tue ich gerade?Das eigene Verhalten bemerken, bevor es automatisch weiterläuft.
Wozu nutze ich das gerade?Erkennen, welche Funktion die Nutzung hat: Kontakt, Information, Entspannung, Gewohnheit, Ablenkung oder etwas anderes.
Passt das zu meiner jetzigen Rolle?Unterscheiden, ob ich gerade als Privatperson oder als Berufsperson handle.

Zum Nachdenken

  • Wo unterscheidet sich mein Medienverhalten in der Freizeit von dem, das ich mir im Beruf wünsche?
  • Welche eine kleine Gewohnheit möchte ich bewusster gestalten?
Glühbirne Merke

Selbstreflexion heisst, den eigenen Umgang mit Medien ehrlich und ohne Verurteilung anzuschauen. Sie ist die Voraussetzung, um private Nutzung und Berufsrolle zu unterscheiden.

4.4 Praxissituation: Nur kurz aufs Handy

Praxissituation

Janine ist Lernende im ersten Lehrjahr in der Kita «Sternenland», in der Gruppe «Sternschnuppen». Nach einem langen Tag liegt sie am Abend auf dem Sofa und will nur kurz einer Freundin antworten. Eine Stunde später scrollt sie immer noch durch kurze Videos. Es ist nach Mitternacht. Am nächsten Morgen sitzt sie müde im gemeinsamen Morgenkreis der Gruppen «Sternschnuppen» und «Funkelsterne». Als die fünfeinhalbjährige Mia aus der Gruppe «Funkelsterne» ihr aufgeregt von ihrem verlorenen Milchzahn erzählt, merkt Janine, dass sie nur mit halbem Ohr zuhört. Mia zupft sie am Ärmel: «Losisch mir überhoupt zue?»

Was passiert hier?

Hier zeigt sich die automatische Mediennutzung aus 4.1. Aus der Absicht, kurz zu antworten, ist unbemerktes Weiterscrollen geworden. Die private Gewohnheit wirkt bis in den Arbeitstag hinein: Janine ist müde und nicht ganz präsent. Mia spürt das sofort.

Wichtig ist der Moment, in dem Janine es bemerkt. Das ist keine Niederlage, sondern der Beginn der Selbstreflexion.

Was hilft?

Janine wendet sich Mia zu und sagt ehrlich: «Du hesch rächt, i bi grad abglänkt gsi. Jetz lose ni dr zue. Verzeusch mer’s no einisch?» Am Abend stellt sie sich die drei Fragen aus 4.3 und entscheidet selbst, was sie ändern möchte, zum Beispiel das Handy nicht mehr mit ins Bett zu nehmen. Die Entscheidung trifft sie für sich, nicht weil jemand es verlangt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Digitale und soziale Medien zu nutzen ist normal. Vieles läuft automatisch ab.
  • Medien ziehen Aufmerksamkeit an. Ablenkung, ständige Erreichbarkeit und sinkende Konzentration hängen zusammen.
  • Echte Präsenz verträgt sich schlecht mit geteilter Aufmerksamkeit.
  • Selbstreflexion heisst, den eigenen Umgang ehrlich und ohne Verurteilung anzuschauen.
  • Drei Fragen helfen: Was tue ich? Wozu nutze ich das gerade? Passt das zu meiner jetzigen Rolle?
Wissenscheck Kapitel 4

1. Sie merken, dass Sie in jeder Znünipause sofort das Handy aus der Tasche nehmen, ohne zu wissen, was Sie eigentlich nachschauen wollen. Was ist der erste Schritt der Selbstreflexion?

  • A: Das Handy ab sofort zu Hause lassen.
  • B: Die Gewohnheit bemerken und sich fragen, wozu Sie das Handy in diesem Moment nutzen.
  • C: Sich vornehmen, sich weniger ablenken zu lassen.
  • D: Eine Kollegin bitten, Sie darauf hinzuweisen.
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B: Selbstreflexion beginnt mit dem Bemerken und mit der Frage, welche Funktion die Nutzung gerade hat. Erst daraus entstehen eigene, tragfähige Entscheidungen.

2. Eine Lernende sagt: «Ich muss mein Handy immer bei mir haben, sonst verpasse ich etwas.» Welche Wirkung digitaler Medien beschreibt sie?

  • A: Konzentration
  • B: Präsenz
  • C: Den Druck ständiger Erreichbarkeit
  • D: Selbstreflexion
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C: Das Gefühl, jederzeit reagieren zu müssen und nichts verpassen zu dürfen, entsteht aus der ständigen Erreichbarkeit.

3. Nach einem Abend am Handy sind Sie am Morgen unkonzentriert, und ein Kind fragt, ob Sie ihm überhaupt zuhören. Wie reagieren Sie professionell?

  • A: Sie sagen, dass Sie selbstverständlich zuhören.
  • B: Sie bitten das Kind, später wiederzukommen.
  • C: Sie wenden sich dem Kind zu, geben ehrlich zu, dass Sie abgelenkt waren, und lassen es noch einmal erzählen.
  • D: Sie erklären dem Kind, dass Erwachsene manchmal müde sind.
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C: Das Kind hat Ihre fehlende Präsenz richtig wahrgenommen. Ehrlichkeit und volle Zuwendung stellen die Verbindung wieder her und nehmen das Kind ernst.

Kapitel 5: Privatperson oder Berufsperson?

Leistungsziel c3.2.2: Die Fachperson Betreuung reflektiert den eigenen Umgang mit sozialen Medien und unterscheidet zwischen eigener privater Nutzung und den Aufgaben als Berufsperson. (K4)

In Kapitel 4 haben Sie Ihren eigenen Umgang mit Medien reflektiert. Nun folgt die zentrale Unterscheidung: die zwischen Ihnen als Privatperson und Ihnen als Berufsperson. Beide Rollen gehören zu Ihnen, doch sie folgen unterschiedlichen Regeln.

5.1 Zwei Rollen, zwei Verantwortungen

Als Privatperson entscheiden Sie in Ihrer Freizeit weitgehend selbst, wie Sie Medien nutzen. Sie bestimmen, was Sie ansehen, was Sie veröffentlichen und wie erreichbar Sie sind. Diese Freiheit hat aber Grenzen: Ihr Lehr- oder Arbeitsvertrag, die Regeln des Betriebs und die Persönlichkeitsrechte anderer gelten auch ausserhalb der Arbeitszeit.

Als Berufsperson tragen Sie Verantwortung für die betreuten Kinder. Sobald Sie im Dienst sind oder es um Ihre Arbeit geht, ist Ihr Medienverhalten nicht mehr allein Privatsache. Es wirkt sich auf Ihre Präsenz aus, auf Ihre Vorbildwirkung und auf den Schutz der Kinder und ihrer Familien. Im Zentrum steht dann das Wohl der Kinder.

Privat ist dabei nicht schlecht und beruflich nicht gut. Beide Rollen sind in Ordnung. Wichtig ist, dass Sie jederzeit wissen, in welcher Rolle Sie gerade sind, und entsprechend handeln.

FrageAls PrivatpersonAls Berufsperson
Wer entscheidet?Weitgehend Sie selbstSie, gebunden an Ihren Auftrag und die Regeln des Betriebs
Was steht im Zentrum?Ihre eigenen Bedürfnisse und InteressenDas Wohl und der Schutz der Kinder
ErreichbarkeitSo, wie es Ihnen passtWährend der Betreuung sind Sie für die Kinder da
VeröffentlichenIhre eigene WahlKeine Inhalte, die Kinder, Familien, Kolleginnen und Kollegen oder den Betrieb erkennbar machen, auch ohne Namen
Glühbirne Merke

Als Privatperson entscheiden Sie weitgehend frei, als Berufsperson tragen Sie Verantwortung für die Kinder. Entscheidend ist, dass Sie wissen, in welcher Rolle Sie gerade sind.

5.2 Wenn die Grenze überschritten wird

Die Grenze zwischen privat und beruflich verschwimmt selten mit Absicht. Meist geschieht es beiläufig, in einem unbedachten Moment. Die folgenden Beispiele zeigen typische Situationen.

SituationWarum sie heikel ist
Eine Lernende macht im Gruppenraum ein lustiges Selfie und stellt es am Abend in ihre private Story. Im Hintergrund sind zwei Kinder zu sehen.Bilder von betreuten Kindern gehören nie in private Kanäle, auch nicht im Hintergrund. Die rechtliche Seite folgt in Kapitel 6.
Eine Fachperson nimmt die Mutter eines betreuten Kindes als Kontakt auf Instagram an und teilt dort Privates.Berufliche und private Beziehung vermischen sich. Das kann professionelle Grenzen und die Gleichbehandlung aller Familien erschweren. Massgebend ist die Regel des Betriebs. Im Zweifel lehnen Sie die Anfrage freundlich ab.
Nach einem anstrengenden Tag schreibt eine Fachperson in einem Gruppenchat einen genervten Beitrag über «ein Kind», das sie sehr gefordert hat. Namen nennt sie keine.Auch indirekte Angaben können ein Kind erkennbar machen. Das verletzt die Privatsphäre des Kindes und das Vertrauen der Familie. Belastende Situationen besprechen Sie im Team, nicht in privaten Chats.
Ein Vater schreibt einer Lernenden am Sonntagabend privat über WhatsApp, ob sein Sohn am Montag früher kommen darf.Die Lernende gerät in eine Rolle, die ihr nicht zusteht. Anfragen der Eltern laufen über die offiziellen Kanäle des Betriebs.
Glühbirne Merke

Die Grenze ist überschritten, sobald Kinder, Familien oder Inhalte aus dem Betrieb in Ihre private Mediennutzung geraten. Berufliche Anliegen gehören in die offiziellen Kanäle des Betriebs, auch ausserhalb der Arbeitszeit.

5.3 Ablenkung und Vorbildfunktion im Kita-Alltag

Im Kita-Alltag bekommt Ablenkung eine besondere Bedeutung, denn hier sind Sie für Kinder verantwortlich. Ein kurzer Blick aufs Handy unterbricht Ihre Präsenz. In diesem Moment nehmen Sie weniger wahr, was in der Gruppe geschieht, und auch Ihre Aufsicht ist eingeschränkt. Deshalb haben die meisten Betriebe klare Handyregeln. Private Nutzung gehört in der Regel in die Pausen.

Dazu kommt die Vorbildfunktion. Kinder beobachten genau, wie Erwachsene mit dem Handy umgehen, und übernehmen dieses Verhalten. Wenn Sie beim Spielen immer wieder aufs Display schauen, vermitteln Sie: Das Handy ist wichtiger als das, was wir gerade gemeinsam tun. Gehen Sie achtsam mit Medien um, sind Sie auch darin ein Vorbild, besonders für ältere Kinder in der Tagesbetreuung, die selbst beginnen, Medien zu nutzen.

Wie Kinder am Vorbild lernen, erklärt HK f2, Kapitel 4 «Lernen am Modell».

Glühbirne Merke

Während der Betreuung gelten die Handyregeln des Betriebs, private Nutzung gehört in die Pausen. Ein Blick aufs Handy unterbricht Präsenz und Aufsicht, und Kinder lernen an Ihrem Vorbild.

5.4 Praxissituation: Abebas vibrierendes Handy

Praxissituation

In der Tagesbetreuung «Moosried» betreut die Lernende Abeba im zweiten Lehrjahr am Mittwochnachmittag die Bauecke. In ihrer Hosentasche vibriert das Handy, das sie entgegen der Regel nicht im Spind gelassen hat. Eine Nachricht von einer Freundin. Abeba spürt den Impuls, kurz nachzuschauen. Im selben Moment ruft der achtjährige Hamza: «Abeba, luag emal!» und zeigt ihr stolz seinen Turm aus Kapla-Hölzern. Abeba lässt das Handy stecken, geht zu Hamza, schaut sich den Turm genau an und fragt, wie er ihn so hoch gebaut hat. Hamza erklärt ihr ausführlich seine Technik.

Was passiert hier?

Während der Betreuung ist Abeba Berufsperson. Sie bemerkt den Impuls, das Handy herauszunehmen, und entscheidet sich bewusst dagegen. Hier wirkt die Selbstreflexion aus Kapitel 4: Sie erkennt die Situation und weiss, in welcher Rolle sie ist.

Hätte Abeba aufs Handy geschaut, wäre sie für einen Moment nicht präsent gewesen, und Hamza hätte erlebt, dass das Handy wichtiger ist als sein Turm. So schenkt sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit und ist ein Vorbild.

Was hilft?

Abeba liest die Nachricht erst in ihrer Pause. Nach dem Nachmittag legt sie das Handy wieder in den Spind, wie es die Regel der Tagesbetreuung vorsieht, damit der Impuls gar nicht erst entsteht. Dieser kleine Schritt macht es ihr leichter, ganz bei den Kindern zu sein.

Das Wichtigste in Kürze

  • Als Privatperson entscheiden Sie weitgehend frei, als Berufsperson tragen Sie Verantwortung für die Kinder.
  • Entscheidend ist, jederzeit zu wissen, in welcher Rolle man gerade ist.
  • Die Grenze wird überschritten, wenn Kinder, Familien oder Inhalte aus dem Betrieb in private Kanäle geraten.
  • Anfragen von Eltern laufen über die offiziellen Kanäle des Betriebs.
  • Ein Blick aufs Handy im Dienst unterbricht Präsenz und Aufsicht.
  • Kinder lernen am Vorbild: Ihr Umgang mit Medien prägt sie mit.
Wissenscheck Kapitel 5

1. Nach dem Sommerfest schickt Ihnen eine Mutter privat ein schönes Foto, auf dem Sie mit ihrer Tochter tanzen. Sie möchten es gerne in Ihrer Story teilen. Wie entscheiden Sie?

  • A: Sie teilen es, weil die Mutter es Ihnen selbst geschickt hat.
  • B: Sie teilen es, wenn Sie das Gesicht des Kindes mit einem Emoji abdecken.
  • C: Sie teilen es nicht, weil darauf ein betreutes Kind zu sehen ist und das Foto aus Ihrer Berufsrolle stammt.
  • D: Sie teilen es nur mit engen Freundinnen.
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C: Das Foto zeigt ein betreutes Kind in Ihrer Berufsrolle. Solche Inhalte gehören nicht in private Kanäle, unabhängig davon, woher das Bild stammt.

2. Ein Vater fragt Sie beim Abholen nach Ihrer Handynummer, damit er Ihnen «schneller Bescheid geben» kann. Wie reagieren Sie?

  • A: Sie geben ihm die Nummer, weil das die Zusammenarbeit erleichtert.
  • B: Sie erklären freundlich, dass Mitteilungen über die Kita-Nummer oder die Kita-App laufen, und zeigen ihm, wie er diese erreicht.
  • C: Sie sagen, dass Sie kein Handy haben.
  • D: Sie geben ihm die Nummer einer Kollegin.
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B: Sie bleiben freundlich und nehmen sein Anliegen ernst, trennen aber klar zwischen privat und beruflich. Die offiziellen Kanäle schützen beide Seiten.

3. Während des Freispiels in der Tagesbetreuung sieht ein Kind, wie Sie kurz aufs Handy schauen. Es fragt: «Dörfe mir jetzt o gamen?» Was zeigt diese Frage?

  • A: Dass das Kind zu viel Bildschirmzeit hat.
  • B: Dass Kinder das Verhalten von Erwachsenen beobachten und für sich übernehmen wollen.
  • C: Dass das Kind die Regeln der Tagesbetreuung nicht kennt.
  • D: Dass Sie das Handy besser verstecken sollten.
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B: Das Kind orientiert sich an Ihrem Vorbild. Was Sie tun, wirkt stärker als jede Regel, die Sie aussprechen.

Kapitel 6: Digitale Medien in der Beziehungspflege: Chancen, Risiken, Verantwortung

Leistungsziel c3.2.1: Die Fachperson Betreuung zeigt die Chancen und Risiken von sozialen und digitalen Medien in der Beziehungspflege anhand von Beispielen auf. (K2)

In Kapitel 5 haben Sie die private von der beruflichen Rolle unterschieden. Als Berufsperson sind Sie im Umgang mit digitalen Medien zudem an rechtliche Grundsätze gebunden. Dieses Kapitel zeigt zuerst, was Sie rechtlich beachten müssen, und dann, wo digitale Medien Beziehungen im Betreuungsalltag stärken und wo sie ihnen schaden. Es ersetzt keine Rechtsberatung. Verbindlich sind immer auch die Vorgaben Ihres Betriebs, die kantonal oder kommunal ergänzt sein können.

6.1 Recht am eigenen Bild und Persönlichkeitsschutz

Jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass seine Persönlichkeit geschützt wird. In der Schweiz regelt das Zivilgesetzbuch diesen Persönlichkeitsschutz. Ein wichtiger Teil davon ist das Recht am eigenen Bild: Erkennbare Fotos und Videos berühren diesen Schutz. Ob eine Aufnahme, die interne Verwendung oder eine Veröffentlichung erlaubt ist, hängt vom Zweck, vom Zusammenhang und von den Regeln des Betriebs ab.

Bei Kindern entscheiden die Personen mit der elterlichen Sorge oder die gesetzlich zuständigen Personen, etwa bei Kindern, die im Kinderheim leben. Das Kind selbst wird seinem Alter entsprechend informiert und einbezogen, denn seine Meinung ist nach Art. 12 der UN-Kinderrechtskonvention angemessen zu berücksichtigen. Viele Kitas holen die Einwilligung beim Eintritt schriftlich ein. Eine gute Einwilligung unterscheidet genau, wofür Bilder verwendet werden dürfen: Portfolio, Eltern-App, Aushang, Website, Social Media oder Druckmaterial. Sie ist schriftlich festgehalten und kann widerrufen werden. Eine Einwilligung für das Portfolio gilt also nicht automatisch für die Website. An diese Vorgaben halten Sie sich genau.

Für Ihren Alltag heisst das: Fotos von betreuten Kindern gehören nie auf Ihr privates Gerät oder in Ihre privaten Kanäle. Bilder entstehen nur auf den vom Betrieb vorgesehenen Wegen und nur, wenn eine Einwilligung vorliegt. Wenn Sie unsicher sind, gilt: kein Bild und keine Weitergabe, bis Sie mit der zuständigen Leitung Rücksprache genommen haben.

Glühbirne Merke

Jedes Kind hat ein Recht am eigenen Bild. Fotos und Videos entstehen nur im Rahmen der Einwilligung, für den dort festgehaltenen Zweck und auf den Wegen des Betriebs. Im Zweifel gilt: kein Bild, Rücksprache mit der Leitung.

6.2 Chancen und Risiken digitaler Medien in der Beziehungspflege

Digitale Medien sind im Betreuungsalltag nicht nur ein Risiko. Richtig eingesetzt, können sie Beziehungen stärken: zwischen Kita und Eltern, zwischen Kindern und Angehörigen, die weit weg leben, oder zwischen Kindern, die sich nicht täglich sehen. Zugleich können dieselben Medien Beziehungen stören oder Kinder verletzen. Entscheidend ist, wie und wofür sie eingesetzt werden. Die folgenden Beispiele zeigen beide Seiten.

BeispielChance für die BeziehungRisiko
Kita-App mit kurzen TagesrückmeldungenEltern erfahren, was ihr Kind erlebt hat, und können am Abend daran anknüpfen.Das persönliche Gespräch beim Abholen kann knapper werden. Familien ohne App, mit wenig Deutschkenntnissen oder wenig Erfahrung mit digitalen Medien brauchen einen anderen Zugang.
Videoanruf von Tim (6) aus dem Kinderwohnen «Seetal» mit seiner MutterTim hält zwischen den Besuchen Kontakt zu seiner Mutter und erlebt, dass sie an ihn denkt.Anrufe finden nur im Rahmen der vereinbarten Kontaktregelung statt, über die nicht die FaBe entscheidet. Nach dem Anruf braucht Tim oft Begleitung, weil Sehnsucht und Trauer hochkommen können.
Digitale Grusskarte der Gruppe an ein Kind im SpitalDas kranke Kind bleibt Teil der Gruppe. Die anderen Kinder üben Anteilnahme.Fotos der Gruppe gelangen ohne Einwilligung aller Eltern nach aussen.
Jugendliche im Kinderheim mit eigenem HandyFreundschaften aus der früheren Schule und dem Quartier bleiben bestehen, obwohl die Jugendlichen umgezogen sind.Kontakte, die nicht erlaubt sind, oder verletzende Nachrichten. Bei Gefährdung gilt das Schutzkonzept des Heims. Begleiten heisst nicht einfach überwachen, sondern Schutz und Privatsphäre der Jugendlichen abwägen.
Kinder der Tagesbetreuung in einem KlassenchatKinder verabreden sich und pflegen Freundschaften auch am Wochenende.Ausgrenzung, wenn einzelne Kinder nicht im Chat sind.
Gemeinsames Spiel am Tablet in der TagesbetreuungKinder erleben zusammen etwas, sprechen darüber und helfen einander.Das Tablet ersetzt das Gespräch, jedes Kind starrt allein auf den Bildschirm.

In der Tagesbetreuung begleiten Sie Kinder zunehmend auch in ihrer eigenen Mediennutzung. Ein neunjähriges Kind, das im Klassenchat ausgelacht wurde, erzählt davon vielleicht zuerst Ihnen. Hier geht es nicht darum, Medien zu verbieten, sondern darum, dem Kind zuzuhören, mit ihm zu besprechen, was im Chat passiert ist, und bei Bedarf die Eltern einzubeziehen. Sie zeigen den Kindern so, dass auch digitale Beziehungen Rücksicht brauchen. Betreuungspersonen haben im Medienalltag der Kinder eine aktive Begleitfunktion. Praktische Empfehlungen bietet die Plattform Jugend und Medien (Jugend und Medien & ZHAW, 2024).

Die Grundhaltung dahinter: Digitale Kommunikation kann Beziehungen über Distanz sinnvoll ergänzen, etwa für Tim, für den der Kontakt zur Herkunftsfamilie ein anerkannter Standard ist (Quality4Children, 2008). Im Betreuungsalltag bleibt die direkte, präsente Begegnung mit dem Kind aber besonders wichtig. Sie bleibt, wie Kapitel 1 und Kapitel 2 gezeigt haben, der Kern Ihrer Arbeit.

Glühbirne Merke

Digitale Medien können Beziehungen über Distanz und zwischen Kita und Familie stärken. Im Betreuungsalltag bleibt die präsente Begegnung besonders wichtig.

6.3 Praxissituation: Das Gruppenfoto im Wald

Praxissituation

Die Tagesbetreuung «Moosried» verbringt den Mittwochnachmittag im Wald. Die Lernende Abeba im zweiten Lehrjahr möchte ein Gruppenfoto für die Portfolios machen. Bevor sie das Tablet der Tagesbetreuung hervornimmt, denkt sie an die Fotoeinwilligungen und erklärt den Kindern, wofür das Foto gedacht ist. Für die meisten Kinder liegt eine Einwilligung vor, für die neunjährige Nora jedoch nicht. Nora ist gerade mit dem Kescher am Bach und fängt Bachflohkrebse. Abeba stellt die Gruppe so auf, dass Nora nicht im Bild ist, und macht das Foto. Danach setzt sie sich zu Nora an den Bach und lässt sich ihre Fänge zeigen. Am Abend fragt eine Mutter, ob Abeba ihr das Foto «schnell aufs Handy» schicken könne.

Was passiert hier?

Abeba respektiert, dass für Nora keine Einwilligung vorliegt. Sie schützt ihr Recht am eigenen Bild und benutzt nur das Gerät der Tagesbetreuung. Zugleich achtet sie darauf, dass Nora nicht ausgeschlossen wird: Sie ist Teil des Ausflugs und erhält ihre Aufmerksamkeit, nur eben nicht auf dem Foto.

Die Anfrage der Mutter zeigt ein typisches Risiko: Auf dem Foto sind auch andere Kinder zu sehen, deren Eltern einer Weitergabe nicht zugestimmt haben.

Was hilft?

Abeba erklärt der Mutter freundlich, dass das Foto für die Portfolios gedacht ist und dass sie es nicht verschicken darf, weil auch andere Kinder darauf zu sehen sind. Möchte ein Kind nicht aufs Foto, respektiert Abeba das. Das Bild speichert sie nur im vorgesehenen System der Tagesbetreuung. Bei Unsicherheit fragt sie ihren Berufsbildner Remo. So verbindet sie rechtliche Sorgfalt mit Freundlichkeit gegenüber der Mutter.

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder Mensch hat einen Persönlichkeitsschutz, dazu gehört das Recht am eigenen Bild.
  • Fotos von Kindern brauchen eine Einwilligung für den konkreten Zweck. Das Kind wird altersgerecht einbezogen. Im Zweifel gilt: kein Bild.
  • Digitale Medien bieten in der Beziehungspflege Chancen, etwa über Distanz, und Risiken, etwa Ausgrenzung oder unkontrollierte Kontakte.
  • In der Tagesbetreuung begleiten Sie Kinder auch in ihrer eigenen Mediennutzung.
  • Digitale Medien ergänzen Beziehungen. Im Betreuungsalltag bleibt die präsente Begegnung besonders wichtig.
Wissenscheck Kapitel 6

1. Eine Kollegin möchte für den Elternabend eine Diashow mit Fotos aller Kinder zeigen. Für zwei Kinder fehlt die Einwilligung. Was schlagen Sie vor?

  • A: Die Fotos trotzdem zeigen, weil nur Eltern der Gruppe anwesend sind.
  • B: Nur Bilder verwenden, deren Einwilligung ausdrücklich auch den Elternabend abdeckt, oder Bilder wählen, auf denen kein Kind erkennbar ist.
  • C: Die Gesichter der beiden Kinder mit Emojis abdecken.
  • D: Die Fotos zeigen, aber nicht weitergeben.
Musterlösung anzeigen
B: Eine Einwilligung gilt für einen bestimmten Zweck. Auch das Zeigen am Elternabend ist eine Weitergabe an andere Eltern. Abdecken reicht oft nicht, weil Kinder an Kleidung oder Situation erkennbar bleiben.

2. Die Kita-Leitung schlägt vor, Eltern künftig nur noch über die App zu informieren und auf Gespräche beim Abholen zu verzichten. Wie schätzen Sie das fachlich ein?

  • A: Das ist sinnvoll, weil es allen Zeit spart.
  • B: Die App kann die Zusammenarbeit mit den Eltern ergänzen, ersetzt aber nicht das persönliche Gespräch, in dem Beziehung entsteht.
  • C: Apps sollten in der Kita grundsätzlich nicht eingesetzt werden.
  • D: Das ist in Ordnung, solange alle Eltern die App installiert haben.
Musterlösung anzeigen
B: Digitale Medien ergänzen den Kontakt. Die Erziehungspartnerschaft lebt vom direkten Kontakt, den eine App nur ergänzen kann.

3. In der Tagesbetreuung erzählt die neuneinhalbjährige Parwin, dass die anderen Mädchen einen Klassenchat ohne sie gegründet haben. Welche Reaktion entspricht dem Begleiten in der Mediennutzung?

  • A: Sie sagen Parwin, dass Chats in diesem Alter ohnehin verboten sein sollten.
  • B: Sie raten Parwin, selbst einen Chat zu gründen.
  • C: Sie hören Parwin zu, nehmen ihre Kränkung ernst, besprechen mit ihr, was sie sich wünscht, und informieren bei Bedarf die Eltern.
  • D: Sie sprechen die anderen Mädchen sofort vor der ganzen Gruppe darauf an.
Musterlösung anzeigen
C: Der Chat ist hier ein Ort der Ausgrenzung, ein typisches Risiko. Parwin braucht zuerst Zuwendung. Weitere Schritte besprechen Sie mit ihr und mit den Eltern.

Kapitel 7: Gruppen und Gruppendynamik

Leistungsziel c3.3.2: Die Fachperson Betreuung zeigt gruppendynamische Aspekte anhand von Beispielen auf. (K2)

In der Kita und in der Tagesbetreuung ist ein Kind immer auch Teil einer Gruppe, und in einer Gruppe laufen besondere Prozesse ab. Dieses Kapitel klärt, was eine Gruppe ausmacht, welche Rollen Kinder darin übernehmen, wie sich eine Gruppe über die Zeit entwickelt und was Sie in den verschiedenen Phasen tun können.

7.1 Merkmale von Gruppen

Mehrere Kinder im selben Raum bilden noch keine Gruppe. Typisch für eine Gruppe ist, dass die Kinder regelmässig miteinander zu tun haben, wissen, wer dazugehört, aufeinander reagieren und mit der Zeit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln, das Wir-Gefühl.

MerkmalWoran Sie es in der Kita erkennen
Regelmässiger KontaktDie Kinder sehen sich an festen Tagen und kennen einander.
ZugehörigkeitDie Kinder wissen, wer zur Gruppe gehört, und fragen nach, wenn jemand fehlt.
Gegenseitige BezugnahmeDie Kinder reagieren aufeinander, machen einander nach und warten aufeinander.
Gemeinsame Aktivitäten oder RegelnDie Kinder bauen zusammen eine Hütte oder erinnern einander daran, wie man um etwas bittet.
Wir-GefühlDie Kinder sagen «üsi Gruppe» oder vermissen ein Kind, wenn es fehlt.

Alles, was zwischen den Mitgliedern einer Gruppe geschieht, also Annäherung, Konflikte, Rollenverteilung und Veränderung, nennt man Gruppendynamik. In der Kita ist die Gruppe zwar vorgegeben, das Wir-Gefühl aber wächst erst nach und nach. Es zu fördern, gehört zu Ihren Aufgaben.

Glühbirne Merke

Eine Gruppe entsteht, wenn Kinder regelmässig miteinander zu tun haben, etwas gemeinsam haben und ein Wir-Gefühl entwickeln.

7.2 Rollen in der Gruppe

In jeder Gruppe übernehmen die Kinder unterschiedliche Rollen. Eine Rolle ist die typische Position, die ein Kind in der Gruppe einnimmt, und die Erwartung der anderen daran. Die folgende Übersicht zeigt einige häufige Rollen. Rollen sind Beobachtungen, keine Eigenschaften eines Kindes. Beschreiben Sie deshalb konkrete Situationen, statt ein Kind als «Aussenseiter» oder «Mitläufer» zu bezeichnen.

RolleTypisches Verhalten
Anführerin oder AnführerGibt oft den Ton an, hat Ideen und bringt andere zum Mitmachen.
Beliebtes KindWird von vielen gemocht und gesucht.
Spassmacherin oder SpassmacherBringt die Gruppe zum Lachen und löst Spannungen.
Vermittlerin oder VermittlerSchlichtet Streit und sorgt für Ausgleich.
Mitläuferin oder MitläuferSchliesst sich gern an, ohne selbst die Richtung vorzugeben.
Aussenseiterin oder AussenseiterSteht am Rand und wird selten einbezogen.

Diese Rollen sind nicht fest. Ein Kind kann in einer Gruppe der Spassmacher sein und in einer anderen zurückhaltend. Rollen verändern sich mit der Situation und mit der Zeit. Viele Verhaltensweisen enthalten auch Stärken: Ein Kind, das oft mitläuft, ist vielleicht besonders kooperativ, ein Kind, das anführt, voller Ideen. Dauerhafter Ausschluss oder Dominanz über andere brauchen aber Schutz und eine Veränderung der Situation, nicht nur einen positiven Blick. Besonders aufmerksam sind Sie bei der Aussenseiterrolle. Wenn ein Kind immer wieder ausgeschlossen wird, droht sie sich zu verfestigen. Ihre Aufgabe ist es, das früh zu bemerken und dafür zu sorgen, dass jedes Kind an der Gruppe teilhaben kann. Der Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung fragt bei Ausgrenzung nicht zuerst nach dem einzelnen Kind, sondern nach den Bedingungen in der Gruppe und in der Einrichtung (Wagner, 2022).

Glühbirne Merke

Kinder übernehmen in Gruppen unterschiedliche Rollen, die sich verändern können. Sie achten darauf, dass kein Kind dauerhaft am Rand bleibt.

Rollen prägen nicht nur Kindergruppen, sondern auch Teams. Siehe HK d1, Kapitel 1.2 «Position und Rolle» und Kapitel 3.2 «Teamrollen nach Belbin».

7.3 Gruppenphasen nach Tuckman

Gruppen entwickeln sich über die Zeit. Der Psychologe Bruce Tuckman beschrieb 1965 vier Phasen, 1977 ergänzte er sie gemeinsam mit Mary Ann Jensen um eine fünfte. Diese Gruppenphasen nach Tuckman helfen Ihnen zu verstehen, was in einer Gruppe gerade geschieht. Tuckman wertete für sein Modell Studien zu kleinen Gruppen Erwachsener aus, etwa Therapie- und Trainingsgruppen (Bonebright, 2010). Für Kita- und Tagesbetreuungsgruppen dient es nur als grobe Orientierung. Stellen Sie sich eine neu zusammengesetzte Gruppe der Tagesbetreuung nach den Sommerferien vor.

Abbildung 3: Die fünf Gruppenphasen nach Tuckman
Forming Orientierung Storming Konfrontation Norming Organisation Performing Zusammenarbeit Adjourning Abschied

Quelle: eigene Darstellung

PhaseWas in der Gruppe der Tagesbetreuung geschieht
Forming (Orientierung)Die Kinder lernen sich kennen, sind vorsichtig und orientieren sich stark an den Erwachsenen.
Storming (Konfrontation)Es gibt Reibereien. Die Kinder handeln aus, wer bestimmt, und testen Regeln aus.
Norming (Organisation)Gemeinsame Regeln entstehen, das Wir-Gefühl wächst.
Performing (Zusammenarbeit)Die Gruppe spielt und arbeitet gut zusammen und löst vieles selbst.
Adjourning (Abschied)Die Gruppe löst sich auf, etwa am Ende des Schuljahres oder beim Übertritt in eine neue Stufe.

Das Modell ist eine Vereinfachung. Echte Gruppen durchlaufen die Phasen nicht immer streng nacheinander. Kommt ein neues Kind dazu oder geht eine vertraute Fachperson, kann eine Gruppe in eine frühere Phase zurückfallen. Trotzdem hilft das Modell, wiederkehrende Abläufe zu beschreiben. Es erklärt aber nicht, warum ein bestimmter Konflikt oder Ausschluss entsteht. Wiederholte Ausgrenzung, Diskriminierung, Angst oder Gewalt sind keine normale Phase. Hier geht Schutz vor.

Glühbirne Merke

Nach Tuckman durchläuft eine Gruppe die Phasen Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning. Reibereien können dazugehören. Wiederholte Ausgrenzung oder Gewalt dürfen aber nie als normale Phase verharmlost werden.

7.4 Bedeutung für Ihre Arbeit als FaBe

Gruppendynamische Prozesse zu begleiten heisst, in jeder Phase etwas anderes zu tun. Die folgende Übersicht zeigt, was die Gruppe braucht und was Sie tun können.

PhaseWas die Gruppe brauchtIhre Aufgabe
FormingSicherheit und OrientierungKennenlernen ermöglichen, Rituale einführen, klare Abläufe geben
StormingFaire Begleitung von KonfliktenKonflikte aushalten, gemeinsame Regeln mit den Kindern aushandeln, vermitteln
NormingBestätigung des ErreichtenRegeln und Rituale festigen, das Wir-Gefühl stärken
PerformingRaum für EigenständigkeitSich zurücknehmen, begleiten statt steuern, altersgerecht Verantwortung und Mitbestimmung übergeben
AdjourningEinen guten AbschlussAbschied bewusst gestalten, Übergänge begleiten, Wertschätzung zeigen

Besonders die Performing-Phase zeigt einen Grundgedanken dieses Handlungskompetenzbereichs: Wenn die Gruppe gut zusammenarbeitet, treten Sie bewusst zurück und ermöglichen den Kindern Eigenständigkeit und Mitbestimmung. Für Schutz und Rahmen bleiben Sie verantwortlich.

Glühbirne Merke

In jeder Gruppenphase haben Sie eine andere Aufgabe: Orientierung geben, Konflikte begleiten, Regeln festigen, sich zurücknehmen, den Abschied gestalten.

7.5 Praxissituation: Die neue Gruppe

Praxissituation

Seit drei Wochen ist die Gruppe in der Tagesbetreuung «Moosried» nach den Sommerferien neu zusammengesetzt. Es gibt viel Streit darüber, wer bestimmt, was gespielt wird, und es bilden sich kleine Grüppchen. Die siebenjährige Sanduni wird beim Spielen immer wieder nicht mitgenommen und sitzt dann allein am Tisch. Linh, Lernende im dritten Lehrjahr, beobachtet das seit einigen Tagen. Beim Zvieri sagt Sanduni leise: «Mit mir wott äuä niemer spile.»

Was passiert hier?

Der Streit darüber, wer bestimmt, ist typisch für die Storming-Phase. Die Kinder handeln ihre Positionen aus. Solche Reibereien kommen in neu zusammengesetzten Gruppen häufig vor.

Gleichzeitig wird Sanduni wiederholt ausgeschlossen. Das ist nicht einfach Teil der Phase. Ihre Aussage zeigt, dass sie darunter leidet. Hier braucht es mehr als Abwarten.

Was hilft?

Linh nimmt Sandunis Aussage ernst und spricht nach dem Zvieri mit ihr über das, was sie gerne spielt. Mit der ganzen Gruppe erarbeitet sie eine Regel, wie abwechselnd ein Spiel bestimmt werden darf. So begleitet sie die Storming-Phase, statt Konflikte zu unterdrücken. Weil Sanduni gut zeichnet, gibt Linh ihr die Aufgabe, zusammen mit zwei anderen Kindern ein Plakat mit der neuen Regel zu gestalten. Sanduni wird gebraucht und kommt über eine Stärke in Kontakt mit anderen. Zudem notiert Linh konkrete Situationen, in denen Sanduni ausgeschlossen wird, und bespricht sie mit ihrer Berufsbildnerin Samira und im Team. Gemeinsam prüfen sie, ob die Spielangebote Sanduni den Anschluss erleichtern und wie sie ihre Teilhabe gezielt unterstützen können.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Gruppe entsteht durch regelmässigen Kontakt, etwas Gemeinsames und ein Wir-Gefühl.
  • Gruppendynamik umfasst alles, was zwischen den Mitgliedern einer Gruppe geschieht.
  • Kinder übernehmen Rollen, die sich verändern können. Kein Kind soll dauerhaft in der Aussenseiterrolle bleiben.
  • Nach Tuckman durchläuft eine Gruppe die Phasen Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning.
  • Das Modell ist eine grobe Orientierung. Wiederholte Ausgrenzung ist keine normale Phase, hier geht Schutz vor.
  • In jeder Phase hat die Fachperson eine andere Aufgabe. In der Performing-Phase nimmt sie sich bewusst zurück.
Wissenscheck Kapitel 7

1. In einer Kita-Gruppe, die seit Monaten gut zusammenspielt, gibt es plötzlich wieder mehr Streit. Zwei neue Kinder sind vor einer Woche dazugekommen. Wie ordnen Sie das ein?

  • A: Die Gruppe hat versagt und muss neu gebildet werden.
  • B: Die Gruppe ist durch die neuen Kinder in eine frühere Phase zurückgefallen, was normal ist.
  • C: Die neuen Kinder stören und sollten in eine andere Gruppe wechseln.
  • D: Die Gruppe befindet sich in der Adjourning-Phase.
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B: Neue Mitglieder verändern die Gruppe. Positionen werden neu ausgehandelt. Das Modell von Tuckman erklärt solche Rückschritte als Teil der Gruppendynamik.

2. Die Kinder einer Gruppe der Tagesbetreuung organisieren ihr Spiel am Nachmittag weitgehend selbst und lösen kleine Konflikte ohne Hilfe. Was tun Sie?

  • A: Sie geben mehr Struktur vor, damit es so bleibt.
  • B: Sie nehmen sich zurück, bleiben aufmerksam und übergeben den Kindern mehr Verantwortung.
  • C: Sie ziehen sich ganz aus dem Raum zurück.
  • D: Sie planen neue Aktivitäten, damit keine Langeweile entsteht.
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B: Die Gruppe ist in der Performing-Phase. Ihre Aufgabe ist es, Eigenständigkeit zu ermöglichen und trotzdem präsent zu bleiben.

3. Hamza (8) ist in der Tagesbetreuung meist der Spassmacher. Wenn ernsthaft gearbeitet wird, stört er oft. Wie gehen Sie ressourcenorientiert damit um?

  • A: Sie weisen ihn jedes Mal zurecht, bis er aufhört.
  • B: Sie ignorieren seine Spässe konsequent.
  • C: Sie erkennen seine Fähigkeit, Spannungen zu lösen, und geben ihm Gelegenheiten, sie sinnvoll einzusetzen, etwa beim Anleiten eines Spiels.
  • D: Sie erklären der Gruppe, dass Hamza eben so ist.
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C: Jede Rolle hat Stärken. Wenn Hamza seine Stärke an passender Stelle einsetzen kann, verfestigt sich die Rolle weniger und er erlebt sich als wertvoll für die Gruppe.

Synthese · Ein Jahr mit Lina

Im Berufsalltag treten Beziehungsnetz, Familie, Medien und Gruppe nie einzeln auf, sondern gleichzeitig. Die Konzepte dieses Lerntexts sind verschiedene Blickwinkel auf dasselbe Kind. Die folgende Situation begleitet Lina, die Sie aus dem Einstieg und aus Kapitel 1 kennen, durch ihr erstes Jahr in der Kita «Sternenland».

Die Praxissituation

Praxissituation

Im Herbst, zehn Wochen nach dem Eintritt, winkt Lina der Mami beim Abschied kurz zu und geht von sich aus zu Mira. Von dort wagt sie sich zu den anderen Kindern. Als Kaan ihr einen Holzring hinhält, nimmt Lina ihn und spielt neben ihm weiter. Mira bleibt in der Nähe.

Im Winter streiten Lina und Emir um die einzige rote Sandschaufel. Mira beobachtet, ob der Streit für beide bewältigbar bleibt, und greift nicht ein. Nach kurzem Ziehen sagt Lina: «Du zersch, när ig.» Emir nickt. In derselben Woche erzählt Lina beim Zvieri, der Papi arbeite viel und die Mami sei oft müde, aber am Sonntag seien sie bei Grosi und Grossätti gewesen. Mira hört zu, fragt nach dem Besuch und sagt nichts über die Eltern.

Im Frühling klettert Lina zum ersten Mal allein die Rutschbahn hoch. Mira fotografiert den Moment mit dem Kita-Tablet für das Portfolio. Kurz denkt sie daran, wie schön sich das Bild in ihrer eigenen Story machen würde. Sie bemerkt den Impuls, prüft die Einwilligung und legt das Bild nur im Portfolio ab.

Im Sommer kommt die zwei Jahre und drei Monate alte Zehra neu in die Gruppe. Sie weint beim Abschied und sitzt oft allein am Rand, denn die eingespielte Gruppe nimmt sie kaum mit. Eines Nachmittags geht Lina zu ihr, hält ihr einen Holzklotz hin und sagt: «I zeig dr öppis.»

Vergleichstabelle: Wo sehe ich welches Konzept bei Lina?

Kapitel · KonzeptWo zeigt sich das bei Lina?
1 · Sichere Basis und BeziehungsnetzIm Herbst nutzt Lina Mira als sichere Basis und erweitert von dort aus ihr Netz zu Kaan. Der kurze Gruss an die Mami zeigt, dass die Familie ihren Platz behält.
2 · Beziehungen als ÜbungsfeldIm Streit um die Sandschaufel handeln Lina und Emir selbst eine Lösung aus. Mira ermöglicht das und achtet darauf, dass der Streit für beide sicher bleibt.
3 · Familie und Umfeld als RessourceDer Besuch bei den Grosseltern scheint Lina in dieser Woche wichtig zu sein. Mira greift ihn auf, ohne die Familiensituation zu deuten oder die Eltern zu bewerten.
4 · SelbstreflexionMira bemerkt ihren Impuls, das Foto privat zu teilen, bevor sie handelt.
5 · Privatperson oder BerufspersonMira entscheidet sich als Berufsperson: Das Bild gehört nicht in ihre private Story.
6 · Recht am eigenen Bild, Chancen digitaler MedienDas Foto entsteht auf dem Kita-Tablet mit Einwilligung und dient der Dokumentation. Im Portfolio stärkt es das Gespräch mit den Eltern über Linas Fortschritte.
7 · GruppendynamikMit Zehra kommt ein neues Mitglied in eine eingespielte Gruppe. Sie findet noch wenig Anschluss, das Team beobachtet, ob sich das wiederholt. Lina geht auf sie zu und gibt weiter, was sie im Herbst selbst erlebt hat.

Der rote Faden

Über das ganze Jahr greifen dieselben vier Handlungen ineinander. Mira nimmt wahr, was Lina gerade braucht: Nähe, Raum für einen Streit, ein offenes Ohr. Sie ermöglicht, ohne zu ersetzen: Lina löst den Streit selbst und findet selbst den Weg zu Zehra. Sie begleitet, ohne zu drängen, beim Ablösen von der Mami ebenso wie in der veränderten Gruppe. Und sie schützt, wo es nötig ist: Linas Bild und ihre Familie vor abwertenden Worten.

Glühbirne Merke

Wahrnehmen, ermöglichen, begleiten und schützen ist eine Grundhaltung. Sie zeigt sich in der Beziehung zu einem einzelnen Kind genauso wie im Umgang mit der Handykamera oder in der Begleitung einer Gruppe.


Glossar

Aussenseiterrolle Situation eines Kindes, das in der Gruppe wiederholt am Rand steht und selten einbezogen wird. Sie beschreibt eine Lage, keine Eigenschaft des Kindes, und darf sich nicht verfestigen.
Beziehung Verbindung zwischen zwei oder mehr Menschen, die über die Zeit besteht und durch wiederholte Begegnungen geprägt wird.
Beziehungsnetz Gesamtheit der Beziehungen eines Kindes: Familie und Verwandtschaft, andere Kinder, Fachpersonen und weiteres Umfeld.
Bezugsperson Fachperson, die für ein bestimmtes Kind besonders zuständig ist, vor allem für Eingewöhnung, Kontinuität und den Austausch mit den Eltern. Sie arbeitet im Team und stärkt weitere Beziehungen des Kindes.
Erziehungspartnerschaft Respektvolle Zusammenarbeit von Eltern und Fachpersonen im Interesse des Kindes, auch wenn ihre Vorstellungen nicht immer gleich sind.
Gruppe Mehrere Menschen, die regelmässig miteinander zu tun haben, etwas gemeinsam haben und ein Wir-Gefühl entwickeln.
Gruppendynamik Vorgänge, die in einer Gruppe zwischen den Mitgliedern ablaufen: Annäherung, Konflikte, Rollenverteilung und Veränderung über die Zeit.
Gruppenphasen nach Tuckman Modell mit fünf Phasen, die eine Gruppe durchlaufen kann: Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning.
Loyalitätskonflikt Innere Zwickmühle eines Kindes, das sich zwischen zwei ihm wichtigen Seiten entscheiden müsste, etwa zwischen Fachperson und Familie.
Präsenz Wirklich anwesend sein: mit ungeteilter Aufmerksamkeit beim Kind und bei dem, was gerade geschieht.
Rolle Wiederkehrende Position oder Erwartung in einer Gruppe. Rollen hängen von der Situation ab und sind keine festen Eigenschaften eines Kindes.
Selbstreflexion Das eigene Verhalten ehrlich und ohne Verurteilung anschauen, um daraus Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen.
Sozialisation Prozess, in dem ein Kind lernt, wie Zusammenleben funktioniert: Sprache, Werte, Regeln und Umgangsformen.
Vorbildfunktion Kinder beobachten Erwachsene und übernehmen ihr Verhalten. Die Fachperson ist sich bewusst, dass ihr Handeln nachgeahmt wird.
Wir-Gefühl Gefühl der Zusammengehörigkeit in einer Gruppe: «Wir gehören zusammen.»

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Fachliche Grundlagen und Vertiefung

Zur Entstehung

Dieser Lerntext orientiert sich am Bildungsplan Fachperson Betreuung EFZ und an ausgewählten fachlichen Grundlagen. Er wurde mit Unterstützung von Claude Opus 5 (Anthropic) erstellt und anschliessend von Fachlehrpersonen fachlich-didaktisch überprüft und redigiert.

Der Lerntext beruht nicht auf einer systematischen Literaturrecherche.

Die folgenden Quellen wurden für zentrale fachliche Aussagen, Modelle und Tabellen herangezogen. Weiterführende Literatur ist jeweils dort angegeben, wo sie zur Einordnung oder Vertiefung dient.

Im Text genannt

Ahnert, L., Pinquart, M. & Lamb, M. E. (2006). Security of children’s relationships with nonparental care providers: A meta-analysis. Child Development, 77(3), 664–679. https://doi.org/10.1111/j.1467-8624.2006.00896.x

Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Lawrence Erlbaum.

Bonebright, D. A. (2010). 40 years of storming: A historical review of Tuckman’s model of small group development. Human Resource Development International, 13(1), 111–120. https://doi.org/10.1080/13678861003589099

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Jugend und Medien, Nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen (BSV) & ZHAW. (2024). Medienkompetenz. Empfehlungen zum Umgang mit digitalen Medien. Für Eltern und Bezugspersonen (8. Aufl.). Bundesamt für Sozialversicherungen.

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SBFI (Hrsg.). (2021). Bildungsplan Fachperson Betreuung EFZ. SAVOIRSOCIAL.

Schweizerisches Zivilgesetzbuch (ZGB) vom 10. Dezember 1907, SR 210, Art. 28.

Tuckman, B. W. (1965). Developmental sequence in small groups. Psychological Bulletin, 63(6), 384–399.

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Übereinkommen über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989 (UN-Kinderrechtskonvention), für die Schweiz in Kraft seit 26. März 1997, SR 0.107.

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Wehinger, U. (2022). Eltern beraten, begeistern, einbeziehen. Erziehungspartnerschaft in der Kita (überarb. Neuausgabe). Herder.

Wustmann Seiler, C. & Simoni, H. (2016). Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz (3. Aufl.). Marie Meierhofer Institut für das Kind, im Auftrag der Schweizerischen UNESCO-Kommission und des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz.

Konzeption und fachliche Leitung

Sara Wüthrich-Gut, Berufsfachschullehrperson FaBe.